Herausragender Lied-Poet von internationalem Format

Jens-Paul Wollenberg über deutschen Folk, das Plattdeutsche und den Niederländer Helmut Debus

Es war die Zeit der Rückbesinnung auf eigene Identität in Sachen Volksmusik, die Geburtsstunde des deutschen Folk-Revivals, Ende der Sechziger bis Mitte der Siebziger. Bis dahin gab es zwar auch schon Folkmusik, aber mehr oder weniger wurde irische, schottische oder amerikanische Folkmusik nachgespielt – das war damals etwas ganz Neues, eine Alternative zur kommerziellen Beat-, Disko- und Unterhaltungsmusik. Das Ensemble „Tramps and Hawkers“ aus Hamburg beispielsweise spielte hauptsächlich, und das mit Hingabe, irisches Liedgut. Das kam gut an beim Publikum, die Spielstätten in Studentenclubs oder Musikkneipen waren stets gut besucht.

Als die Gruppe nach Irland pilgerte, um weiteres Material für ihr Repertoire zu erforschen, stießen sie bei ihren irischen Folkkollegen auf die Frage, wo denn ihre Identität bleibe: „Habt ihr denn keine eigenen Lieder?“ Nun ja, da gab es die Sammlung von Wolfgang Steinitz, der zwei Bücher rausbrachte, die sich mit dem Volkslied demokratischen Charakters aus drei Jahrhunderten auseinandersetzten. Eine feine Sache also, und was lag bei den Hamburgern näher als Shantys, Seemannslieder oder die Songs der eigenen Hafenarbeiter auszugraben, wiederzuentdecken – alles auf Plattdeutsch. Das konnte man, sofern die Bereitschaft und Möglichkeit bestand, sich dieses Dialekts zu bedienen, ganz locker über die Bühne bringen. Gesagt, getan, als „Tramps and Hawkers“ wieder nach Hamburg kamen, nannten sie sich „Liederjan“ und galten alsbald als eine der wichtigsten deutschsprachigen Folkgruppen. So erging es nicht nur „Liederjan“ – im Schwäbischen gründeten sich „Zupfgeigenhansel“ und „Linnezworch“, die anfangs noch hauptsächlich schwäbisch sangen, ohne Heimattümelei aufzuforsten. Denn mehr denn je wurden die Lieder der Unterdrückten, der Verlierer der Geschichte bevorzugt, auch oppositionelle Soldatenlieder, denn der Folkszene schlug das Herz nun mal am linken Fleck.

Wir bleiben bei den Norddeutschen, die ihre Sprache locker anzuwenden verstehen. Es entstanden innerhalb kürzester Zeit Folkinitiativen, die zur Gründung etlicher Formationen führten, Gruppen wie „Averliekers“ (Aber trotzdem), „Jan und Jörn“ oder „Ulenspiegel“ wurden ins Leben gerufen und sangen traditionelle wie eigene Lieder in ihrer ostfriesischen bzw. Kieler Mundart. Ebenso begann sich der aus Bielefeld stammende Hannes Wader für diese Mundart zu interessieren und kreierte mehrere Songprojekte up platt. Mit einigen Platten überzeugte er sogar die Musikkritiker und Fachzeitschriften wie den damaligen „Folk Michel“ (heute „Folker“). Dass selbst Interpreten einer leichteren Gangart mitzumischen begannen, bewies der bekannte Entertainer Knut Kiesewetter, dem es aufgrund seiner Popularität zu verdanken ist, dass das plattdeutsche Lied salonfähig wurde. Sein Album „Leeder vun mien Fresenhof“ von 1976 wurde zum Kassenschlager.

In der DDR machte der Schauspieler und Sänger Kurt Nolze von sich reden, der ebenfalls eine Langspielplatte mit plattdeutschen Liedern veröffentlichte. Doch das Rostocker Liedermacherduo Piatkowski und Rieck interpretierte sein Repertoire weitaus professioneller, da sie großen Wert darauf legten, ihre Lieder urwüchsiger vorzutragen, damit sie nichts an Authentizität einbüßten. Es kamen zwei LPs bei AMIGA heraus.

