Konferenz zum Epochenbruch 1914 – 1923

Von René Lindenau

Schon im Februar 2018 lud die Historische Kommission der LINKEN im Rahmen einer wissenschaftlichen Konferenz zu einer Reise in die Vergangenheit nach Berlin ein. Geschichtliche Haltepunkte waren der Epochenbruch und die damit verbundenen revolutionären Ereignisse jener Jahre: Februarrevolution, Oktoberrevolution und die deutsche Novemberrevolution.

Ganztägig wurde referiert und debattiert. Groß war somit der Fundus an Reflexionen, an Erkenntnissen sowie an verschiedenen wie neuen Sichtweisen. Angesichts der Fülle dieser Beiträge kann hier nur schlaglichtartig auf sie eingegangen werden.

Dr. Wladislaw Hedeler konstatierte: „Im Ergebnis der von 1989 bis 2011 geführten Programmdebatte (von SED/PDS zur LINKEN) ist der Hinweis auf die ,welthistorische Bedeutung der Oktoberrevolution‘ aus dem Programm gestrichen und der von Lenin begründeten Weltanschauungspartei ,neuen Typs‘ eine Absage erteilt worden.“ Auch spätere Ausführungen Hedelers zur Programmgeschichte der LINKEN legen nahe: Es lohnt sich, deren programmatische Wandlungen vergleichend nachzulesen.

Ferner erinnerte Hedeler, der auch als Autor einer Bucharin-Biografie hervorgetreten war, an den Historiker Manfred Kossok, der 1991 sagte: „Die sozialistische Revolution konnte nicht ins Zentrum des bürgerlichen Kosmos vorstoßen, wie es einst der bürgerlichen Umwälzung gelang. In diesem Sinne blieb die sozialistische Revolution, auch wenn sie als europäisches Ereignis, als ,Katalysator aller damit verbundenen Probleme‘ wahrgenommen wurde, ein peripheres Phänomen.“ Lag in dieser Isolation nicht schon eine Saat der Niederlage der russischen Revolution?

In einem anderen Themenblock berichtete Prof. Michael Buckmiller über Koalitionsregierungen von SPD und KPD in Sachsen und Thüringen. Nach einer entsprechenden Direktive des Moskauer Exekutivkomitees der KOMINTERN zur Regierungsbeteiligung trat die sächsische KPD am 10. Oktober 1923 in die Regierung ein, drei Tage später taten es ihnen die Thüringer Genossen gleich. In Sachsen einigte man sich auf folgende Richtlinien: Abwehrmaßnahmen gegen den Faschismus, Bekämpfung des Wuchers, Bildung von Arbeiterkammern sowie auf eine Teilamnestie. Schwerpunkte der Regierungsarbeit in Thüringen sollten zum Beispiel sein: die Sicherung des Lebensminimums durch Erfassung von Sachwerten durch das Reich, die Durchführung einer wirksamen Produktionskontrolle unter Mitwirkung der proletarischen Massen, unbedingte Aufrechterhaltung des Achtstundentags, Erweiterung des Arbeitsrechts, Verhinderung von Betriebsstillegungen, Verstaatlichung der Polizei unter republikanischer Leitung und Säuberung des Staatsapparats. Wie bitter, das sich die sozialdemokratischen U-Boote um Reichspräsident Friedrich Ebert und sein Innenminister Sollmann von Berlin aus bemühten, beide Reform-Regierungen zu torpedieren. Das ging in Thüringen von Haussuchungen bei KPD-Abgeordneten, 300 Festnahmen bis hin zu 34 Morden – alles durch „Tateinheiten“ der Reichswehr. Es war schon nach wenigen Tagen absehbar, dass die durch Ebert gedeckte Militärherrschaft selbst die eingeschränkten Reformpläne der Koalitionsregierungen unmöglich machte, so der Referent. Bemerkenswert ist bei alldem auch, das Reichskanzler Gustav Stresemann die militärische Amtsenthebung der gewählten, ihm „unpässlichen“ Regierung in Sachsen verfügte und stattdessen die Einsetzung eines Staatskommissars veranlasste.

Demokratie geht anders. Aus dem „Deutschen Oktober“ wurde also nichts. Dabei hatte Sinowjew zuvor noch geschrieben: „Die heraufziehende zweite, wirklich proletarische Revolution in Deutschland wird Sowjetrussland endgültig zum Siege verhelfen auf dem Felde des sozialistischen Wirtschaftsaufbaus“. Es sollte nicht letzte (revolutionäre) Fehleinschätzung sein.

Die herausragende Kennerin von Leben und Werk Rosa Luxemburgs, Prof. Annelies Laschitza erklärte, dass Luxemburg spätestens seit der Jahrhundertwende auf eine antikapitalistische, sozialistische Revolution im weltweiten Maßstab fixiert gewesen war. Wie ihr viele Gegner unterstellen wollen, bedeutete das nicht, dass sie dabei auf anarchistische oder terroristische Gewaltakte setzen wollte. Vielmehr: Eine weltweite revolutionäre internationale Erhebung bedürfe langfristiger Vorbereitungsphasen, geduldiger Aufklärungsarbeit, bewusster Aufnahme von Erfahrungen und Lehren und nicht zuletzt einer Erfolg verheißenden konkreten Krisensituation.

Die Luxemburg-Forscherin gab dann auch ihre Einschätzung über die Erfolgsaussichten des „Roten Oktober“ zu Protokoll: „Für die russische Revolution sah sie keine Chance auf Erfolg, solange sich deren Führer zu undemokratischen, zum Teil terroristischen Mitteln und Methoden hinreißen ließen, sich von deutschen Imperialisten erpressen lassen mussten und nicht genügend internationale Unterstützung erhielten.“ Folgerichtig kritisierte Luxemburg allen voran Lenin, wegen der Zustimmung zum Frieden von Brest-Litowsk. Sie warf den russischen Genossen den „Ausverkauf der Revolution“ vor. Die Kapitulation von Brest-Litowsk hätte den Siegeslauf des deutschen Imperialismus begonnen – meinte Luxemburg.

Was lässt sich da abschließend sagen? Nun, es nicht damit getan, sich tatsächlich eine Bahnsteigkarte zu kaufen und in den Zug der Revolution einzusteigen, es kommt auch immer auf die richtigen Weichenstellungen an.

Sämtliche Referate der Konferenz sind hier nachlesbar: www.gleft.de/2b1