Ein Besuch beim Bücher-Retter Peter Sodann

Das goldene Schild neben dem Eingang zur Peter-Sodann-Bibliothek auf dem Rittergut Staucha trägt einen etwas sperrigen Vereinsnamen: „Verein zur Förderung, Erhaltung und Erweiterung einer Sammlung von 1945 bis 1990 im Osten Deutschlands erschienener Literatur (Peter-Sodann-Bibliothek) e.V.“ Anspruch und Formulierung scheinen manch einen zu überfordern, auch Spender: In einem Büro hängt eine Spendenurkunde vom Freundeskreis Miniaturbuch Berlin e.V. Dieser tut kund, die Initiative Peter Sodanns zum Aufbau einer „Staatsbibliothek DDR“ zu unterstützen.

So weit ist es noch nicht gekommen. Was es aber zweifellos gibt, ist eine Sammlung ostdeutscher Literatur. Peter Sodann ist kein Bibliothekar, sondern Schauspieler, er war auch Intendant. Doch eine seiner Leidenschaften ist das Retten von Büchern – vornehmlich jener, die zwischen 1945 und 1990 in Ostdeutschland erschienen sind. Der 82-Jährige hat sich nun ein neues Ziel gesetzt: Innerhalb der nächsten drei Jahre will er die Sammlung übergeben, am liebsten einer Genossenschaft. Die aber ist erst noch zu gründen. Vielleicht wollen die Leserinnen und Leser von Links! helfen? Ralf Richter hat mit Sodann über dessen Pläne gesprochen.

Herr Sodann, Sie betätigen sich seit 1989 als „Bücherretter“ – haben Sie auch ein Verhältnis zu Zeitungen?

Nein. Ich lese seit 1961 keine Zeitungen. Eine Zeit lang hörte ich beim Deutschlandfunk 6 Uhr die Sendung „Aus Ostberliner Zeitungen“. Wenn ich das hörte, wusste ich eigentlich über die Welt Bescheid. Später hatte ich im Leben Stellungen mit mehreren Mitarbeitern. Denen habe ich gesagt: Wenn ihr meint, dass da etwas in der Zeitung steht, was mich von den Beinen reißt, dann legt es mir hin und das haben die auch gemacht. Unterrichtet war ich trotzdem – genauso habe ich es übrigens auch mit Theaterzeitungen gehalten.

Es gab einen großen Bruch im Journalismus nach 1989 – genauso wie bei den Theateraufführungen.

Als der Westen über uns kam, kam auch das „Theater heute“ – ich kannte die DDR-Journalisten vom „Theater der Zeit“. Die Themen aber im „Theater heute“ waren andere, so wie das Theater letztlich auch. Die Form wurde über den Inhalt gestellt, die spektakuläre, vulgäre oder sexuelle Aktion wurde wichtiger als die Aussage – auch in Stücken von großen Klassikern wie Schiller. 1989 habe ich erfahren, wie massenhaft DDR-Literatur „entsorgt“ wurde. und wollte etwas dagegen tun. Seitdem sammle ich Bücher.

Welche Erlebnisse verbinden Sie damit?

Ich habe einen Freund, der ist Philosophieprofessor an der Akademie gewesen. Jetzt ist er schwer krank und ich habe ihn gefragt, ob ich ihm mal eine Freude machen könne. Dann erzählte ich ihm, dass ich in der letzten Woche fünf Mal „Wie der Stahl gehärtet wurde“ verkaufte und zehn Mal „Der Weg ins Leben“ und „Flaggen auf den Türmen“.

Unter dem Titel „Der Weg ins Leben“ inszeniert Volker Lösch ein fragwürdiges Stück über DDR-Jugendwerkhöfe, welches im letzten Jahr im Herbst am Dresdner Staatsschauspiel erstmals gezeigt wurde. Er zog darin eine bedenkliche Linie von der Erziehung in der Sowjetunion von Waisenkindern nach dem Bürgerkrieg zu den Jugendwerkhöfen von Torgau.

Das Stück sagt mir nichts und ich glaube nicht, dass seine Aufführung einen Einfluss auf die Bestellungen bei uns hatte. Jedenfalls freut es mich zu sehen, wie das Interesse an Makarenko wächst. Er bezieht sich in seinem Buch „Der Weg ins Leben“ auf die humanistischen Ideen von Pestalozzi und Rousseau. Auf jeden Fall war mein Freund sehr angetan von dem neuen Interesse an Nikolai Ostrowski und Anton Makarenko.

Kürzlich starb, kurz vor ihrem 90. Geburtstag, die große DDR-Autorin Rosemarie Schuder. Sie verließ die CDU interessanterweise nach jahrzehntelanger Mitgliedschaft 1990 und schrieb in ihren wunderbaren historischen Büchern an gegen Dummheit und Gewalt, gegen das Versinken in der Geschichtslosigkeit. Bei Ihnen habe ich den Eindruck, dass Sie exakt aus den gleichen Gründen Bücher sammeln. Viele Menschen, die auch schon gegenüber dem vorherigen widerständig waren, spüren ein Unbehagen gegenüber dem jetzigen Staat.

