Über die Relativität der Wahrheit

Von Andreas Haupt

Das monumentale Werk Rotes Licht des russischen Schriftstellers Maxim Kantor ist nun auf Deutsch erschienen. Den Autor kennt man aus der Welt der Kunst, wo er internationale Bekanntheit spätestens mit seiner Einzelausstellung auf der Biennale in Venedig 1997 erlangte. Er wurde 1957 in Moskau geboren und studierte dort am Polygraphischen Institut. 1983 gründete er eine unabhängige Künstlergruppe, die später unter dem Namen Krasny Dom mit Ein-Tages-Ausstellungen im Untergrund bekannt wurde. So kraftvoll wie seine Bilder sind, so kraftvoll ist auch sein Buch Rotes Licht.

Der Roman handelt die gesamte Geistesgeschichte des vergangenen Jahrhunderts ab, wobei sich der Autor nicht nur als kulturhistorisch und gegenwartspolitisch versiert zeigt, sondern auch in der Lage ist literarisch zu gestalten. Rotes Licht ist ein wahrhaft monumentaler und vielschichtiger Roman, ein überbordend erzähltes Epos. Wie in jedem guten russischen Roman gibt es eine Unzahl von Figuren, vielfach real, teilweise fiktiv, und manchmal wünscht man sich ein Personenregister.

Doch sind zwei Personen herausgehoben, die den Leser durch das Buch und das Jahrhundert begleiten. Zwei Antagonisten, die am Ende des Romans zusammentreffen und streiten. Der Eine, Solomon Richter, Historiker und Agnostiker, dämmert in einem Moskauer Krankenhaus dem Tod entgegen, so wie Europa und die Demokratie. Der Andere, Ernst Hanfstaengl, Hitlers Förderer und Propagandist, kommt ans Totenbett, um als Mephisto dem Sterbenden die Einsicht in das Scheitern des Humanismus abzuringen. Doch Salomon Richter widersteht; er sieht die Verbindung der Dinge im Mitgefühl. Es ist ein großer Moment der Zuversicht, der, nachdem der Leser die Lebensgeschichte des Salomon Richter erfahren hat, nicht zu erwarten war. Salomon Richter, ein russischer Jude, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Argentinien geboren. Als junger Mann geht er mit seiner Familie in die Sowjetunion, da seine Mutter eine überzeugte Kommunistin ist, und er erleidet fortan das 20. Jahrhundert, geprägt von den stalinistischen Repressionen, den Kämpfen des Zweiten Weltkriegs, von Ideologie und Propaganda. Am Ende seines Lebens, als er bereits im Krankenhaus liegt, tönen ihm noch die Berichte über die Kämpfe im Donbass ins Ohr.

Beeindruckend inszeniert Kantor diese Leidensgeschichte, indem er Parallelhandlungen konstruiert und Verflechtungen organisiert. Im Zentrum der Verflechtung steht ein Haus in Moskau, in dem die Personen und Familien aufeinandertreffen und sich über Generationen hinweg begegnen. Es beginnt mit dem Vater Moses, seinen Kindern, den Nachbarn, welche auch Kinder hatten, die wiederum Kinder haben … „Das Schicksal erfüllt sich in drei Schritten: Dreimal wird der Schlüssel im Schicksalsschloss gedreht. Großvater – Vater – Sohn; klick – klick – klick – und die Zellentür schließt sich. Drei Akte des Dramas, das jeder sich ansehen kann. Der Großvater hat die Konturen des Schicksals skizziert, der Vater im Hauptakt mitgewirkt, die finalen Dramenszenen aber werden von den Kindern gespielt werden müssen. In der Regel dauert dieses Drama ein ganzes Jahrhundert.“ Über diesen Einzelschicksalen und Familiengeschichten errichtet der Autor ein kolossales Panorama des letzten, des sowjetischen Jahrhunderts, das bis ins Moskau der heutigen Tage reicht. Bis zu den Oligarchen und ihren Verflechtungen mit Politik und Kultur, und den Liberalen, die unter dem Deckmantel der Demokratie einen Neofeudalismus verbergen. In diesem Roman kommen aber nicht nur Nachbarn, Militärs, Tschekisten, Künstler und Liberale zu Wort, man begegnet auch Shakespeares Hexen, Goethes Faust, Heideggers Philosophie und Schmitts Theologie. „Darf man denn alle Schicksale in einer einzigen Geschichte vermischen? Man darf, wie man sieht.“

Ein großartiger Roman, in dem die Relativität sowohl historischer wie persönlicher Wahrheit zu erkennen ist. Rotes Licht ist ein großartiges Fresko des 20. Jahrhunderts in Europa, das den Schriftsteller lobt und dem Maler ehrt.

Maxim Kantor: Rotes Licht. Aus dem Russischen von Juri Elperin, Sebatian Gutnik, Olga und Claudia Korneev. Zsolnay Verlag, Wien 2018; 704 Seiten, 29 Euro.