Brüder & Schwestern, warm oder nicht: Kapitalismus bekämpfen ist unsere Pflicht!

Von Fabian Blunck

Das gegenseitige Desinteresse von sexuellen und geschlechtlichen Emanzipationskämpfen und Klassenpolitik aneinander ist ausgeprägt. Vergangene gemeinsame Kämpfe (fast) vergessen. An die Kämpfe wird mit dem Film Pride erinnert. Er zeigt Schwierigkeiten, aber auch Erfolge der gemeinsamen Kämpfe von streikenden Bergarbeiter*innen und von Schwulen und Lesben im Thatcher-Großbritannien der 1980er Jahre. In einer Szene wird die Hymne „Bread and Roses“ gesungen – diese Hymne geht auf die gemeinsamen Streiks der Textilarbeiterinnen und migrantischer Communities Anfang des letzten Jahrtausends in den USA zurück. „Brot und Rosen“ war die Losung dieses Streiks, die später als Protestlied vertont wurde, wobei die Rosen für all jene Bedürfnisse standen, die nicht in der Sicherung des materiellen Überlebens aufgehen, darunter auch der Wunsch nach Würde, Anerkennung und Lebenslust.

Die Bewegungen der LGBTIQ* haben die soziale Frage vernachlässigt. Vermeintliche Repräsentanz in Regierungsämtern und Chefetagen wurden als Erfolg gesehen, die Frage von Ausbeutung und Ausgebeuteten rückte in den Hintergrund. Zweifelsohne ist es ein gesellschaftlicher Fortschritt, wenn Minister*innen oder Chefs* von DAX-Unternehmen auch offen nicht-Hetero sein können.

Mehr Gemeinsamkeiten mit schwulen oder lesbischen Chefs oder Minister*innen als die Sexualität, werden die allermeisten LGBTIQ* nicht haben. Im Gegenteil. Alleine weil sie auch prekär und/oder lohnabhängig beschäftigt sind, haben sie mit den Angestellten oder Betroffenen einer schlechten Politik mehr gemeinsam als mit den jeweiligen Chefs oder beispielsweise dem Minister für Gesundheit.

Die Rechten arbeiten mit Angst, Ressentiment und Hass. Die AfD will das Rad zurückdrehen, die Errungenschaften, die wir mühsam erkämpft haben, zurückschlagen. Sie wollen am liebsten, dass die LGBTIQ* sich nicht mehr trauen zu sagen, dass sie nicht-Hetero, nicht das Geschlecht sind, das die heteronormative Gesellschaft lesen will. Oder wie sie sagen: „Warum müssen die das immer so vor sich her tragen?“ Jens Spahn will die Armut, unter der Hartz 4-Bezieher*innen leben müssen, nicht sehen und hetzt ebenfalls. Sie wollen spalten, trennen, Menschen in prekären Lebensverhältnissen unsichtbar machen, ihnen die Existenz auf ein Leben in Würde absprechen. Dies muss der Moment sein, in dem LGBTIQ* die Solidarität und die Hoffnung dagegen setzen, nicht als Appell, sondern als konkrete Praxis.

LGBTIQ*-Kämpfe haben viel erreicht, aber bei allen Erfolgen ist das Ziel einer Welt ohne Ausbeutung, ohne Entrechtete ohne Diskriminierung noch nicht erreicht. Wer sich jetzt ausruhte, würde auf halben Weg stehen bleiben. Wem es nur darum ging, seine Sexualität frei ausleben zu können, der fühlt sich vielleicht schon am Ziel. Aber wer mehr will als Jens Spahn, wer auch Hoheit über seine Lebenszeit haben will, wer will, dass Menschen genug Einkommen für ihr Leben oder später eine gute Rente haben, der ist noch nicht einmal gefühlt am Ziel. In all diesen Themenfeldern gibt es spezifisch queere Interessen, aber eben auch große Interessenüberschneidungen mit Nicht-LGBTIQ-Menschen.

Wir wollen nicht, dass Chefs Angestellte wegen des Bekanntwerdens des HIV-Status entlassen können, wir wollen nicht, dass Menschen keine Lebensversicherung bekommen, nur weil sie schwul sind, wir wollen nicht, dass Menschen Sanktionen vom Jobcenter bekommen, weil sie sich weigern, bei homophoben Chefs anzuheuern. Dies sind nur ganz konkrete Momente, wo Klassenpolitik und Queerpolitik zusammenfallen. Das Feld der Verknüpfung von Klassen- und Queerpolitik ist damit noch nicht abgesteckt. Eine solidarisch-queere Praxis würde sich sowohl an Geflüchtete und an die sozial Deklassierten richten. Und Räume und Praxen entwickeln, um in einen Austausch zu kommen, um von den Problemen der Gruppe zu erfahren, um so gemeinsam gegen Ausbeutung, Diskriminierung, Vereinzelung und Verelendung zu kämpfen.

Die Skepsis von Queers zu solidarischen Praxen oder Räumen mit den Entrechteten, den Arbeiter*innen, ist nachvollziehbar. Nicht wenige dürften dem Milieu des Kleinbürgertum oder der Arbeiter*innenklasse entflohen sein, weil nur so gewaltvolle Verhältnisse verlassen und eine queere Zukunft erlebt werden konnten. Aber die Erfahrungen, welche die LGBTIQ*-Aktivist*innen sammeln konnten, solidarische Strukturen, die sich entwickelt haben, um nicht-heteronormative Sexualität leben und von anderen erfahren zu können, könnten der Schatz sein, um auch anderen Menschen aufzuzeigen, wie Solidarität erfahrbar sein kann. Queers wissen: Es ist gut und es tut gut, solidarisch zu sein.