Melodie & Rhythmus auf der Kippe

Es scheint fünf nach zwölf zu sein, aber vielleicht ist es dennoch nicht zu spät. Die 1957 gegründete Musikzeitschrift Melodie & Rhythmus sollte schon 2008 ihr Erscheinen einstellen. Seinerzeit rettete die Verlag 8. Mai GmbH die Zeitschrift, die es in der DDR einmal auf eine Auflage von 300.000 Exemplaren brachte. Unter der neuen Chefredakteurin Susann Witt-Stahl befand sich die M&R mitten in einem Wandel hin zu einem „Magazin für Gegenkultur“. Das neue Heft für das erste Quartal 2018 liegt vielerorts am Kiosk. Doch nun ist unklar, ob es überhaupt weitergehen kann. Auch die Leserinnen und Leser von Links! können dazu beitragen, eine linke Musikzeitschrift zu retten. Ralf Richter sprach darüber am Telefon mit der Chefredakteurin Susann Witt-Stahl.

Es gibt sie noch, die Melodie & Rhythmus – was erwartet die Leserin bzw. den Leser der vorerst leider letzten Ausgabe?

Wir haben uns in diesem Jahr begleitend zur Rosa-Luxemburg-Konferenz in Berlin für das Thema Afrika entschieden. Afrika ist derzeit ein Kontinent des Aufbruchs, in dem viele Neuentwicklungen stattfinden und Bewegungen im Gange sind. Das beinhaltet viel Positives, aber auch Negatives. Wir in Europa sehen da in erster Linie die Situation der Flüchtlinge. Die Fluchtursachen haben viel mit Neokolonialismus und Umweltzerstörung zu tun, und wir fanden es wichtig, dass Künstler aus ihrer Sicht über die Situation in ihren jeweiligen Ländern berichten. Es ging uns darum zu zeigen, wie die gesellschaftlichen Veränderungen in Kunst und Kultur verarbeitet werden.

Afrika ist das Titelthema – aber das Heft bietet noch einiges mehr.

Natürlich. Wir haben im vergangenen Jahr die Rubrik „Politische Kultur & Zeitgeist“ eingeführt, in der wir uns kritisch mit den Ideologemen unserer Gesellschaft im Bann des Neoliberalismus auseinandersetzen. Der Rechtsruck in Europa ist ja nicht zu übersehen. Viele registrieren da allerdings nur die politischen Aspekte und reflektieren kaum, wie stark inzwischen auch durch den Bereich Kultur rechtes Gedankengut transportiert wird.

Aktuelle Hör-, Lese- und Filmtipps aus linker Perspektive finden sich sicher auch, oder?

Ja, jede Menge. Im aktuellen Heft stehen die zum Teil auch in Zusammenhang mit dem Thema „Afrika“. Ein Beispiel ist der 2017 in Cannes ausgezeichnete Dokumentarfilm „Makala“ über einen kongolesischen Kohlearbeiter. Der Regisseur Emmanuel Gras stand uns dazu in einem Interview Rede und Antwort – außer um die Entstehungsgeschichte geht es auch um die besondere Ästhetik des Films.

In der M&R stehen also der Mensch, Internationales und linke Themen im Vordergrund. Wie haben Sie die Zeitschrift entwickelt, seitdem Sie Chefredakteurin sind?

Ich habe die Chefredaktion vor dreieinhalb Jahren übernommen und versucht, die Melodie & Rhythmus auf einen zeitgeistkritischen Weg zu bringen und die marxistischen Akzente herauszuarbeiten, auch durchaus kritisch zu überarbeiten, zu aktualisieren und zu erweitern, die die Zeitschrift historisch als ein Organ der DDR-Tonkunst- und Populärkulturszene ursprünglich hatte.

Aber das hat Ihnen nicht gereicht – das Blatt wurde in jüngerer Zeit noch einmal „umgekrempelt“, wenn man das so salopp formulieren darf. Wann war das und mit welchen Intentionen?

