Von Sachsen in finnischen Wäldern bis zur ersten Arabischen Republik

Ralf Richter mit Randentdeckungen auf der Leipziger Buchmesse

Ein Dichterstreit hat in diesem Jahr noch vor der Buchmesse die Literaturfreunde aufgeschreckt. Wenn das nicht für Sachsen und seine Landeshauptstadt spricht: Eintausend Menschen kommen, um einem Dichterstreit zu lauschen, dem zwischen Durs Grünbein und Uwe Tellkamp – am Ende steht ein Verlierer fest: Es ist weder der eine noch der andere, sondern der Verlag Suhrkamp. Sicher ist darüber zu streiten, ob mit dem berüchtigten „Distanzierungstweet“ der Verlag seinen Autor verraten hat – überflüssig und unnötig war der Kommentar aber auf jeden Fall.

Auf der Messe dann aber keine Keilerei, sondern gute Gespräche wie gewohnt. Dort war es gar nicht so einfach, diejenigen zu finden, um die es im Dresdner Dichterstreit ging: die Migranten. Am Café Europa wurde man dann fündig: Hier saß das „Syrian Center for International Relations & Strategic Research“ (Syrisches Zentrum für Internationale Beziehungen und Strategische Forschungen). Mit eigenen Büchern wartet man vorerst noch nicht auf, aber immerhin mit Aufsätzen. Das Zentrum hat seinen Sitz in Berlin. Die Buchmesse-Syrer veranstalten Diskussionen zum Thema Arabischer Frühling oder Islam. Ihre Denkrichtung findet sich im Papier „Kampf gegen den ,Intellektuellen Terrorismus‘“ – nach der Lektüre weiß man, dass der in der gesamten arabischen Welt bis heute hoch geschätzte und dem Sozialismus zugewandte ägyptische Präsident Gamel Nasser, der das Land in die Unabhängigkeit führte, ein ganz schlimmer Terrorist war. Intellektuelle Nicht-Terroristen sind dagegen die Muslimbrüder oder die Dschihadisten der von den USA und vom Westen einschließlich von Erdogan geförderten Freien Syrische Armee, die gerade die Kurden umbringen. Auch Bashar al Assad ist ein „intellektueller Terrorist“. In der Kolonialzeit dagegen war die arabische Welt frei. Ägypten war bekannt für seine „freie Presse“ – dass kaum ein einheimischer Ägypter diese lesen konnte, weil das Land voller Analphabeten war, die erst durch Nassers Alphabetisierungskampagne mühsam lesen lernten, lassen die syrischen Wissenschaftler, die für ihre Sache auf der Leipziger Buchmesse werben dürfen, ganz großzügig unter den Tisch fallen … Zu wessen Sprachrohr lassen sich hier die Buchmesse-Veranstalter eigentlich machen? Einen Stand des Landes Syrien findet man nicht, dafür bekommen die den Muslimbrüdern nahestehenden „Rebellen“ einen. Der syrische Bürgerkrieg – von den großen Medien unbeachtet – ist inzwischen auch auf der Leipziger Buchmesse angekommen.

