„Angetreten, die Welt zu verbessern“

Wie Jour-fixe-Teilnehmer die 68er Bewegung erlebt haben. Von Wulf Skaun

Aufrührerische Studentendemos. Ho, Ho, Ho Chi Minh-Sprechchöre. Polizei und Wasserwerfer. Flower-Power der Hippies: „Make love, not war!“ Nackte Ärsche der Kommune 1. Des niedergeschossenen Rudi Dutschkes Fahrrad. Beate Klarsfelds Kanzler-Ohrfeige. Bilder wie diese entschlüsseln eine Chiffre: 1968. Peter Porsch ruft sie auf, die jener Bewegung ihr Gesicht gegeben haben. Und offenbart seine privatimen: die des jungen linksoppositionellen Österreichers auf Westberliner Pflaster, mit ausgerissenen Jeans und überlanger Mähne. Bereit für die Barrikade. „Angetreten, die Welt zu verbessern.“

Ein starker, emotionaler Einstieg in das Thema „Die 68er Bewegung – Mythos und Realität“, das Ende Mai beim 34. Jour fixe am Leipziger Sitz der RLS Sachsen über die Diskursbühne geht. Moderatorin Monika Runge macht eingangs auf ein „globales Phänomen“ aufmerksam, ehe sich Zeitzeugen an einen gesellschaftlichen Aufbruch erinnern, den Porsch seiner Vielfalt wegen als „fast nicht zu beschreiben“ bezeichnet. Sehr wohl aber zu charakterisieren sucht. Also skizziert der emeritierte Soziolinguist als Impulsredner in historisch-logischer Analyse nationale und internationale Vorläufer der Bewegung, den theoretischen Diskurs über ihren Charakter, ihre Ziele und Triebkräfte. Er ruft bekannte und vergessene Akteure in Erinnerung, macht auf widersprüchliche Interpretationen in unübersichtlich-einschlägiger Literatur aufmerksam, um am Ende die Gretchenfrage zu stellen, ob 1968 eine Revolte oder eine Revolution gewesen sei. Freilich hat er da schon einen kunstvoll-bezwingenden Argumentationskreis geschlossen, der nach marxistischem Verständnis eine soziale und politische Revolution ausschließt, aber eine Kulturrevolution konzediert.

Eine Sicht, der sich die Jour-fixe-Gemeinde anschließt und mit der zugleich auch, über alle Mythen hinweg, eine objektive Realität postuliert ist: Die 68er Bewegung war kein einziges Scheitern. Ihre Aktionen, so spontan, unprogrammatisch, unstrukturiert, ja führerlos sie waren, verliehen jenen antiimperialistischen, antimilitaristischen und antirassistischen Entwicklungen neue Impulse, die die Welt in den 1970er Jahren in Ost und West zum Guten veränderten.

Roland Wötzel steuert in diesem Sinne ein Beispiel friedlicher Koexistenz bei. Als Mitglied einer Regierungsdelegation weilte er im Mai 1968 in Paris, wo die 68er Bewegung in einem Generalstreik kulminierte, um für die DDR Importgeschäfte auszuhandeln. Ein mit ihm befreundeter Firmenchef, Mitglied der FKP, klagte, seine Partei würde abseits stehen, sei „nicht revolutionär“. In der DDR revoltiere doch auch niemand, wandte Wötzel ein. Des Freundes Antwort habe sein Nachdenken über die DDR und die 68er bis heute beeinflusst: Die Forderungen der rebellischen französischen Jugend nach Solidarität mit Vietnam, Bildungsreform und Gleichberechtigung der Frau seien in der DDR doch Staatspolitik. „Geht euren Weg weiter!“

Inmitten berittener Polizei, sturmbereit, doch ohne organisierten Nachschub: So erlebte sie als westdeutsche Linke eine 68er Demo vor der US-Botschaft in London, erzählt Godula Kosack. Zwei Anekdoten der Ethnologin zeichnen das Bild einer „Sponti“-Bewegung: antiautoritär, hierarchiefrei, fern jeder strukturierten Formation und ohne verbindliches politisches Programm. Als Kulturrevolution, als „Selbstfindungsbewegung“ aber habe 1968 den Startschuss für die ökologische und eine neue Frauenbewegung und für die antiautoritäre Erziehung und Ausbildung gegeben.

Michael Zock hat 1968 in Leipzig gelebt. „Wir jungen Leute guckten mehr ost- als westwärts.“ Als er vom Einmarsch der sozialistischen Armeen in Prag hörte, habe er Angst gehabt: „Wird aus dem kalten Krieg jetzt ein heißer?“

Mit Blick auf die philosophischen Köpfe, die die 68er begleiteten, mahnt die Germanistin Antonia Opitz, neben den genannten Marcuse und Bloch nicht Georg Lukács zu vergessen. Er habe Rudi Dutschke nahegestanden und den Studentenführer mit beraten. Sodann erzählt Siegfried Kätzel von den engen Beziehungen zwischen der FDJ an der KMU Leipzig und dem SHB an der Bochumer Ruhr-Uni. Vom gemeinsamen Protestmarsch im Mai 1968 in Bochum gegen die Notstandsgesetze und einem Marx-Programm vor Ort hat er Plakate und Aufkleber mitgebracht. „Wir wähnten uns auf der richtigen Seite der Geschichte.“

In der eigenen Hochschullandschaft fremdelte die politische Führung mit dem antiautoritären Gestus der 68er, blickt Jürgen Kunze zurück. „Die Hochschulreform 1968 ist daher die Gegenstrategie gewesen, die Studentenschaft in die Modernisierung des Bildungssystems bei uns einzubinden“, erklärt der Historiker. Klaus Petzold fügt als Fußnote die Worte des späteren Hochschulministers Jochen Böhme an: „Wir müssen die Studenten positiv beschäftigen.“

Den großen Atem der 68er Bewegung beschwört noch einmal Manfred Neuhaus: Er staune noch heute über die Dynamik einer Protestbewegung, die mit dem Kampf um bessere Studienbedingungen und der Solidarität mit Vietnam begann und in der Pariser Barrikadennacht vom 10. Mai kulminierte: Viele Akteure empfanden das Geschehen als Revolution, feierten das Fest ihres Lebens und haben es nie vergessen – Mythos und Realität!