Ich habe es „Tigersprung“ genannt – eine Reaktion auf die dramatischen gesellschaftlichen Rückschritte, inklusive Entdemokratisierung und Eindimensionalisierung, die sich derzeit vollziehen. Umgesetzt wurde der Neustart als Magazin für Gegenkultur mit Heft 2/2017, in dem wir nicht mehr nur auf Musik fokussieren, sondern aus allen Bereichen von Kunst und Kultur berichten und stärkere politische und ideologiekritische Akzente von links setzen. Denn nichts brauchen wir im Moment dringender als ein Organ, das fundamental-oppositionelle kulturelle und künstlerische „Unternehmungen“ abbildet und begleitet.

Der Begriff der „Gegenkultur“ geht auf einen 2011 verstorbenen amerikanischen Soziologen zurück – was bedeutet er auf die M&R angewendet?

Inwieweit etwas Gegenkultur ist oder nicht, entscheidet sich für uns entlang der Frage, wie kritisch es sich zur die Welt beherrschenden kapitalistischen Produktionsweise positioniert. Beispielsweise sind Rapper aus dem rechten Spektrum, die gegen muslimische Migranten hetzen, keine Gegenkultur ? egal wie subversiv sie daherkommen. Dagegen kann in Kuba vom Staat unterstützte linke Kultur durchaus Gegenkultur sein, wenn sie an den Werten der Revolution festhält, für die Verdammten der Erde und eine klassenlose Gesellschaft streitet.

Ist Subkultur dann nicht auch gelegentlich Gegenkultur?

Subkultur ist vorwiegend Nischenkultur, will anders sein, wendet sich speziell an Szenen, die marginalisiert sind und daraus auch einen Kult machen. Subkultur kann alles andere als fortschrittlich sein. Manchmal ist sie sogar rechtsradikal. Wir haben zum Beispiel diese National-Socialist-Black-Metal-Szene, also eine Nazi-Musik-Subkultur. Diese würden wir sicher niemals als Gegenkultur durchgehen lassen, denn jede Form von Faschismus – das gilt natürlich auch für seine Kultur ? tritt stets für die Radikalisierung des kapitalistischen Systems ein und nicht für dessen Abschaffung.

Gibt es für den Gegenkulturbegriff, wie Sie ihn verstehen, auch historische Vorbilder?

Wichtige Grundlagen hat zum Beispiel Clara Zetkin mit ihrem Aufsatz „Kunst und Proletariat“ von 1911 gelegt. Die Geschichte AMIGAS beginnt mit dem Auftrag der Sowjetischen Militäradministration an Ernst Busch, 500 Schallplatten für verdiente Spanienkämpfer zu produzieren – darauf sollten seine Spanien- und Arbeiterkampflieder enthalten sein. Ich kann mir vorstellen, dass für Personen, die um die Revolution von 1918 herum politisiert wurden, Arbeiterkampflieder und Spanienlieder nicht unbedingt Gegenkultur waren. Auch nicht zum Zeitpunkt ihrer Entstehung. Als die proletarische Kultur in Deutschland ihre kurze Blüte erlebte, war der Begriff sicher noch nicht so notwendig in Stellung zu bringen. Heute aber, wo wir es mit einer systematischen Zerschlagung des sozialistischen und kommunistischen Kulturerbes zu tun haben, wir von einer schweren Krise linker aufklärerischer Kultur sprechen müssen, ist es höchste Zeit, den Gegenkultur-Begriff wieder stark zu machen.

Im ersten Quartalsheft 2018 finden sich ja auch Wader oder Gundermann. Es lag also nahe, zu versuchen, das Heft ein wenig „zum Klingen zu bringen“ ? also vielleicht über QR-Codes oder Linkadressen Verbindungen zu Videos mit Sound oder reinen Audiodateien herzustellen. Jedenfalls scheinen solche „Spielereien“ in der Gegenwart naheliegend. Teilweise wird es sicher auch von der M&R-Zielgruppe erwartet. Wie weit sind Sie damit gekommen?

