„Mir ist einfach der Kragen geplatzt“

Ralf Richter wollte von der Künstlerin Angela Hampel wissen, warum sie sich wegen des Falls Skripal öffentlich an die Kanzlerin gewandt hat

Ausgerechnet in unmittelbarer Nähe des Zentrums der britischen Chemie- und Biowaffenforschung Porton Down sollen der Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter „von Agenten des Kreml“ mit dem Gift „Nowitschok“ vergiftet wurden sein. Das behaupteten die Briten und forderten umgehend Strafmaßnahmen gegen Russland und „Solidarität“ von ihren „Noch-EU-Partnern“. Als die deutsche Regierung sich mit der britischen Sicht identifizierte, war das der Anlass für einen Offenen Briefes an Angela Merkel, der auch von Wolfgang Schaller, dem Chef der Herkuleskeule und dem Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz unterzeichnet wurde. Darin heißt es: „Erinnern Sie sich bitte an die Zeit, als sie noch Physikerin waren. Wenn ein Physiker ein Elementarteilchen entdeckt hatte, oder ein Chemiker eine neue Substanz synthetisieren konnte: welche präzisen und unwiderlegbaren Argumente musste er präsentieren, damit diese Erkenntnisse in das betreffende Fachgebiet aufgenommen wurden. Da nützte es nicht, mit einer Machtgeste oder medialem Rummel zu operieren. Es waren stringente Beweise gefordert.“

Frau Hampel, man schreibt ja nicht jeden Tag einen offenen Brief an die Kanzlerin. Was hat sie dazu bewegt?

Mir ist einfach mal der Kragen geplatzt. Es ist ja viel passiert in letzter Zeit auf dem politischen Terrain, mit dem man sich als Bürgerin dieses Landes nicht mehr einverstanden erklären kann. Das betrifft sowohl die Außen- als auch die Innenpolitik.

Was war bei Ihnen der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte?

Für mich war es der wiederholte unwürdige Umgang mit Russland, den ich für katastrophal halte. Immerhin sitzen wir hier an der Schnittstelle zum Osten. Es hat sich in der letzten Zeit nichts verbessert, ganz im Gegenteil. Man hat den Eindruck, es wird immer schlimmer.

Der Fall Skripal war für Sie Ausdruck der allgemeinen Verunglimpfung Russlands?

So etwas wie die Spitze des Eisberges. Die Vorverurteilungen und die Anti-Russland- bzw. Anti-Putin-Hetze sind ja kaum noch zu ertragen. Aber das ist nur eine Facette. Ich frage mich, was hinter dem Ganzen steckt, diesen pausenlosen verbalen Angriffen. Im Fall Skripal geht es darum, zu fragen, von wem die Verdächtigungen kommen und vor allen Dingen: wem sie nützen. Es ist doch einfach absurd, mit so einer Sache Politik zu machen. Schlimm, dass sie passiert ist. Es geht aber nicht an, dass man ohne jegliche Beweise gegen einen vermeintlichen „Feind“ vorgeht, nach dem Motto: Haltet den Dieb! Es liegt doch in unserem Interesse, ein gutes und freundschaftliches Verhältnis zu Russland zu pflegen, und ich kann nicht nachvollziehen, welche Hetze hier veranstaltet wird.

Was wollen Sie mit dem Brief erreichen?

Ich wollte meine Meinung kundtun. Ich glaube nicht, dass die Politiker n i c h t wissen, wie ein großer Teil der Bevölkerung dieses Landes denkt. Aber man ignoriert es einfach, und das halte ich für kreuzgefährlich. Anschließend wundert man sich, wo die PEGIDA-Gänger und AfD-Wähler her kommen … das ist doch absurd! Sicherlich ist diese „Russlandpolitik“ nicht die Hauptursache dafür, dass immer mehr Menschen AfD wählen. Aber es ist zumindest ein wesentlicher Punkt.

Betrifft diese Ignoranz nur die „Groko“?