Inspiriert wurde das Duo von einem Songpoeten aus der BRD, Helmut Debus. Der gilt immer noch als der leidenschaftliche Interpret, Komponist und Dichter, der sich ausschließlich der plattdeutschen Sprache bedient, sie als seine Herzenssache bezeichnet und als ein Erneuerer derselben gilt. Seine eigensinnige Poesie gibt der niederländischen Sprache zurück, was sie heute am meisten braucht: Respekt und Würde. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Helmut Debus galt anfänglich noch Geheimtipp in der Liedermacherszene, und obwohl er plattdeutsch sang, wuchs sein Erfolg weit über die Grenzen der norddeutschen Sprachraums hinaus. In der Fernsehsendung „Tipps für Hörer“, die am 24. September 1978 ausgestrahlt wurde, wurde Debus mit seinem Erstlingswerk „Wo ik herkam“ vorgestellt. Das Resultat: Die Platte wurde mehr als zehntausendmal verkauft. Inhaltlich thematisierte er die Liebe zu seiner Heimat, wobei Umweltschutz und Sozialkritik nicht zu kurz kamen. Unermüdlich betrieb er Fabelforschung, um althergebrachtes Textmaterial zu recherchieren. Dabei standen ihm der aus Jever stammende Poet Oswald Andrae, der maßgeblichen Anteil an der Wiederbelebung niederdeutscher Lyrik hat, und Klaus Dedo zur Seite. Aus bruchstückhaften Fragmenten, die letztendlich durch mühselige Puzzlearbeit zusammengefügt wurden, entstanden die ganz speziellen Deicharbeiter Lieder, welche den Hauptanteil an Debus‘ zweiter LP „Wat ik meen“ ausmachen.

Geboren wurde Helmut Debus in Hartenrod an der Wesermarsch, seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Brake an der Weser, wo er heute noch lebt und aktiv ist. Er beschreibt seinen Werdegang folgendermaßen: „Ich bin zweisprachig aufgewachsen. Offiziell hochdeutsch, die Alten zuhause sprachen ,hoch‘, wir Kinder sollten keine Schwierigkeiten mit der Sprache haben. Plattdeutsch galt damals ja noch als rückständig, dumm, vom Lande und Ähnliches. Aber draußen auf der Straße war alles plattdeutsch. Die Fischer und Bauern sprachen mit uns Platt, unsere Spieler und Lieder waren plattdeutsch. Gesungen habe ich, wie alle anderen, eigentlich immer. Meine ersten ,richtigen‘ musikalischen Erfahrungen vor dem ,Arbeitsleben‘ machte ich als Schlagzeuger bei den ,Madmen‘, einer der damals zahlreichen ,Beat-Bands‘. Danach habe ich auf der Gitarre mit drei Griffen Dylan und Donovan gespielt. Dylan sang so wie ich fühlte, obwohl ich die Texte nicht verstand. Aber ich wollte in meiner Sprache singen. Ich erinnere mich noch an einen meiner ersten Auftritte beim Turnerfest, etwa 1970, wo ich schon Lieder in ,hoch‘ und ,up platt‘ sang.“

Nach seinem Schulabschluss erlernte Debus den Beruf als Buchhändler, war dann eine Zeitlang Hafenarbeiter und Matrose und ging danach über den zweiten Bildungsweg zur pädagogischen Hochschule, bis er sich ganz seinem musikalischen Werdegang widmete. Auf seiner dritten LP stellte er neben Arbeiterliedern nach dem Motto „Von Fischerei und Walfang“ wiederholt Deicharbeitersongs vor, sowie heimatbezogene Lieder über Bremen und Brake sowie Lieder, die er aus dem Englischen ins Plattdeutsche übersetzte, so zum Beispiel „Trotz alledem“.

