Sport für den Frieden – im Frieden

Vor 70 Jahren startete die erste Internationale Friedensfahrt. Ein Rückblick von Ralf Fiebelkorn

Wie kam es zur Friedensfahrt? Die Geschichte ist relativ schnell erzählt. Kurz nach dem Krieg, 1947, wollte der Chefredakteur der polnischen Zeitung „Glos Ludu“ die freundschaftlichen Verbindungen zwischen Polen und der Tschechoslowakei durch einen Sportwettkampf verbessern. Ein damals erst angedachtes Motorradrennen zwischen Weichsel und Moldau fiel der Nachkriegszeit zum Opfer. Ein Radrennen schien dagegen realisierbar. So wurde das Rennen 1948 erstmals ausgetragen und fand zwischen Warschau und Prag statt. Veranstalter waren die Tageszeitungen „Rudé Právo“ aus Prag und „Trybuna Ludu“ aus Warschau.

Da man sich nicht einigen konnte, wo der erste Startort sein sollte, startete die erste Friedensfahrt am 1. Mai 1948 in Warschau und in Prag. Die erste Etappe von Prag nach Pardubice gewann der Jugoslawe Milan Poredski und gilt seitdem als erster Etappensieger in der Geschichte der Friedensfahrt. Der erste Gesamtsieger wurde auf der Strecke Warschau – Prag ermittelt. Am 5. Mai wurde der Jugoslawe August Prosinek dafür in Prag gefeiert. Wenige Tage später, am 9. Mai, gewann der Jugoslawe Alexander Zoric auf der Strecke Prag – Warschau den Gesamtsieg. 1950 nahm erstmals eine Mannschaft der DDR an diesem Etappenrennen teil. Am Ende belegte sie den 8. Platz.

1952 kam die DDR als drittes Veranstalterland hinzu. Ab diesem Jahr führte das damals schwerste Amateur-Etappenrennen der Welt in wechselnder Streckenführung jeweils im Mai durch die Hauptstädte von Polen, der Tschechoslowakei und der DDR. Erster Etappensieger in der DDR-Hauptstadt Berlin war 1952 der Österreicher Franz Deutsch. Den Einzelsieg holte der Engländer Ian Steel, die Mannschaftswertung gewann seine Mannschaft, England. Im Jahr 2012 schenkte die Witwe des Engländers Ken Jovett dem Museum ein blaues Trikot, welches ihr Mann 1952 getragen hatte. 1953 gelang den DDR-Radsportlern der erste Etappensieg. Auf der 8. Etappe von Berlin nach Görlitz siegte Bernhard Trefflich. Am Ende der Fahrt belegte er hinter Gustav-Adolf Schur (3.) den 4. Platz in der Gesamtwertung. Die DDR-Mannschaft gewann damals erstmalig die Mannschaftswertung. Zwei Jahre später holte Gustav-Adolf Schur den ersten Gesamtsieg in die DDR. Der Mythos „Täve“ nahm seinen Anfang. Im Jahr 1956 nahm erstmalig eine Mannschaft aus der BRD teil. Auf der zweiten Etappe von Warschau nach Lodz siegte „Täve“, der BRD-Fahrer Hans Brinkmann belegte mit einem fünften Platz die beste Einzelplatzierung während der gesamten Fahrt. Erst am 15. Mai 1984 feierte der erste bundesdeutsche Radsportler einen Etappensieg. Achim Stadler gewann auf der sechsten Etappe von Prag nach Mlada Boleslaw bei der achten Friedensfahrtteilnahme einer BRD-Mannschaft.

Ab 1990 war die Friedensfahrt als reines Amateurrennen Geschichte. Jetzt starteten auch Profis. Hier sei an den Deutschen Steffen Wesemann erinnert. Er gewann zwischen 1992 und 2003 insgesamt fünf Mal die Friedensfahrt. Der Däne Jakob Piil nahm mehrfach teil und gewann 2001. Zwei Monate nach seinem Sieg wurde er dänischer Meister auf der Straße. Den vorerst letzten Etappensieg einer Friedensfahrt konnte am 20. Mai 2006 der deutsche Fahrer Torsten Schmidt für das Team Wiesenhof feiern. Am gleichen Tag gewann der Italiener Gianpaolo Cheula, die 58. Internationale Friedensfahrt für sein Team Barloworld.

Dass es nicht die letzte Friedensfahrt gewesen sein soll, zeigen unterschiedliche Initiativen zu einem Neustart des Rennens. Zuletzt versuchten es tschechische Radsportfreunde anlässlich des 70. Jahrestages. Das Rennen sollte Ende Mai/Anfang Juni gefahren werden. Zum wiederholten Male scheiterte es an möglichen Sponsoren. Radsportteams hatten bereits kurz nach Bekanntwerden des Vorhabens Interesse gezeigt.

