„Ein wahrer Freund spricht auch bittere Worte aus.“

Ralf Richter hat „Die Eingewanderten“ von Paul Scheffer gelesen

Der niederländische Migrationsforscher beginnt mit einer Parteienkritik. Gerade eine umfangreiche Wanderungsbewegung würde doch die Bevölkerung eines jeden Landes vor große Herausforderungen stellen: „Ich hätte es begrüßt, wenn die etablierten Parteien sich dieser Themen angenommen und nicht in die andere Richtung geschaut hätten, bis ein beträchtlicher Teil der Wähler die Notbremse zog.“

Dieser Pfeil sitzt, und man ist geneigt, beim Lesen zu vergessen: Der Autor meint damit keineswegs explizit die Parteien in Deutschland. Er, der Niederländer, denkt vielmehr in europäischen Kategorien und jeder, der einmal in den Niederlanden gelebt hat, weiß: Die Niederlande sind eine Einwanderungsgesellschaft. Spätestens in Amsterdam wird das jedem Besucher klar. Die Geschichte der Migration in Europa ist äußerst spannend. Es gibt manche Parallelen – zum Beispiel was den Umgang der „etablierten Parteien“ betrifft – zwischen den Niederlanden, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und weiteren Ländern. Aber jedes Land weist auch seine Spezifika in der Migrationsgeschichte auf. Es war eine Deutsche, die als russische Zarin ihre Landsleute zur Einwanderung rief. Niemand hätte seinerzeit daran gedacht, dass später einmal hunderttausende Nachfahren nach Deutschland zurückkehren würden. Und sie kehren ja auch nicht zurück. Wer nie hier war, sondern immer nur von diesem Land hörte, trifft hier auf eine völlig andere Kultur als er oder sie erwartet hat. Die Amerikanisierung Westdeutschlands hatten die Zuwanderer aus Russland so nicht auf dem Zettel. Sie verstehen auch nicht die einseitige Betrachtung von Juden im Zweiten Weltkrieg als Opfer – aus sowjetischer Sicht waren Juden durchaus nicht nur Opfer, sondern auch Sieger im Zweiten Weltkrieg. So mancher sowjetischer Offizier und Soldat der siegreichen Armee war Jude. Das wiederum kommt in der westdeutschen Geschichtsschreibung, die nach 1989 gedankenlos zur gesamtdeutschen gemacht wurde, nicht vor.

Das Buch ist eine Mischung aus Gespräch und Forschung. Für Menschen, die sich seit langem mit dem Thema Zuwanderung beschäftigen, enthält es ebenso viele interessante Fakten wie für diejenigen, die erst von der 2015er Migrationsbewegung kalt erwischt wurden. Zur Einheit 1990 schien die Einwanderung deutsche Geschichte zu sein, die im Wesentlichen das Ruhrgebiet, westdeutsche Großstädte und Berlin betroffen hatte. Insofern ist es kein Wunder, das PEGIDA in einer ostdeutschen Stadt gegründet wurde. Auch der Blutzoll wird angesprochen, der die Niederlande politisch umgekrempelt hat – durch die Morde an Prominenten wie den Spitzenpolitiker Pim Fortuyn im Jahr 2002 oder dem Filmemacher Theo van Gogh zwei Jahre später.

Zuwanderungsgesellschaften sind im Wandel. Insofern wird sich die Zusammensetzung der Bevölkerung in Europa stark ändern, aber das ist nichts Neues. Der Autor kritisiert nicht den Vorgang als solchen, aber er möchte darauf hinweisen, dass sich doch die Gesellschaft als Ganzes gemeinsam Gedanken machen sollte, wohin die Reise gehen wird. Die Weisheiten der Völker finden sich in ihren Sprichwörtern wieder. Scheffer zitiert ein türkisches, das hierzulande scheinbar viel zu wenigen bekannt ist: „Ein wahrer Freund spricht auch bittere Worte aus.“ Wenn jemand verlange, dass man den zahlreichen Anpassungsproblemen, die Migranten bei ihrer Ankunft hätten, mehr Aufmerksamkeit schenken solle, dann sei das eben etwas anderes als die Schließung der Grenzen zu fordern. Wenn es in der „Groko-Friede-Freude-Eierkuchen-Gesellschaft“ keine objektiven Darstellungen von Problemen und Erfolgen der Migration seit 1945 hierzulande gibt, muss man sich nicht wundern, wenn Politiker wie Thilo Sarrazin zu geistigen Gründungsvätern alternativer Parteien werden.

Auch eine Partei wie die LINKE kann aus diesem Buch einiges lernen: Flüchtlingspolitische Sprecher sollten nicht die Meinung eines bestimmten Kreises wiedergeben, sondern die Meinung der Mehrheit der Parteibasis, was die Bereitschaft voraussetzt, diese überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Es ist vieles falsch gelaufen und es läuft weiterhin vieles nicht in die richtige Richtung. Eine Antwort auf die Frage, wie man es anders machen könnte und mit welchen Mitteln und Methoden man ein friedliches Miteinander von Zugewanderten und Eingewanderten organisieren kann, verlangt die Lektüre vieler anspruchsvoller Bücher, die nicht von Ideologen verfasst werden. Eines, um das man nicht herum kommt, wenn man die europäische Migrationspolitik mit ihren Erfolgen und Misserfolgen der letzten Jahrzehnte verstehen will, ist Paul Scheffers Buch. Es gehört in jede Bibliothek, so wie sein Inhalt Allgemeinbildung sein sollte.

Anmerkung zu Abschluss: Das Buch erschien bereits 2008 in einer erweiterten Neuausgabe 2016 im Carl Hanser Verlag. Es kostet 22,90 Euro in gedruckter Fassung und als E-Book 11,99 Euro.