Lenin – Ein Leben

Von René Lindenau

Seine Hebamme soll über ihn gesagt haben: „Er wird einmal sehr intelligent oder aber sehr dumm.“ Der Neugeborene entschied sich für ersteres, wie seine spätere Schullaufbahn bewies – auch wenn sein weiterer Lebenslauf reich an Dummheiten und Irrwegen war.

Eine zumindest bis zur Hinrichtung seines Bruders unbeschwerte Kindheit, Jurastudium, die Weg zum Revolutionär, Verbannung, Exil und schließlich sein Agieren als Revolutionsführer sowie lange Krankheit und früher Tod – so könnte man ihn beschreiben, den Mann, der sich Lenin nannte. Der Historiker Victor Sebestyen legt im 100. Jahr nach der Russischen Revolution eine umfassende Biographie ihres herausragenden Protagonisten vor.

Was da verschriftlicht wurde, ist ein komplexes Werk über ein in vielerlei Hinsicht bemerkenswertes Leben. Manches trägt zur Annäherung an seine Person bei, anderes stößt ab. Irgendwie macht es Lenin menschlicher, wenn man von seiner „marxistischen Brautwerbung“ zu Nadja und seinem Verhältnis zu Inessa Armand liest. Der Tod seiner Geliebten mit nur 46 Jahren nahm Lenin merklich mit. Bei ihrer Beerdigung hatte man ihn von Gefühlen überwältigt gesehen wie nie, so gibt es Sebestyen dem Leser zu Protokoll.

Abstoßend wirkt dagegen, wie leichtfertig der Rechtsanwalt mit der Forderung umging, Leute zu erschießen, die tatsächlich oft auf seinen Befehl hin vollstreckt wurde. Sympathisch macht ihn wiederum, dass er durchgehend sehr asketisch lebte, während sich viele seiner Genossen nach der Revolution eifrig an Privilegien bedienten und sich die größten Datschen unter ihre „roten“ Nägel rissen. Lenin kümmerte das nicht weiter, Joffe schon. Er schrieb an Trotzki: „Der alte Geist der Partei ist verschwunden, der Geist revolutionärer Selbstlosigkeit und kameradschaftlicher Hingabe.“

In einem Kapitel befasst sich Sebestyen mit dem Leninschen Argumentations- und Debattenstil. Diesem Stil blieb er auch gegenüber andersdenkenden Genossen treu, indem er sie mit wüsten Beschimpfungen und Beleidigungen belegte: Windbeutel, Scheißhaufen, Fotze. Nikolai Bucharin vertrat nicht von ungefähr die Auffassung: „Lenin kann keinen tolerieren, der etwas auf dem Kasten hat.“ Was ihn jedoch auszeichnete, war die Fähigkeit, seine Ideen klar und vereinfacht vorzutragen und damit das Publikum zu gewinnen.

Der Höhepunkt des Leninschen Lebens war unbestritten die Oktoberrevolution 1917, für die er sein ganzes revolutionäres Leben lang kämpfte. Wenn man so will, liegt in seinem damaligen Triumph die große Tragik, denn schon die Geburtsfehler sorgten dafür, dass ein frühzeitiges Absterben des Sowjetstaates unweigerlich kommen musste. Man rufe sich Lenins Worte an Trotzki in Gedächtnis (24. Oktober 1917): „Zuerst müssen wir die Macht ergreifen. Dann entscheiden wir, was wir damit anfangen.“ Oder Maxim Gorki am 1. November 1917 in der Nowaja Schisn: „Ich misstraue Russen an der Macht … Gerade selbst noch Sklaven, werden sie zu hemmungslosen Despoten, sobald sie Gelegenheit haben, Herr ihrer Nachbarn zu sein.“ Beide Zitate finden sich im Buch. Nun muss man sich vorstellen – zwischen diesen Polen wurde nach dem Oktoberumsturz durch die Bolschewiki geschaltet und gewaltet. Oft getrieben zwischen aktuellen Erfordernissen, infiziert von Partei- und Staatsräson sowie dem Machterhalt der Partei mit ungesunden Mitteln. Hinzu kommt die Einschätzung des Historikers, dass Lenins Russland ein Polizeistaat war, nur unter anderen Vorzeichen. Wozu dann eine Revolution? In dieses Raster einer intoleranten und undemokratischen Gesellschaft passt auch, dass die Witwe Lenins in ihren letzten Lebensjahren auftragsgemäß die russischen Bibliotheken von Werken bürgerlicher Philosophen wie Kant „befreite“. Wer wurde hier befreit?

Schon im Klappentext wird auf die Doppelgesichtigkeit Lenins hingewiesen, den Winston Churchill „ein überaus furchtbares Wesen“ nannte. Sebestyen geht da sehr viel differenzierter vor. Er schreibt von seiner Freundlichkeit und Höflichkeit, vergisst jedoch nicht seine Unerbittlichkeit als Revolutionär und seine Verantwortung für unzählige Todesurteile. Es entsteht ein farbiges und kenntnisreiches Bild von Lenins Welt und der Russischen Revolution.

Vieles könnte man dazu noch schreiben. Ich ende hier hingegen, wie Lenin es in seinen Reden oft tat: „Das ist alles, was ich Ihnen sagen wollte.“

Victor Sebestyen: Lenin – Ein Leben. Rowohlt Berlin, 2017, ISBN 978 3 87134 165 6