Nicht nur. Das Abdriften von vielen ursprünglich Grünen- und Linkenwählern ins AfD-Lager ist für mich insofern schlüssig, als dass die klare Positionierung dieser Parteien – insbesondere auch die der Linken – zu wünschen übrig lässt. Ich habe das Gefühl, dass das gesamte Land zurzeit in so einer Art Duldungsstarre verharrt, was ich für einen schlimmen Zustand halte. Da braucht es einfach Leute die, etwas „zappeln“. Ich zähle mich dazu. Es fehlt auch prinzipiell an einer (nicht nur) politischen Diskussionskultur. Die Absage auch der linken Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz an den MDR, wo es in einer Sendung darum ging, was man noch sagen kann und was nicht, zeigt das exemplarisch. Dieses Verhalten vieler linker Politiker kostet die Partei nach wie vor Stimmen. Ich halte diese Angst und das Duckmäusertum für inakzeptabel. In der Russlandfrage sehe ich lediglich Sahra Wagenknecht, die sich aus dem Fenster lehnt.

Kommen wir zurück zu den Künstlern …

Als Künstler, als Künstlerin hat man ja nicht nur eine Gabe, sondern auch eine Aufgabe – dieser Satz stammt von Käthe Kollwitz. Dafür stehe ich auch ein. Kunst, da teile ich nicht die Meinung vieler meiner Kollegen, sollte auch einen politischen Aspekt beinhalten. In diesem Fall habe ich das mal getrennt – ich kann ja keine Bilder malen mit großen Gesten, das wird zur Propaganda oder Agitation, wir kennen das von früher. Aber auch Künstler können sich verbal ausdrücken, und ich habe das nun – zusammen mit mehreren Leuten – versucht. Es ging darum, die Quintessenz unserer Gedanken zu Papier zu bringen.

Der Brieftext klingt ein wenig so, als sei er von Naturwissenschaftlern verfasst. Wieso das?

Es begann damit, dass ich einige Freunde und Bekannte anschrieb. Es kamen dann etliche Vorschläge, die eingearbeitet wurden. Mein Kollege Thomas Müller, der promovierter Chemiker ist, hat den umfänglichsten, naturwissenschaftlichen Part geliefert, den alle gut fanden. Wir kontaktierten dann jeweils etwa 80 Kolleginnen und Kollegen per Email. Danach hat es sich wie eine Art Schneeballprinzip entwickelt, da die angeschriebenen Kolleginnen und Kollegen ihrerseits den Brief weiter geleitet haben. So kamen mittlerweile über 100 Unterschriften zusammen – von Grafikern, Malern, Filmemachern, Publizisten, Ingenieuren, Buchhändlern …

Wie bewerten Sie die „Gärungsprozesse“, die vom Osten ausgehen?

Ganz und gar positiv! Ostdeutsche haben seit 27 Jahren mehrheitlich das Gefühl, am Katzentisch zu sitzen. Da gehören wir ganz und gar nicht hin. Wir müssen dringend raus aus dieser permanenten Verteidigungshaltung, unser Leben, unsere Vergangenheit betreffend. Diese Haltung ermüdet und frustriert. Die über Jahrzehnte angestaute Unzufriedenheit mit der Politik im Land muss sich daher früher oder später entladen. Viele Menschen haben das Gefühl, dass Politik an ihren Interessen vorbei gemacht wird – ich halte das allerdings für eine Tatsache. Ich musste daher diesen Brief jetzt einfach abschicken – das hat auch etwas mit der sogenannten Psychohygiene zu tun.

Was wollten Sie der Kanzlerin sagen?

Sie ist Physikerin und müsste wissen, dass man Beweise braucht, bevor man an die Öffentlichkeit geht. Außerdem – auch das ist in dem Brief kurz angerissen – wird immer wieder durch Politik und Medien darauf hingewiesen, dass Deutschland gegenüber Israel eine besondere Verantwortung hat. Das ist richtig. Aber genauso hat Deutschland eine Verantwortung gegenüber Russland. Immerhin haben die Deutschen die Verantwortung für den Tod von 27 Millionen Menschen in der Sowjetunion zu tragen. Von daher geht es nicht an, dass einseitig eine Verantwortung wahrgenommen, die andere aber ignoriert wird. Hinzu kommt: Was Amis und Israelis weltpolitisch treiben, ist scheinbar immer korrekt – machen die Russen das Gleiche, wird es strengstens verurteilt. Dieses ständige Messen mit zweierlei Maß ist in meinen Augen völlig inakzeptabel.

