Neben Rot braucht’s Grün

Sandra Steiner von der LAG Adele plädiert für eine „grüne“ LINKE

„In einer Welt voller Gewaltkonflikte um Ressourcen und Millionen von Umweltflüchtlingen ist regenerative Agrikultur ein Schlüssel zum Frieden.“ Dieser Satz stammt aus dem „Manifest – Regeneration ist möglich“ von Ute Scheub und Stefan Schwarzer aus dem Jahr 2017. Sie veröffentlichten es als Teil ihres Buchs „Die Humusrevolution – Wie wir den Boden heilen, das Klima retten und die Ernährungswende schaffen“. Beide haben darin untersucht, warum die Regeneration der Ökosysteme des Planeten unabdingbare Voraussetzung für Frieden und Gerechtigkeit ist, wie unser derzeitiges Wirtschafts- und auch Gesellschaftssystem dies torpediert und wie die Lösung der ökologischen Weltkrise und damit auch der Gewalt- und Gerechtigkeitskrise aussehen kann. Haben sie recht, bedeutet das, dass sich auch die LINKE zukünftig fundamental „grün“ aufstellen muss. Nicht auf das Postulieren grüner Positionen kommt es an, sondern auf die Erarbeitung und Einbeziehung entsprechender Konzepte ins politische Tagesgeschehen. Es gilt zu erkennen, dass der Schutz und der Wiederaufbau von Ökosystemen nicht irgendein Luxus oder gar Selbstzweck ist, sondern dass der Mensch derzeit mit hoher Geschwindigkeit seine eigenen Überlebensgrundlagen zerstört. Doch bis jetzt macht auch die übergroße Mehrheit der LINKEN, bewusst oder unbewusst, beim kollektiven Verfrühstücken unserer Zukunft und der unserer Kinder fleißig mit. Ob wir wollen oder nicht: Wir gehören zu den reichen 20 Prozent, die 80 Prozent der Ressourcen der Erde alleine verbrauchen.

Themen rund um die Ökologie finden in der Partei selbstverständlich ihren Platz, was sich z. B. in der allgegenwärtig bejahten Formulierung „sozial-ökologischer Umbau“ widerspiegelt. Allerdings ist der Themenkomplex, wenn es dann um weitreichende Konzepte geht, doch eher stiefmütterlich behandelt. Die Partei präsentiert sich vorrangig als sozial, nicht grün. Wird in der LINKEN der fundamental wichtige Charakter der Ökologie also übersehen? Werden die weitreichenden Konsequenzen der Umweltbedingungen auf alle anderen Lebens- und damit Themenbereiche unterschätzt? Die internationale, junge, aktive, (rot-)grüne Wandelbewegung, die die ökologische Frage konsequent mit den anderen Themenfeldern verknüpft, bleibt jedenfalls außen vor. Innerhalb der Partei werden ihre praktischen Ansätze kaum auf ihr politisches Potenzial hin überprüft. Die Steilvorlagen für Kapitalismuskritik anhand der ökologischen Frage sind außerhalb der Partei längst gelegt. Klima oder Kapitalismus? Die Antwort ist eindeutig.

Genau deshalb wäre es doch Aufgabe der LINKEN, die Zusammenhänge zwischen Frieden, Gerechtigkeit, Gesundheit und z.B. guter Arbeit und Ökologie im ganz eigenen Interesse genau herauszuarbeiten. Ohne eine grundsätzliche Lösung für schwindende Ressourcen und Lebensräume werden Frieden, Gerechtigkeit, Gesundheit und Wohlbefinden immer unwahrscheinlicher. Die derzeitige gesellschaftliche und wirtschaftliche Organisationsform der Menschenfamilie krankt nicht nur an einem Verteilungsproblem, sondern sie krankt daran, dass sie, zum Schaden aller, für kurzfristigen Gebrauch alle natürlichen Kreisläufe langfristig zerstört, d.h. die natürliche Regeneration aushebelt und unmöglich macht. Doch von dieser natürlichen Regenerationsfähigkeit hängt unser Leben weiterhin ab. Technisch-industriell können wir sie bisher nicht im benötigten Maß ersetzen, zumal bei steigender Bevölkerungszahl, und es zeichnet sich auch nicht ab, dass es zukünftig möglich sein wird.

Doch obwohl klar ist, dass Knappheit Konflikte im Zusammenleben schürt, spielten auch bei der „Linken Woche der Zukunft“ Begriffe wie Kreislaufwirtschaft, Cradle-to-Cradle, Open Source Ecology, Permakultur und dergleichen mehr keine Rolle. Der entsprechende Diskurs findet ohne uns statt. Nur was ist, wenn beispielsweise die Welternährung wirklich nur über lokale Kleinbauern und -bäuerinnen langfristig für alle gesichert werden kann? Müssten dann nicht die Handvoll Idealisten, die jetzt an der Re-Etablierung des fast Verdrängten arbeiten, hofiert, ausgequetscht und in die politische Arbeit gedrängt werden? Müsste die Umsetzung des Versuchs, Fülle, Vielfalt und Widerstandsfähigkeit in vornehmlich lokalen Strukturen im Einklang mit der Natur zu erschaffen, nicht genau beobachtet, begleitet, unterstützt und fürs Politische brauchbar gemacht werden?

Der unentwegte Schwund der natürlichen Lebensgrundlagen ist ein Grundproblem, für dessen Lösung im politischen Spektrum bisher keine Strategie in Sicht ist. Doch von der Erhaltung, Wiederherstellung, ja genau genommen der Steigerung der Produktions- und Regenerationsfähigkeit der Natur hängen die friedliche Koexistenz und die soziale Gerechtigkeit mit ab. Das ausreichende Vorhandensein von Lebens-Mitteln und -Räumen ist zwar noch kein Garant für Frieden und Gerechtigkeit, aber deren unabdingbare Voraussetzung. Bei den linken Konzepten zum sozial-ökologischen Umbau ist dies dringend zu beachten. Für fundamentales Rot braucht’s eben fundamentales Grün – und davon sind wir in Denken und Handeln noch weit entfernt.