Wir mussten uns zunächst darauf konzentrieren, dass das gedruckte Magazin immer pünktlich für unsere Leser erscheint. Das „Heft zum Klingen zu bringen“ wäre der nächste Schritt gewesen, der aber auch mit einem erheblichen Arbeitsaufwand verbunden wäre. Zu berücksichtigen ist, dass M&R als Magazin für Gegenkultur noch in der Entwicklungsphase steckte. Wir haben aber immerhin schon zwei Filme produziert. Damit haben wir unsere Fühler schon mal auf das audio-visuelle Terrain ausgestreckt.

Welche Filme waren das?

Der aktuelle Film „,Mich rettet die Poesie‘ Konstantin Wecker – eine politische Nahaufnahme“ wurde im vergangenen Jahr anlässlich des 70. Geburtstages des Liedermachers produziert. Davor haben wir eine Filmdokumentation über zwei M&R-Veranstaltungen zu den jüdischen Kulturwelten von gestern und heute gemacht, die „Losgelöst von allen Wurzeln …“ heißt. Dafür haben wir Esther Bejarano, Sängerin und ehemaliges Mitglied im Mädchenorchester von Auschwitz, den israelischen Historiker und Kunsttheoretiker Moshe Zuckermann, der auch M&R-Stammautor ist, und den Schauspieler Rolf Becker zusammengebracht. Zu mehr sind wir noch nicht gekommen – das ist natürlich auch alles eine Geldfrage …

In den Leserbriefen findet man sowohl sehr positive als auch kritische Anmerkungen. Ein Leser meinte, für Musiker sei das Blatt offenbar nicht gedacht, und er frage sich, wer eigentlich die Zielgruppe sei. Ich gebe zu, dass ich mich das auch ein wenig gefragt habe.

Ich habe mich immer gewehrt dagegen, die Zielgruppe der M&R zu sehr einzugrenzen. So wollen wir keineswegs nur Youngster ansprechen, sondern die Kunst und Kultur aller Generationen begleiten, erinnern, bewahren. Auf der anderen Seite wird man mit einem Magazin für Gegenkultur kaum Leute erreichen, die Tag und Nacht RTL schauen. Unsere Zielgruppe sind unweigerlich Menschen, die ein kritisches Verhältnis zur kapitalistischen Gesellschaft und deren Kulturindustrie haben und ihre Kritik am Bestehenden eben auch in Kunst und Kultur gespiegelt haben wollen, die mehr über das Denken gesellschaftskritischer Künstlerinnen und Künstler erfahren und die Geschichte fortschrittlicher Kunst und Kultur wach halten wollen. Für uns ist also Katharina Thalbach, die, wie in der aktuellen Ausgabe von M&R zu lesen, Brecht als Revolutionär gegen seine Entpolitisierung durch die neoliberale Rezeption verteidigt, weitaus interessanter als jemand, der in den aktuellen Hitparaden erfolgreich ist.

Sie haben auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz gesagt, dass es möglicherweise doch noch nicht vorbei mit der M&R ist, sofern viele, die ihre Intentionen teilen, sie unterstützen. Was konkret kann die Leserin oder der Leser dieser Zeilen dafür tun?

Ja, es ist noch möglich, dass wir mit M&R wieder auf die Beine kommen – aber nur sehr schwer. Das muss ich eingestehen, damit keine Illusionen aufkommen. Helfen kann man uns mit der Zeichnung eines sogenannten „Perspektivabos“. Um einen neuen Anlauf schaffen zu können, müssen wir die Marke von 1.700 Abos erreichen. Ein „Perspektivabo“ kann man völlig risikolos bestellen, denn man muss erst zahlen, wenn tatsächlich ein nächstes Heft produziert und geliefert werden kann. Nähere Informationen dazu finden sich in der jungen Welt – natürlich auch auf der M&R-Homepage. Gleichzeitig werden wir Künstlerinnen und Künstler bitten, anstehende Kampagnen zur Rettung der M&R zu unterstützen, und qualifizierte Kulturredakteure suchen, die unsere hoch gesteckten Ziele mit umsetzen können. Die M&R ist also keineswegs verloren und abgewickelt – jeder kann etwas dafür tun, sie am Leben zu halten.