Sehen Sie eine Gefahr für den Erhalt des Friedens?

Jedenfalls konstatiere ich, dass wir ein politisch aufgeheiztes Klima im Land haben. Permanent wird ein Schuldiger gesucht, dann wird mit dem Finger auf den vermeintlich Schuldigen gezeigt und die Meute hetzt hinterher. Man bringt permanent das Volk in Wallung, und es stellt sich die Frage: Wofür? Soll ein neuer Krieg angezettelt werden? Das wäre eine Katastrophe, aber bestimmte Indizien lassen durchaus diesen Schluss zu. Deshalb ist es notwendig, etwas dagegen zu tun. In einer Demokratie hat man auch Pflichten. Eine besteht darin, sich einzumischen, wenn man der Meinung ist, dass etwas ganz und gar schief läuft.

Die meisten Ostdeutschen älteren Semesters haben Erfahrungen und persönliche Beziehungen mit Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion gemacht, in der Regel überwiegend gute. Spielt das auch bei Ihnen eine Rolle?

Für meine Generation waren die Russen nicht der Feind. Zu meiner Brieffreundin habe ich keinen Kontakt mehr, aber ich war mehrfach dort. Es gibt natürlich auch Arbeitsbeziehungen durch Ausstellungen und Beziehungen zu Menschen aus Russland, die jetzt hier leben. Um es zusammen zu fassen: Meine emotionale Nähe zu Russland ist größer als die zum Beispiel zu den USA. Russland ist eine große Kulturnation – nicht nur, wenn man bedenkt, was dieses Land an Weltliteratur und -musik hervor gebracht hat. Die Filmkunst nicht zu vergessen, Ballett, Malerei und und und.

Könnten engagierte Künstler nicht noch stärker auf künstlerischen Austausch setzen?

So etwas läuft schon. Zum Beispiel wurden und werden in der Galerie 3 in Dresden auch Künstlerinnen aus der ehemaligen Sowjetunion ausgestellt. Die Kunstwissenschaftlerin Karin Weber hat in ihrer Galerie – Galerie Mitte – mehrere russische Künstler in ihrem Programm. Mit ihr war ich, unter anderem, schon zweimal mit Ausstellungen in St. Petersburg. Sie hat dorthin gute Kontakte und bemüht sich sehr um eine kontinuierliche Zusammenarbeit. Leider bekam sie dafür anfänglich wenig Unterstützung von der Stadt, obwohl ja eine Städtepartnerschaft zwischen Dresden und St. Petersburg besteht. Inzwischen hat sich das wohl verbessert.

Ich nehme an, aus dem Bundeskanzleramt haben Sie keine Antwort erhalten. Was hat diese Aktion bis jetzt gebracht?

Ihre Annahme ist richtig. Auch von den angeschriebenen Fraktionen kam nichts zurück. Es gab aber viele zustimmende und ermunternde Reaktionen bundesweit und darüber hinaus – sogar von Teneriffa. Auf jeden Fall ist es ein gutes Gefühl, zu spüren, dass man mit seinen Gedanken nicht allein ist bei der gegenwärtigen „Gemengelage“ – innerhalb eines zunehmenden Duckmäusertums, vorauseilenden Gehorsams und eines Befindlichkeitswahns, der langsam immer groteskere Züge annimmt. Gut zu wissen, dass es so viele Menschen gibt, die sich um den Erhalt des Friedens sorgen und dass es außerdem für viele davon ein Herzensanliegen ist, den Dialog mit Russland – als Basis für diesen Frieden – zu fordern und zu fördern.

Wie geht es weiter?

Das ist noch offen. Viele haben ihre Bereitschaft bekundet, weiterhin sich aktiv für diesen Dialog einzusetzen. Es wird weiter gehen – wie es im Detail aussieht, wird sich in nächster Zeit heraus kristallisieren.