Von Kassandrarufen und Politpostkarten

März-Heft des Berliner Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung mit gewohnter Themenvielfalt. Von Wulf Skaun

„Heute sucht Deutschland in der ganzen Welt alle möglichen und nur unmöglichen Plätze unter der Sonne zu erobern. Wenn heute am Schlusse des Chinakrieges noch keine endgültige Aufteilung Chinas eingetreten ist, so ist der Grund darin zu sehen, dass keiner der beteiligten Mächte der Erste sein will, diesen Raub zu vollziehen, denn ein unabsehbarer Weltkrieg könnte hieraus entbrennen.“ Erstaunlich hellsichtige Worte Rosa Luxemburgs, mit denen sie bereits am 13. Dezember 1900 im Hamburger Wahlkreis Eimsbüttel erstmals vor der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ warnte. Ebenso erstaunlich: Die Kassandrarufe der linken Sozialistin wären der Nachwelt entgangen, hätten nicht handschriftliche Polizeiprotokolle sie bewahrt. Auch davon handelt Eckhard Müllers Vortrag „Rosa Luxemburg im Spiegel von Berichten der politischen Polizei im Wilhelminischen Kaiserreich in den Bänden 6, 7/1 und 7/2 der ,Gesammelten Werke?“, den er am 12. Oktober 2017 auf der gemeinsamen Veranstaltung des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung e. V. und des Bundesarchivs gehalten hat. Jetzt ist der Redetext, leicht gekürzt, in der März-Ausgabe (Nr. 53) der „Mitteilungen“, publizistisches Sprachrohr des Förderkreises, nachzulesen.

Die neue Ausgabe des bewährten Vereinsblattes bietet neben den spannenden Luxemburg-Entdeckungen, Raritäten ersten Ranges, wieder jede Menge anregenden Lesestoff. Aus Platzgründen kann hier beispielhaft nur auf einige Beiträge aufmerksam gemacht werden. Die Rubrik „Archive und Bibliotheken“ steht diesmal im Zeichen der Arbeiterjugendbewegung. Dörte Hein stellt die Tätigkeit des in Oer-Erkenschwick im nördlichen Ruhrgebiet beheimateten Archivs der Arbeiterjugendbewegung vor. Ihr Fazit: Archivbibliothek, Aktenarchiv sowie Sammlungen nichtschriftlichen Archivguts bieten umfangreiches Material insbesondere zur SJD – Die Falken nach 1945, zur Internationalen Falkenbewegung – Sozialistische Erziehungsinternationale (IFM-SEI) und zum Sozialistischen Hochschulbund (SHB). Der Autor dieser Zeilen gibt zu, über das August-Bebel-Institut Berlin, das als „kleine Schwester“ der Friedrich-Ebert-Stiftung gilt, noch nichts gehört zu haben. Welche polithistorischen Schätze Holger Czitrich-Stahl und Reinhard Wenzel in dessen Bibliotheks- und Archivbestand vorgefunden haben, dürfte aber nicht nur ihn in Erstaunen versetzen.

In der Rubrik „Besondere Zeitdokumente“ gibt es eine Fortsetzung. „Mitteilungen“ Nr. 52 hatte Tagebuchnotizen des fast vergessenen Artur Crispien aus dem Jahr 1914 ans Licht der Öffentlichkeit geholt. Nun wird der Quellenfundbericht jenes verdienstvollen USPD-Funktionärs, der seine Stimme laut gegen den Krieg erhoben hatte, von Holger Czitrich-Stahl fortgeschrieben.

Wieder bedient wird in der aktuellen Märzausgabe die Rubrik „Neues aus der Forschung“. Rolf Hoffrogge annotiert das Habilitationsprojekt „Arbeit in der Krise ? Gewerkschaftliche Krisendeutungen und Krisenpolitik in Deutschland und Großbritannien“.

Ein Markenzeichen des Periodikums „Mitteilungen“ äußert sich auch darin, dass es kurzgefasste Informationen nicht nur über Tagungen und Konferenzen, interne Vereinsangelegenheiten und Personalia, sondern auch über thematisch eher randständige Gegenstände liefert, die eher nicht im Fokus historischer Betrachtung stehen. So weist Linda Käfers Beitrag über die Exposition historischer Bildpostkarten gegen Faschismus, Krieg und Kapital aus der Zwischenkriegszeit 1919–1939 auf einen einzigartigen Fundus des Hamburger Sammlers René Senenko hin. Siegfried Prokop erinnert an die Leipziger Herbstmesse 1961, die an bundesdeutschem Boykott ersticken sollte.

Wie immer wartet das Heft mit einem qualifizierten Rezensionsteil auf. Annelies Laschitza würdigt in einem Nachruf das Wirken des japanischen Historikers Prof. Dr. Narihiko Ito (1931?2017), der auch Mitglied des Fördervereins gewesen ist.

Schließlich sei auf eine redaktionelle Veränderung hingewiesen. Holger Czitrich-Stahl, der im vorigen Jahr in den Vorstand des Fördervereins gewählt wurde, verstärkt an der Seite Elke Reuters und Alexander Ambergers nunmehr auch die Redaktion der „Mitteilungen“. In der vorliegenden Ausgabe stellt Rainer Holze dessen Website vor. Holzes informative Beschreibung des Internetportals gibt zugleich Auskunft über Czitrich-Stahls politischen Werdegang und dessen selbstbescheinigte „linkssozialistisch-radikaldemokratische Sicht für eine Welt ohne Krieg und Ausbeutung, Hunger und Not, Umweltzerstörung und Unterdrückung“.

Mitteilungen des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung e. V., Nr. 53 (März 2018), Vertrieb: d.goldbeck@web.de