Fluchtpunkt Lissabon

Von Prof. Dr. Kurt Schneider

Am 10. Mai 1940 überschritt die deutsche Wehrmacht die Westgrenze Deutschlands. Sie besetzte in kurzer Zeit Belgien, Luxemburg, die Niederlande und Nordfrankreich. Ein gewaltiger Strom von Flüchtlingen brach auf in Richtung Südwesten, um den Kampfhandlungen und Verfolgungen zu entkommen. Vor allem Juden sahen die Gefahr, in der sie sich befanden, aber auch linksgerichtete Politiker und antifaschistische Intellektuelle aus Deutschland, Österreich, Polen und der Tschechoslowakei, die sich in Frankreich in Sicherheit geglaubt hatten. Die französische Regierung flüchtete nach Tours, dann nach Bordeaux. Diplomatische Vertretungen von sechzig Ländern folgen, ebenso die Exilregierungen Polens, Belgiens und Luxemburgs.

Der Buch- und Filmautor Dierk Ludwig Schaaf, der viele Jahre als ARD-Korrespondent in Bonn, Paris und Warschau tätig war, schildert in dem von ihm verfassten Buch „Fluchtpunkt Lissabon“ das damit verbundene Chaos und Elend, berichtet von denen, die mit Mut und Risiko versuchten, den in Vichy-Frankreich verfolgten und tödlich bedrohten Menschen zu helfen, ihnen einen Weg in die Freiheit zu ebnen. Dazu hat Schaaf zahlreiche Dokumente und Akten herangezogen, die bisher nicht oder sehr unvollständig von der Forschung ausgewertet worden sind.

Dem 12 Kapitel umfassenden Buch ist quasi eine Einführung in die damaligen personellen Machtverhältnisse in Portugal vorangestellt. Der Diktator Antonio Salazar, dem 1928 der Sprung an die Macht gelungen war, wollte Portugal aus dem Zweiten Weltkrieg heraushalten, mit der Absicht, sich nach beiden Seiten kooperativ zu verhalten. 1938 vertraute er Sousa Mendes das für Portugal wichtige Generalkonsulat in Bordeaux an. Schaaf schildert das Inferno auf den Straßen und Plätzen in Bordeaux, darunter eine schier endlose Menschenschlange, die bis zum portugiesischen Generalkonsulat reicht. Alle wollen ein Visum oder einen Pass. Portugal ist für sie die letzte Hoffnung. Doch man kann aus der Warteschlange nicht weg, nicht zum Essen, nicht zum Schlafen, nicht zur Toilette, nicht zum Waschen, weil sonst der Platz in der Schlange der Wartenden verloren geht. Die Folge ist, dass die Menschen erschöpft, hungrig, schmutzig und müde sind, der Verzweiflung nahe.

Danach folgt die Schilderung der politischen Vorgänge in Frankreich, die zum Untergang der Dritten Republik führen. Am 16. Juni entschließt sich die französische Regierung zum Waffenstillstand und zur Kapitulation. Die Lage spitzt sich zu. Die deutschen Besatzungsbehörden verlangen und erhalten von den Vichy-Behörden Listen mit den Namen von Flüchtlingen aus Deutschland, Österreich und den besetzten Gebieten, wodurch gezieltes Handeln der Nazis im besiegten Frankreich möglich wird. Sousa Mendes weiss, dass ihm ein Disziplinarverfahren droht, als er in dieser Situation mit kraftvoller Stimme verkündet: „Von nun an werde ich allen ein Visum geben, es gibt keine Nationalitäten, Rassen, Religionen mehr.“ Sein Gewissen verbiete ihm zuzulassen, dass all diese Leute umkommen. Niemandem dürfe wegen seiner Religion oder seiner politischen Überzeugung der Aufenthalt in Pourtugal verweigert werden. Sousa Mendes rettete damit gegen den ausdrücklichen Befehl Salazars tausende antifaschistische Flüchtliinge vor der Verfolgung und dem Zugriff durch Nazi-Deutschland und zahlreiche Juden vor dem Holocaust.

Als der Krieg endete und das faschistische Deutschland besiegt war, hätte man erwarten können, wie Schaaf schreibt, „dass alle Fluchthelfer, alle Menschenretter geehrt und geachtet würden als die kleinen Helden neben den großen, den alliierten Staatsmännern und Feldherren, die quasi als Säulenheilige des Antifaschismus auf ihre Sockel stiegen“. Die UNO verabschiedete am 10. Dezember 1948 die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ in Form einer Deklaration. Einige der Retter ehrte die israelische Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“. Salazar jedoch beauftragte eine Kommission im Außenministerium, Sousa Mendes‘ Verhalten disziplinarisch zu prüfen. Dazu ließ er achtzehn Verfehlungen des Konsuls auflisten, darunter den Vorwurf, er habe dem Ruf Portugals in Spanien und in Frankreich bei der deutschen Besatzungsmacht geschadet. Salazar ordnete an, Sousa Mendes für ein halbes Jahr bei halbem Gehalt vom Dienst zu suspendieren und ihn danach bei minimaler Rente in den Ruhestand zu versetzen. Diese Strafe bedeutete für Sousa Mendes, zu diesem Zeitpunkt 55 Jahre alt, verheiratet und Vater von elf Kindern, die berufliche und gesellschaftliche Vernichtung. Erst 1988 beschloss das portugiesische Parlament, die Ehre von Sousa Mendes wieder herzustellen.

Dierk Ludwig Schaaf: Fluchtpunkt Lissabon. Wie Helfer in Vichy-Frankreich Tausende vor Hitler retteten. Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2018. 424 Seiten, 32 Euro ISBN 978-3-8012-0525-6