Gralshüter proletarischen Schrifttums

Eine neue Publikation würdigt Archivare, Bibliothekare und Sammler deutschsprachiger Quellen der Arbeiterbewegung. Von Wulf Skaun

„Die alte Welt erneuern ? das ist der tiefste Trieb im Wunsch des Sammlers, Neues zu erwerben …“ Was Walter Benjamin in seinem Essay „Ich packe meine Bibliothek aus“ als allgemeines Credo jener Spezies formuliert hat, trifft auf Archivare, Bibliothekare und Sammler deutschsprachigen Schrifttums der Arbeiterbewegung noch ganz besonders zu. 60 von ihnen hatten der Berliner Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung und das Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung im Jahre 2009 in der Publikation „Bewahren ? Verbreiten – Aufklären“ mit Kurzbiografien gewürdigt. Ende 2017 ist ein gleichnamiger Supplementband erschienen. Herausgegeben von Günter Benser, Dagmar Goldbeck und Anja Kruke, erinnert er an 16 weitere Persönlichkeiten, die sich um schriftliche Überlieferungen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung verdient gemacht haben. Die Autoren, ausgewiesene Wissenschaftler und Bibliothekare, verfolgen wiederum deren Ziele und Methoden und vertiefen so das Wissen um die Entwicklungsgeschichte des proletarischen Bibliotheks- und Archivwesens.

Die Kurzporträts über diese „Gralshüter“ kostbarer Quellen der Arbeiterbewegung stammen von Willy Buschak, Rainer Holze, Günther Benser, Rüdiger Zimmermann, Agnieszka Brockmann, Dagmar Goldbeck, Andreas Diers/Rudolf Steffens, Frauke Mahrt-Thomsen, Heinz Deutschland, Ottokar Luban, Gisela Notz, Elisabeth Ittershagen, Rolf Hecker und Andreas Herbst.

So verschieden die von ihnen skizzierten bibliophilen Frauen und Männer und so unterschiedlich deren Bücherschätze auch sind, immer gleich ist die Faszination, die von ihrer Sammelleidenschaft und der Magie ihrer Bibliotheken ausgeht. Wer sich durch dieses Bändchen gedruckter Arbeitergeschichte liest, begegnet literaturversessenen Charakteren mit all ihren vom Umgang mit Büchern und Schriften geprägten Eigenarten, durchforstet mit den leuchtenden Augen der Sammler ihre papiernen Schatzkammern und weiß endgültig den Lustseufzer des großen Jorge Luis Borges zu verstehen: „Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.“

Der Autor dieser Zeilen möchte, ohne Ausnahme, auf die honorierten Archivare, Bibliothekare und Sammler, darunter ein Frauenquintett, neugierig machen. Aus Platzgründen hält er sich an die summarischen Vorbemerkungen der Herausgeber. Deren Übersicht über die fünf Frauen verrät, dass Bona Peiser, die erste hauptberufliche Bibliothekarin Deutschlands, maßgeblich zur Entwicklung des bibliothekarischen Berufsbildes und der Lesehallenbewegung beitrug. Agnes F. Peterson kuratierte die mittel- und westeuropäischen Sammlungen der Hoover Institution, während Ilse Schiel für die Sammlung von Erinnerungen verantwortlich war. Beider spezielle Sachkompetenz ermöglichte es vielen Historikern, die Geschichte der Arbeiterbewegung „an der Quelle“ zu erforschen. Amelie Pinkus-De Sassi, die Frauenrechtlerin und Buchhändlerin, gründete gemeinsam mit ihrem Ehemann die Studienbibliothek zur Geschichte der Arbeiterbewegung in Zürich. Inge Lammel schließlich hob das Arbeiterliedarchiv der Akademie der Künste der DDR aus der Taufe.

Dem Andenken an Archivare und Bibliothekare der jüngeren Vergangenheit, die sich bei der Erschließung und Bewahrung von gedruckten und ungedruckten Materialien der Arbeiterbewegung ausgezeichnet haben, sind Kurzbiografien über Friedrich P. Kahlenberg, Werner Krause und Heinz Peter gewidmet. Hans Landauer, der ein einzigartiges Archiv der österreichischen Spanienkämpfer schuf, gehört ebenso dazu wie auch Hermann Weber, der als Historiker half, bedrohte DDR-Archive zu retten. Das Doppelporträt der beiden Wissenschaftler Robert René und Jürgen Kuczynski stellt ihre atemberaubende, über Generationen gepflegte Gelehrtenbibliothek vor. Große Sammler waren auch Arthur Lehning mit seinem vielleicht umfangreichsten Fundus zum Anarcho-Syndikalismus und der Gewerkschaftsfunktionär Emil Basner. Eduard Backert rettete die Gewerkschaftsquellen der Nahrungsmittel- und Getränkearbeiter, während Hans Stein als Mitarbeiter des Moskauer Marx-Engels-Instituts und später des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte Amsterdam einschlägige Dokumente entdeckte, beschaffte und sicherte.

Zu den Vorzügen der Publikation zählen auch die fotografischen Porträts der 16 Vorgestellten sowie das Personenregister von Birgit Leske. Büchermenschen mit Sammeleifer finden in „Bewahren ? Verbreiten – Aufklären“ auch noch manchen Ratschlag für die Strukturierung ihrer eigenen Bibliothek.

Günter Benser, Dagmar Goldbeck, Anja Kruke (Hrsg.): Bewahren ? Verbreiten ? Aufklären. Archivare, Bibliothekare und Sammler der Quellen der deutschsprachigen Arbeiterbewegung. Supplement. 165 S. Erarbeitet in Kooperation von Förderkreis Archive und Bibliotheken der Arbeiterbewegung und Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung. Bonn 2017. ISBN 978-3-95861-591-5