Mir geht es nicht darum, die DDR wieder zu haben – ich will aber an die großen literarischen wie wirtschaftlichen Leistungen erinnern. Vielen ist offenbar nicht klar, dass die Sowjetunion die Hauptlast und des Krieges getragen hat und die schlimmsten wirtschaftlichen Zerstörungen erlitt, bis hin zur Vernichtung der Infrastruktur beim Rückzug, als der Hitlerbefehl umgesetzt wurde, den Sowjets nur „verbrannte Erde“ zu hinterlassen. Ist es unter diesen Umständen nicht mehr als verständlich, dass in Ostdeutschland aus zweigleisigen Strecken eingleisige wurden? Immerhin hatten die Deutschen dort sämtliche Gleise zerstört! Ostdeutschland hat die volle Last der Reparationsleistungen allein getragen – aber diese Reparationen bestanden vollkommen zu Recht und beseitigten nur einen Bruchteil der Zerstörungen. Was das Unbehagen betrifft: Was macht mir dieser Staat eigentlich vor? Wir haben zwei vernünftige Nationalhymnen geschrieben nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir spielen aber „Deutschland, Deutschland über alles“ – auch wenn wir den Text nicht singen, so klingt es doch in den Ohren! So wird das deutsche Volk von vornherein wieder auf falsche Gedanken gebracht. Mir liegt nicht daran, auf irgendeine Weise den Fortbestand der DDR zu sichern, sondern viel mehr an dem Wissen der Menschen dieses Staates – und dieses Wissen steckt in den Büchern.

Aber könnte man da nicht auch in die Deutsche Staatsbibliothek gehen und sich das eine oder andere Buch ausleihen?

Natürlich kann man das. Man kann sich dort dieses oder jenes Buch holen. Ein umfassendes Wissen über die DDR holt man sich aber nur an der Stelle, wo man alles liest, was über die DDR geäußert worden ist: Von rechts, links, oben und unten.

Als sich 1945 Sowjets und Amerikaner an der Elbe die Hand gaben, war das der Beginn der Entwicklung zweier ganz unterschiedlicher Kulturen auf deutschem Boden. Während östlich der Elbe ein positives Sowjetunion- und Russlandbild entstand, verharrte man westlich der Elbe beim Negativbild und versuchte es nach 1990 in die Hirne im Osten zu implantieren – was bis heute noch nicht gelungen ist, auch weil die Menschen hier eigene Erfahrungen mit Brieffreunden, auf Reisen oder mit sowjetischen Militärs machten. Welche Erfahrungen machten Sie als kleiner Junge?

Ich wohnte 1945 in Weinböhla am rechten Ufer der Elbe und es hieß, die Amerikaner kommen ans linke Ufer. Meine Mutter hat den Leiterwagen vollgepackt, und so sind wir auf die linke Elbseite gegangen, nach Scharfenberg bei Meißen, und haben dort zwei Wochen bei meiner Tante verbracht. Vor den Russen hatten alle Angst.

Sie blieben aber nicht am „amerikanischen Elbufer“.

Nach zwei Wochen hatten wir Heimweh. Also gingen wir mit unserem Leiterwagen wieder nach Hause. Da kamen dann die Russen. Ich glaube, es war am 6. Mai, zwei Tage vor der Kapitulation. Ein russischer Offizier kam zu uns mit einer gerupften Gans und zwei Gläsern Eingewecktem. In einem befanden sich Birnen und in dem anderen Pflaumen – das weiß ich noch wie heute. Er bat meine Mutter, die Gans zuzubereiten. Dabei waren noch die Schwester meiner Tante und ihre Tochter. Wir aßen also alle gemeinsam, bis es knallte und eine Leuchtspur am Himmel zu sehen war: Das Signal für die Soldaten der Roten Armee zum Aufbruch. Der Russe schnappte sich den Topf mit der restlichen Gans und rannte aus dem Haus zu seinem Auto. Auf der Straße standen über zwanzig LKW, die die ganze Zeit gewartet hatten, und alle verschwanden wie ein Spuk.

Was haben Sie da gedacht?