Bisher haben weit über 3.700 Sportler aus 67 Ländern eine Strecke von 108.990 km auf den Straßen des Friedens zurückgelegt. Mögen noch viele weitere Friedensfahrtkilometer und Radsportler folgen …

Radsportfreunde verglichen dieses Rennen immer wieder mit der legendären „Tour de France“, so dass sie im Volksmund auch „Tour de France des Ostens“ genannt wurde. Da ich gerade bei der „Tour“ bin: Sehr oft besuchten Organisatoren der Tour de France die Friedensfahrt als Gäste. Im Gegenzug waren Organisatoren der Friedensfahrt zu Gast bei der „Tour“. Sie verglichen das Engagement zur Vorbereitung und Durchführung des Rennens mit ihren eigenen Erfahrungen und nahmen manche Anregung mit für ihre eigene Arbeit. Viele Profi-Radsportteams sahen in der Friedensfahrt einen Marktplatz. Sie sichteten und warben Radsportler für ihre Teams. Viele Radsportler, die nicht aus dem damals so bezeichneten sozialistischen Wirtschaftsgebiet kamen, nutzten das Rennen um sich zu zeigen. Um nur einige Namen zu nennen: 1958 gewann Piet Damen aus den Niederlanden im Mai die Friedensfahrt. Im Juli bei der Tour de France belegte er am Ende den 11. Platz. Der Friedensfahrtsieger von 1969, Jean-Pierre Danguillaume aus Frankreich, bestritt die Tour und gewann insgesamt sieben Etappen. Ein anderes Beispiel: Ein Radsportler wurde direkt aus einem Rennen heraus als Profi abgeworben. Der Niederländer Steven Rooks absolvierte 1983 zwei Etappen und trat zur 3. Etappe nicht mehr an. Wenige Tage später startete er für das niederländische Team TI – Raleigh-Campagnolo als Profi.

Es gibt noch vieles zu berichten. Wer waren die Fahrer mit den meisten Friedensfahrtteilnahmen? Wer hatte die meisten Etappensiege? Antworten auf diese und noch viele weitere Fragen gibt es im Radsportmuseum „Course de la Paix“ in der Sachsen-Anhaltischen Gemeinde Bördeland. Viele ehemalige Friedensfahrtteilnehmer kamen schon ins Museum. Sie bringen ihre Erinnerungen mit. Oft führen sie auch Besucher durch das Museum und berichten aus ihrem eigenen Friedensfahrtleben. Sehr oft führt der zweimalige Friedensfahrtsieger und Straßenradweltmeister Gustav-Adolf „Täve“ Schur, Gäste durchs Museum.

Das offizielle Symbol der Friedensfahrt ist Pablo Picassos weiße Friedenstaube. Sie zierte die Trikots der führenden Fahrer des Rennens. Einige, die das Trikot eines Friedensfahrtsiegers getragen haben, werden am 10. Mai an der Geburtstagsfeier „70 Jahre Internationale Friedensfahrt“ teilnehmen. Unter ihnen der Niederländer Piet Damen (1958), die Deutschen Gustav-Adolf Schur (1955, 1959), Axel Peschel (1968), Olaf Ludwig (1982, 1986), Uwe Ampler (1987, 1988, 1989, 1998). Die Sieger von 1978, Alexander Awerin und 2006, Gianpaolo Cheula wurden von den Organisatoren der Feier ebenfalls eingeladen.

Eingeladen sind auch viele weitere nationale und internationale Teilnehmer. Die Zusage liegt dabei bereits von Tarek Aboul Zahab aus dem Libanon vor. Er nahm in den Jahren 1962 und 1963 als Einzelstarter an der Friedensfahrt und in den Jahren 1964/1965 als Mitglied einer Internationalen Mannschaft teil. Mit weiteren Fahrern aus Belgien, Dänemark, der Niederlande, Polen und Deutschland sind die Veranstalter im Gespräch.

Wer also am 10. Mai gemeinsam mit Friedensfahrtfreunden den 70. Geburtstag der Friedensfahrt feiern möchte, ist gern gesehen in Bördeland OT Kleinmühlingen, vor und im Radsportmuseum „Course de la Paix“, in der Grabenstraße 20. Näheres zum Ablauf der Veranstaltung ist und zum Museum ist auch unter www.friedensfahrt-museum.de zu finden.