Alte Wunden, die langsam heilen könnten?

Von Prof. Dr. Kurt Schneider

Der von Uli Schöler und Thilo Scholle herausgegebene Sammelband umfasst Beiträge von 33 Autorinnen und Autoren, die an dieser Stelle nicht im Einzelnen erwähnt werden können. Vielmehr soll das konzeptionelle Anliegen der Publikation besprochen werden, die Überlegungen sozialdemokratischer Historiker enthält, die nicht unbeachtet ausklingen sollten, sondern Aufmerksamkeit und sorgfältige Prüfung verdienen.

Wer sich halbwegs in der Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung auskennt, dem sind die gravierenden Ereignisse des engeren Untersuchungszeitraumes 1916-1922 im Grundsätzlichen bekannt. Mit anderen Worten: Die Faktenlage ist nicht neu, aber ihre Wahrnehmung vielfach durch eine Schwarz-Weiß-Kennzeichnung geprägt, je nach politischem Standpunkt oder -ort bzw. Herkunft und Zugehörigkeit des Betrachters, für deren Überwindung, gemäß dem Wort „Alte Wunden, die langsam heilen könnten“, zumindest die Herausgeber plädieren.

Mit dem vorliegenden Band soll, wie betont wird, eine Perspektive eröffnet werden, welche aus der zweiteiligen Sicht auf die „Phase der Jahre 1916 bis 1922 und den mit ihr verbundenen Spaltungsprozess herausführt“. Dafür wurde bewusst ein biografischer Ansatz für den Hauptteil der Beiträge gewählt, weil „sich vor allem auf diese Weise Differenzierungen und Nuancierungen leichter herausarbeiten lassen“. Das sind im Hauptteil vor allem Philipp Scheidemann, Gustav Brauer, Herrmann Müller, Otto Braun, Rudolf Hilferding, Karl Kautsky, Georg Ledebour, Ernst Däumig, Paul Levi, Antonie Pfülf, Alfred Henke, Mathilde Jacob, Clara Zetkin, Erhard Auer, Friedrich Ebert und Arthur Crispien.

Damit wird ohne Zweifel ein breites politisches Spektrum abgedeckt, aber Beiträge zu anderen unverzichtbaren Persönlichkeiten, darunter Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, die aus der Sicht der Herausgeber „höchst wünschenswert“ gewesen wären, fehlen. Doch woran lag es? An Autoren dürfte es wohl nicht gemangelt haben. In der Einführung, abgefasst in Erinnerung an die verdienstvolle sozialdemokratische Historikerin Helga Grebing, heißt es dazu, dass zu ihnen zahlreiche Arbeiten vorliegen, jedoch das „breite Spektrum ,dazwischen‘ lange eher unterbelichtet blieb“.

Ebenso verwunderlich ist, warum als Beginn des Untersuchungszeitraumes das Jahr 1916 gewählt worden ist, denn die grundlegende Ursache der Spaltung war mit der Zustimmung zu den Kriegskrediten und der Verkündung der Politik des Burgfriedens der klar erkennbare Verrat der Beschlüsse der Sozialistischen Internationale. Am Ende eines Diskussions- und Auswahlprozesses, „der mit einem Call for Papers und einem im Februar 2017 in Berlin durchgeführten Colloquium begann“, habe man sich für eine repräsentative Auswahl entschieden, „die ein ausreichend differenziertes, neues Bild dieser Periode zu vermitteln vermögen“. Unterschiedliche Schwerpunktsetzungen in einzelnen Beiträgen seien auf die differenzierte Sicht der Autorinnen und Autoren zurückzuführen, die Herausgeber hätten sich einer allzu strengen Vorgabe enthalten.

Bemerkennswert sind die wenn auch teilweise strittigen Gedanken beider Herausgeber zur Aktualität des Rückblicks auf historische Ereignisse. Hierbei sind Ansätze für eine kritische Sicht auf das sozialdemokratische Erbe nicht zu übersehen, wie anderseits erwartet wird, dass sich die Linke mit ihrem „leninistischen Erbe“ auseinanderzusetzen habe. Eine diesbezüglich „bemerkenswerte Absage“ habe bereits Michael Brie zum Ausdruck gebracht. Man sei nunmehr gespannt, ob breitere Kreise der Linken Bries Auffassung zustimmen werden.

Wenn der vorliegende Band einen Anstoß, eine Anregung „zu einem Neunachdenken in der wissenschaftlichen wie politischen Sphäre geben könnte“, schreiben die Herausgeber, dann sei „neben der Kritik an der jeweils anderen Position auch die eigene Parteitradition einer kritisch-selbstkritischen Sichtung zu unterziehen und der Dialog darüber zu beginnen“. Dem ist durchaus zuzustimmen, wenn man sich ohne Illusionen der Schwierigkeit und Dauer eines derartigen Vorhabens auf dem Gebiet der Geschichtsschreibung im Klaren und gleichwohl davon überzeugt ist, dass Sozialdemokraten und politische Linke in der Lage wären, ihre diesbezügliche Spaltung zumindest teilweise zu überwinden. Auch hierfür gilt, dass es leichter gesagt als getan ist, und das nach über 100 Jahren.

Uli Schöler / Thilo Scholle (Hg.): Weltkrieg. Spaltung. Revolution. Sozialdemokratie 1916–1922. Verlag J.H.W. Dietz Nachf., Bonn 2018, 472 Seiten, 30,00 Euro. ISBN 978-3-8012-4260-2