Ab dem Ende der Siebziger gab Debus auch Konzerte und Tourneen in ganz Europa, trat in Rundfunk und Fernsehen auf, schuf Film- und Theatermusik und war auch bei den großen Festivals präsent, etwa beim Nürnberger Bardentreffen, beim Folk-Festival „Klangbüchsen“ in Langenhagen, beim TFF Rudolstadt, bei den „Surwalder Literaturgesprächen“. Und er war ständig Gast der Folk-Alternative in Strackhott/Ostfriesland. 1985 erschien sein neues Album „Vullmaand“. Sitdem hat er sich mehr und mehr vom „dichtenden Sänger“ zum „singenden Dichter“ entwickelt, und sein Plattdeutsch, wie er betonte, zu einer Universalsprache erklärt. Kritiker schrieben dazu: „Er hat Liedpoesie geschaffen, die im besten Sinne international ist.“

In den 90er Jahren machte er die Bekanntschaft des englischen Songwriters Allan Taylor, dessen Song „Good to see you“ international gefeiert und gecovert wurde. In Deutschland bekannt geworden ist es als Hannes Waders Version „Gut wieder hier zu sein, gut euch zu seh’n“. Als Debus und Taylor aus Spaß ein Duett bildeten und spürten, dass die Chemie stimmte, beschlossen sie das Experiment, Englisch und Plattdeutsch auf den Bühnen zu verbinden. Was beide nicht ahnten: Sie füllten die Konzerthallen. Innerhalb kürzester Zeit schwammen die beiden sprichwörtlich auf demselben Level, man warf sich sprachlich und gesanglich die Bälle zu, ergänzte sich leidenschaftlich in der jeweiligen Sprache, wobei akribisch darauf geachtet wurde, die Sprachen gegenseitig mit großem Respekt zu behandeln und sie ernst zu nehmen. Das Duo tourte in den Neunzigern bis in die 2000er Jahre hinein jährlich an die dreißigmal von Stuttgart bis Flensburg quer durch die Lande, ihre Konzerte betitelten sie im Gleichklang englisch-plattdeutsch mit Namen wie „Two-Twee“, „Friends-Frunnen“ oder „Together-Tosamen“. Leider erschien nie eine Dokumentation dieser Zusammenarbeit auf einem Tonträger. Parallel dazu erarbeitete Helmut Debus weitere Soloprogramme, die ständig als CD auf den Markt kamen, wie das großartige und sehr empfehlenswerte „Möwen seilt up Wind“, sein dreizehntes Album aus dem Jahr 1997, oder „Vullmaand + Morgenfloot“ von 1999.

Mit dem Erscheinen seines achtzehnten Albums „Dreihen un Weihen“ erfuhren seine Songs eine bemerkenswerte Metamorphose. Durch Zufall sah er in einer Musikbar eine Band spielen, die den „Shantybilly“ kreierte. Weil dieser Mix aus Rockabilly, Shanty und Rock’n’Roll, Country und Bluegrass ihn so faszinierte, entschloss sich Debus kurzerhand, mit den Musikern Kontakt aufzunehmen. Man traf sich ein paarmal und setzte erste Proben an. Mit den Gitarristen Michael Jungblut, Iko Andrae am Bass und dem Schlagzeuger Bahli Bahlmann produzierte Debus das Album „Dreihen und Weihen“, das im März 2012 erschien. In einem Pressetext über die CD hieß es: „Wie einst Dylan veränderte auch Debus seinen persönlichen, vielen vertrauten Sound. Aber keine Angst: Alles, was wir an seinen Liedern lieben, das Warmherzige, die ,Melancholie in Moll‘, die so eigene bildhafte Sprache, all das ist noch da. Es trägt nur ein anderes Kleid.“

Sein 2015 erschienenes Album „Liekut un annersrum“ stellt zweifelsohne alles in den Schatten. Die mit der gleichen musikalischen Besetzung produzierte CD ist ein Meisterwerk und seine 20. Produktion seit 1976. Mit unaufdringlicher Dynamik verzaubert uns ein sensibler Interpret mit bluesgetränktem, sonorem Gesang in dieser von ihm so geliebten Sprache. Man verirrt sich schwelgend in der Magie dieser faszinierenden Melange aus norddeutschem Flair und zutiefst emotionsgeladener Stimmung. Man möchte meinen, der ältere Bob Dylan hätte das Plattdeutsche für sich entdeckt. Ich glaube, Helmut Debus hätte nichts gegen diese Beschreibung einzuwenden.