Kampfbegriffe als Diskriminierungsform

Gastbeitrag von Dr. Klemens Ketelhut, Universität Heidelberg/Heidelberg School of Education

Es ist nun schon einige Jahre her, dass die Debatte um den so genannten Bildungsplan in Baden-Württemberg Themenbereiche wie Homosexualität und Trans*geschlechtlichkeit in den öffentlichen Diskurs gebracht hat. Scheinbar Erstaunliches war damals zu beobachten: Im Gefolge der Ankündigung, dass nun auch andere Lebensweisen als die der Heterosexualität und der Zweigeschlechtlichkeit im Kontext der Schule Raum bekommen sollten, entstand eine lautstarke Gegenbewegung, die unter anderem den bis heute als konservative Kampfvokabel genutzten Begriff der „Frühsexualisierung“ wieder prominent machte. Es war ein kalkuliertes Schüren von Ängsten auf Kosten von Menschen, die zu sexuellen oder geschlechtlichen Minderheiten gehören und sich damit per se in einer gesellschaftlich inferioren Position befinden. Der Begriff der Frühsexualisierung eignet sich zur Skandalisierung in einem zweifachen Sinne: Erstens ruft er das alte Stereotyp des pädophilen schwulen Mannes auf und damit auch die mindestens ebenso alte Verführungsthese, also die Idee, dass Jugendliche durch schwulen Sex schwul gemacht werden könnten. Zweitens inszeniert und instrumentalisiert er Kinder durch die Behauptung, sie wären Opfer einer angeblich aggressiven „Lobby-Pädagogik“.

Neben dieser Aktualisierung verschwörungstheoretischer Phantasmen wurden Homophobie und Heterosexismus dieser Tage dann medial von einem menschenverachtenden Aussagensystem zur simplen Meinung degradiert – in Talkshows versuchte man, maximale Quotengewinne dadurch zu erreichen, dass man Homosexuelle* mit Vertreter*innen des Frühsexualisierungsdiskurses zusammenprallen ließ. Genau dieses Vorgehen zeigt schon, dass Homophobie beziehungsweise Heterosexismus eine der sozialen Diskriminierungsformen darstellen, die medial mehr oder weniger unwidersprochen als Äußerung einer individuellen Einstellung vorgestellt werden können. Etwas vereinfacht könnte man sagen: Der Homosexuelle scheint pervers zu sein und nicht die Gesellschaft, in der er lebt. Diese Schuldumkehrung zu Lasten einer Gruppe von Menschen, die unter struktureller Diskriminierung leiden, stellt eine besonders perfide Strategie zur Stabilisierung diskriminierender Strukturen dar.

Bekanntlich wurde der Entwurf des Bildungsplans in Baden-Württemberg in einer sprachlich deutlich abgeschwächten Form verabschiedet, so dass sich die Proteste aus den restaurativen, evangelikalen und rechten Gruppen für diese doppelt gelohnt haben dürften: Zum einen konnten sie relativ erfolgreiches Agendasetting betreiben (der Begriff der Frühsexualisierung hat es bis in den politischen Diskurs auch außerhalb der „AfD“ geschafft) und zum anderen ein isoliertes politisches Ziel zulasten einer offeneren und demokratischeren Gesellschaft umsetzen. Dabei sind selbst Aussagen in Bildungsplänen nur ein allererster Schritt. Sie müssten unterlegt werden mit verpflichtenden Ausbildungsinhalten in pädagogischen Berufen und hochschulischer Forschung und einem Verständnis von Heterosexismus als struktureller Ungleichheitskategorie.

Junge Schwule und Lesben haben ein weitaus höheres Suizidrisiko als heterosexuelle Jugendliche, ebenso leiden sie überproportional unter psychischen und psychosomatischen Erkrankungen. Sowohl die Angst vor als auch die tatsächlich erlebte Diskriminierung, das Verschwiegen-Werden in Schule und Gesellschaft und oft erlebte Einsamkeit prägen nach wie vor die Biografien vieler homosexueller und trans*-Jugendlicher und Erwachsener.

Diese Konsequenzen, die als Ergebnis struktureller Ungleichbehandlung und sozialer Machtverhältnisse zu verstehen sind, würden eine entschiedene gesellschaftliche Reaktion erfordern, die sich nicht, wie bisher häufig, in repressiver Toleranz erschöpft. Absurde und gefährliche Angebote wie Therapien gegen Homosexualität sind zu verbieten, Gesetze, die trans*-Menschen in einen unbarmherzigen medizinischen Prozess vor einer möglichen Transition sind im Sinne der Betroffenen zu ändern.

Zu besichtigen ist im Moment das Gegenteil. Die politisch halbherzige Öffnung der Ehe bleibt so lange ein Pyrrhussieg, wie sie nicht eine emanzipatorische Familienmodellpolitik zur Folge hat, die sich nicht darin erschöpft, heteronormative Muster zu kopieren, sondern offen über die Vervielfältigung von Begehren und Lebensweisen und deren Schutz nachdenkt. In diesem Sinne kann die Forderung nur lauten, heterosexistische Strukturen und ihre Ausprägungen zu benennen und zu bekämpfen, die Geschichte(n) der Betroffenen zu erforschen und zu erzählen und restriktive sexuelle Politiken abzuschaffen.