Interessant ist in der internationalen Halle allein die Präsentation der einzelnen Länder: Die Messerepräsentanten von Kroatien, Serbien, Montenegro und anderer jugoslawischer Länder ignorieren sich gegenseitig so gut es geht und sitzen doch nicht weit voneinander – in den Büchern aber wird deutlich, dass es kaum einen „serbischen“, „slowenischen“ oder „kroatischen“ Autor gibt. Sie alle haben in Jugoslawien gelebt, die heute 40 und älter sind und schreiben über ihre Zeit in Jugoslawien. Die Zerstückelung Südslawiens – nichts anderes heißt Jugoslawien – ist ein Unding, aber vielleicht braucht es eine junge Generation, um erneut zusammen zu fügen, was ersichtlich zusammen gehört. Ganz anders die Nordeuropäer! Dort ging es zwar schon immer durcheinander: Mal waren die Dänen Großmacht und die Norweger ihr Kolonie und die Schweden so großmächtig, dass Finnland zu ihnen gehörte – von daher rühren immer noch kleine Streitigkeiten. Aber nach außen hin treten die Skandinavier in sympathischer Geschlossenheit auf: Man kennt sich und die Schwächen und Stärken der Nachbarn seit langem, und auch wenn man wohl eher auf kühle Art befreundet ist: an gegenseitigem Respekt mangelt es nicht. Hier gehen die Stände der Schweden, Finnen, Isländer, Dänen, Norweger ineinander über. Es gibt keine scharfen Trennlinien, aber dafür umso mehr Überraschendes. Bei den Norwegern findet man auf Deutsch den „Atlas der verschwundenen Länder“ von Björn Berge. Wer selbst in einem „verschwundenen Land“ geboren wurde, wird sich davon magnetisch angezogen fühlen, und davon gibt es offenbar unendlich viele! Um Libyen zu verstehen und die Entwicklung Gaddafis nachzuvollziehen, sollte man schon etwas von Tripolitanien gehört haben, der ersten Republik Arabiens, ein säkularer Staat bestehend aus Berbern, Arabern und Tuareg rings um Tripolis. Ziel war schon damals ein säkularer Staat! Am 1. Juni 1919 gründet sich die Republik – aber „der Westen“ erkennt sie nicht an. Mussolini schickt Truppen und schon damals – wie heute in Mali – verschmelzen Islam, Nationalismus und Antikolonialismus im Widerstandskampf gegen die europäischen Invasoren. 2011 wird der säkulare libysche Staat von genau den Mächten weggebombt, die sich 1918 geweigert haben, Tripolitanien anzuerkennen – allen voran Frankreich …

Bei den Finnen findet sich ein anderes spannendes Buch. Es heißt: „Verrückte vom Freiheitsplatz und andere Geschichten“. Geschrieben hat es Hassan Blasim. Der Autor wurde 1973 in Bagdad geboren, studierte dort an der Filmhochschule, zog 1998 nach Irakisch-Kurdistan und emigrierte schließlich 2004 nach Finnland. Heute gilt er als der vielleicht beste zeitgenössische arabische Schriftsteller. Acht Jahre Krieg mit dem Iran, zwei Kriege mit den USA sowie Herrschaft und Sturz Saddam Husseins sind der unerschöpfliche literarische Stoff für den Autor aus einem Land, dessen Bevölkerung die Eskalation der Gewalt miterleben musste und wo viele heute von Traumata und Albträumen geplagt werden. Hassan Blasims Bücher erscheinen in Deutschland im Antje-Kunstmann-Verlag.

Eine ganz besondere Überraschung aber ist das „Jahrbuch für finnisch-deutsche Literaturbeziehungen“. In der Nr. 49 vom Jahr 2017 findet man sogar etwas vom Treiben eines Sachsen in den finnischen Wäldern. 1858 lud der finnische Staat den deutschen Forstwissenschaftler Edmund von Berg ein, den Zustand der dortigen Wälder zu untersuchen. Der Genannte war kein anderer als der Direktor der Akademie für Forst- und Landwirte Tharandt. Sein vernichtendes Urteil über die Situation in Finnland fällte der Sachse sechs Wochen nach seinem Eintreffen in Finnland: „Die Dummheit der Menschen und das Gewinnstreben der Holzhändler“ hätten eine erhebliche Waldzerstörung verursacht. Wer tiefer in die finnisch-deutschen Literaturbeziehungen eintauchen will, wird umgehend an das Finnland-Institut in Deutschland verwiesen, im Internet unter www.finnland-institut.de zu finden. Das Schönste am Stand der Skandinavier aber die Selbstverständlichkeit, mit der jungen Angestellte aus Norwegen, Schweden, Finnland und Dänemark kooperieren. Neid und Hass und Entfremdung haben offenbar in dieser kleinen heilen Welt des „Springenden Löwen“ seit Jahrzehnten keinen Platz mehr. Das tut nicht nur den Menschen wohl, die dort leben, sondern auch denen, die sich mit dem Nordeuropa beschäftigen. Dem zerschredderten unaufhörlich Mauern bauenden europäischen Osten und Süden steht der offene, weitgehend harmonisch-kooperierende Norden gegenüber. Die Kroaten schauten in Leipzig auf den Rücken der Serben, während die Skandinavier gemeinsam auf die Besucher zugingen. Auch das ist eine Erfahrung, für die es sich immer wieder lohnt, die Leipziger Buchmesse zu besuchen!