Vor 75 Jahren verstorben: Alice Rühle-Gerstel

Als älteste Tochter einer Kaufmannsfamilie der deutsch-jüdischen Bevölkerungsminderheit am 24. März 1894 in Prag geboren, besuchte Alice Gerstel ein deutsch-sprachiges Lyzeum und legte 1912 am deutschen Lehrerinnen-Seminar die Staatsprüfung für Musik ab. In den literarischen Zirkeln in Prag diskutierte sie über die neuesten philosophisch-ästhetischen Theorien. Sie holte das Abitur nach, begann 1917 Germanistik und Philosophie in Prag zu studieren und begeisterte sich für die sozialistische Bewegung und für die entstehende Sowjetunion.

1918 zog Alice Gerstel nach München und setzte dort ihr Studium fort. 1921 promovierte sie mit einer Arbeit über Friedrich Schlegel. Im selben Jahr heiratete sie den zwanzig Jahre älteren Politiker und Pädagogen Otto Rühle, der seit 1896 der Sozialdemokratischen Partei angehörte und schon vor dem Weltkrieg zu den Linken in der SPD gehörte. Von 1912 bis 1918 war er Mitglied des Reichstags und wurde am 9. November 1918 Vorsitzender des Revolutionären Arbeiter- und Soldatenrats von Groß-Dresden sowie Teilnehmer am Gründungsparteitag der KPD, aus der 1920 sein Ausschluss erfolgte.

Beide bemühten sich in den folgenden Jahren, eine praktisch umsetzbare Synthese von Marxismus und Individualpsychologie zu entwerfen und auf ihr aufbauend ein neues sozialistisches Erziehungsmodell zu entwickeln. In Buchwald-Friedewald bei Dresden gründete und leitete das Ehepaar Rühle gemeinsam den Verlag „Am anderen Ufer“, in dem von ihnen verfasste pädagogische und psychologische Schriften erschienen, deren Anliegen es war, wesentliche Voraussetzungen für den Abbau der Entfremdung des Menschen von sich selbst und für eine erfolgreiche gesellschaftliche Transformation im sozialistischen Sinne zu behandeln. A. Rühle-Gerstel engagierte sich in starkem Maße in der sozialistischen Bildungsarbeit der marxistischen Arbeiterbewegung. Mit ihrem 1927 erschienenen Buch „Der Weg zum Wir. Versuch einer Verbindung von Marxismus und Individualpsychologie“ wurde sie zu anerkannten führenden Theoretikerin im Kreise der marxistischen Anhänger Alfred Adlers.

Ende der zwanziger Jahre rückte die Frauenfrage in den Mittelpunkt ihrer Studien. 1932 erschien dazu ihr Buch „Das Frauenproblem der Gegenwart. Eine psychologische Bilanz“. Sie kritisierte die gesellschaftlichen Bedingungen, die es Frauen unmöglich machten, selbstbewusste Individuen und nicht auf ihre Geschlechterrolle festgelegte Menschen zu werden. Die soziale Frage könne nur schrittweise zusammen mit der Geschlechterfrage gelöst werden. Dafür sei aber auch, wie sie betonte, das politische Engagement von Frauen nötig. Mit den Worten: „Wir haben es satt, die Hoffnung bis zur nächsten Generation zu verschieben … Wir wollen unsere Utopie jetzt – und wir werden dafür arbeiten!“, beendete sie ihr Buch, das bald als das wichtigste Werk zur Frauenfrage galt, nach 1933 aber in Vergessenheit geriet.

Im Sommer 1932 emigrierte das Ehepaar Rühle nach Prag. 1933 bürgerten die deutschen Faschisten beide aus, plünderten ihr Haus und ihre Bücher wurden verboten. Als sie Mitte November 1935 eine Einladung der sozialistischen mexikanischen Regierung erhielten, an einer Schulreform mitzuarbeiten, verließen sie Europa. Nach einem Konflikt mit den einflußreichen stalinistisch orientierten Gewerkschaften in Mexiko verloren beide 1939 die Anstellung im Ministerium, wodurch sich ihre finanzielle Lage rapide verschlechterte. Hinzu kam ihre politische Isolation, da sie sich den überwiegend stalinistisch orientieren Emigranten nicht anschlossen.

Als am 24. Juni 1943 ihr Mann unerwartet an einem Herzschlag verstarb, erlitt Alice Rühle-Gerstel einen Nervenzusammenbruch und stürzte sich noch am selben Tag aus dem Fenster. Wenige Stunden später verstarb sie, 49 Jahre alt.

Verfasst unter Beachtung eines 1997 erschienenen Textes von Katja Koblitz.