Das Leben der Anderen! LGBTIQ auf europäisch

Von Cornelia Ernst

Die anderen, das sind sie schon immer gewesen, die „vom anderen Ufer“. In Polen oder Ungarn ist es schwerer geworden, dieses Andere vor den anderen zu behaupten. In Polen muss eine Transgenderfrau, die geschlagen wurde, den Täter faktisch der Polizei frei Haus liefern, der dann keine hohe Bestrafung erwarten muss. In Ungarn soll die „Familie“ gerettet werden vor „denen“.

Insgesamt 80 Prozent der LGBTIQ waren oder sind in Europa Diskriminierungen ausgesetzt. Mobbing haben fast alle von ihnen auf irgendeine Weise erfahren, mit dem Rechtsruck in Europa mit steigender Tendenz. Nur ein Fünftel traut sich überhaupt, Täter anzuzeigen, da sie Rachefeldzüge fürchten. Exkommunikation ist für einige die Folge, wie in Lettland geschehen. In Bosnien-Herzegowina wurde noch nie eine Gay-Pride-Parade genehmigt, ein angekündigter Marsch für die Menschenrechte wurde polizeilich verboten. Sehr viele LGBTIQ-Personen wagen es nicht, sich öffentlich zu bekennen, ein Leben im Geheimen belastet sie erheblich. In manchen Mitgliedstaaten ist Homosexualität in den Augen von Ärztinnen und Ärzten noch immer eine Krankheit und Transsexualität eine psychische Störung, so die Ergebnisse eines neuen Berichts der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA).

Vor dieser Realität sollten wir nicht die Augen verschließen, nur weil in Deutschland in den letzten Jahrzehnten ein großer Teil wichtiger Rechte erkämpft werden konnte. Das wohl schlimmste Beispiel, das ich in den letzten Jahren erlebt habe, war eine Transfrau mitten in einem türkischen Abschiebegefängnis. Sie wartete auf uns in einer Zelle und erzählte von ihrer Abschiebung aus Griechenland, unfassbar.

Das sind Fakten, die ein aktives Agieren von Staat und Gesellschaft erfordern. Dabei reicht es nicht, Gesetze zu ändern. Vielmehr kommt es daran an, diese auch im konkreten Leben durchzusetzen. Es kann nicht länger hingenommen werden, dass in einigen Ländern im beruflichen Alltag die Diskriminierung dieser Menschen an der Tagesordnung ist oder aufgrund der sexuellen Ausrichtung im Arbeitsleben, bei der Einstellung in den Beruf Benachteiligungen entstehen. Deshalb muss es in den Mitgliedsstaaten ein Monitoring geben, um Defizite zu belegen und Änderungen herbeizuführen.

Immer noch ist die Bildung ein Ort, an dem einseitige Lebensentwürfe dargestellt werden. Der Lehrplan muss in vielen Ländern von Vorurteilen ausgemistet werden und aufzeigen, dass es nicht nur das Modell Vater-Mutter-Kind als lebenswerten Lebensentwurf gibt. Wichtig ist dafür auch ein klares Bekenntnis des Staates, Hassverbrechen gegen LGBTIQ nicht zu tolerieren. Homophobe und transphobe Hassreden sollten nicht nur verboten, sondern auch geächtet werden.

Grundsätzlich müssen in jedem einzelnen Mitgliedsstaat die Gesetzeswerke durchforstet werden, um benachteiligende Vorschriften in allen Bereichen abzuschaffen. Und noch etwas: Alles muss auch durch die Köpfe der Familienangehörigen, der Schulkameraden, der Behörden, der Medien, der Lehrerinnen und Lehrer, der Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber. Als wir als Antirassismus-Intergroup 2015 eine Stelle ausgeschrieben hatten, bewarben sich sehr viele. Eine Bewerbung gefiel mir besonders, nicht nur inhaltlich mit Blick auf die vorhandenen Kompetenzen, sondern auch, weil die Bewerbungsunterlagen ohne Passbild eingingen und keinen Verweis darauf hatten, welchen Geschlechtes die Bewerberin bzw. der Bewerber ist. Im Übrigen konnten wir diese Person einstellen, ein gute Wahl. Ich glaube, dass es wichtig ist, sich Vorurteilen öffentlich und auch ganz privat in den Weg zu stellen. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich das erste Mal mit meiner Liebsten vor meinen doch schon etwas älteren Eltern stand und mein Vater uns mit Stolz der Verwandtschaft vorstellte. Was dieselbe so dachte, war mir ziemlich egal, nicht aber meine Eltern. Ihnen war einfach wichtiger, dass ich glücklich bin und das hat mich wirklich glücklich gemacht.