Ich hatte überhaupt nichts gegen die Russen, denn ich hatte mit einem von ihnen ja gerade eine Gans gegessen. Dabei holte er ein Foto aus seinem Jackett. Es war so ein sechs mal neun Zentimeter großes Foto – darauf lächelten uns eine junge Frau und ein kleiner Junge an, beide standen auf einem Anglersteg, der ins Schilf hinein führte. Er zeigte dann auf meine Mutter und auf mich, um zu sagen, dass auf dem Foto seine Frau und sein Sohn zu sehen waren. Vermutlich war es gar kein ethnischer Russe, sondern er kam möglicherweise eher aus Kasachstan oder Kirgisien, zumindest hatte er ein asiatisches Gesicht. Angst hatte ich keine vor dem ersten sowjetischen Soldaten, den ich in meinem Leben sah, schließlich war er ja ganz freundlich zu uns und hatte etwas zu essen mitgebracht. Als er verschwand, fragte ich meine Mutter – schließlich war noch Krieg: „Und wird der Soldat jetzt sterben?“ Dabei dachte ich an meinen Vater, der gerade gefallen war. Es war ja noch Krieg und es wurde noch geschossen. Meine Mutter antwortete nur: „Das weiß ich nicht.“

Linke in beiden Teilen Deutschlands sollten darauf drängen, dass endlich auch die Geschichte Westdeutschlands aufgearbeitet wird. Auf Probleme des Staates im Westen mit seiner übernommenen Nomenklatura aus dem Dritten Reich wurde auch in DDR-Büchern hingewiesen. Was sagen Sie zur aktuellen Aufarbeitungsstrategie?

Ich sammle Bücher, damit eine andere Weltsicht – nicht nur die gerade aktuelle – zur Kenntnis genommen wird. Ein Beispiel: Es kann doch nicht sein, dass von der DDR die Staatssicherheit übrig bleibt – ein Äquivalent in der Bundesrepublik war und ist der BND. Nur hieß der Gründer im Westen Gehlen, war ein SS-Obersturmführer und General der Wehrmacht. Der langjährige Chef der Staatssicherheit aber war Spanienkämpfer und verteidigte in den Internationalen Brigaden die spanische Republik. Wenn man schon den einen Fakt erwähnt, so kann man doch den anderen nicht ganz verschweigen.

Bleiben wir noch etwas bei der anderen Weltsicht. Was hat Sie dazu gebracht?

Der neue Staat hat mir die Möglichkeit gegeben, die legendäre ABF aus der Anfangszeit zu besuchen. Also die Arbeiter- und Bauernfakultät, wo Arbeiter und Bauern das Abitur ablegten und auf das Studium vorbereitet wurden. Hier wurde nicht zuletzt der Gedanke vermittelt, dass es für eine sozialistische Gesellschaft unumgänglich sei, die Macht der Herrschenden zu brechen, um einen Arbeiter- und Bauernstaat zu errichten. Darum ging es und ich glaube heute immer noch, dass das nicht falsch war.

Sie sind auch nach 1990 widerständig geblieben. Damals waren Sie noch in Halle.

Der erste Mai ist der erste und einzige ein Kampf- und Feiertag für die Werktätigen und kein „Tag der Arbeit“. Die Nazis nannten ihn so und in Westdeutschland übernahm man diese Bezeichnung. An diesem Tag wurde im Osten immer demonstriert. Nach 1990 packten die Russen im Osten ihre Sachen und die Amerikaner kamen wieder. Da habe ich mich auf die amerikanische Tradition der Maidemonstrationen besonnen. Die erste Massendemonstration für bessere Arbeitsbedingungen fand schließlich am 1. Mai 1886 auf dem Haymarket in Chicago statt. Die Polizei erschoss mehrere Demonstranten, und damit das nicht vergessen wird, wollten die Arbeiterbewegungen auf der ganzen Welt den ersten Mai als Kampf- und Feiertag der Werktätigen einführen. Ich habe den neuen Stadtoberen in Halle mitgeteilt, dass Maidemonstrationen keineswegs eine russische Erfindung seien, wie diese glaubten, sondern eine amerikanische Tradition, und beantragte die Durchführung einer Demonstration. Sie wurde mit dieser Begründung anstandslos genehmigt.

Was können die Leserinnen und Leser von Links! tun, damit diese notwendige andere Weltsicht, die in den Büchern Ostdeutschlands steckt, erhalten bleibt?

Ich will die Sammlung in die Hände einer Genossenschaft legen. In drei Jahren werde ich 85 Jahre alt, und dann soll eine Genossenschaft mein Werk fortführen. Eine Genossenschaft bedeutet Teilhabe, und diese Teilhabe wird mit Anteilen erworben. Wer sich daran beteiligen möchte, kann mir schreiben – an Peter-Sodann-Bibliothek, Thomas-Müntzer-Platz 8, 01594 Staucha oder per Email an psb-staucha@t-online.de. Stichwort in der Betreffzeile: Interessengemeinschaft Genossenschaftsbibliothek. Telefonisch sind wir erreichbar von Dienstag bis Freitag von 8 bis 14 Uhr unter 035268-949574. Wir sammeln dann erst einmal alle Interessentinnen und Interessenten und werden über die weiteren Schritte informieren. Nach Pfingsten traf sich erstmalig eine Vorbereitungskommission. Tochtergesellschaften soll es übrigens auch in Sachsen-Anhalt und Thüringen geben.