Lieder gegen Dummheit und Ignoranz

Von Jens-Paul Wollenberg

Lothar Lechleiter ist mit seinem Künstlernamen „Black“ immer noch auf den Bühnen im deutschsprachigen Raum unterwegs. Zweifelsohne ist er ein bekennender Achtundsechziger, der sich stets, wenn auch humorvoll, gesellschaftskritisch engagiert. Seinen bissigen Humor hat er sicherlich nicht allein für seine Kunst entdeckt, bereits 1965 gründete er mit Wolfgang „Schobert“ Schulz, den er im gleichen Jahr bei einem Festival in Lüdenscheid kennengelernt hatte, das inzwischen legendäre Duo „Schobert und Black“. Dessen Repertoire bestand anfangs noch ausschließlich aus satirischen Gedichten des Quedlinburger Poeten Fritz Graßhoff.

Fritz Graßhoff war nicht nur Dichter, sondern auch Kunstmaler und Graphiker, der es geschickt verstand, seine meist sehr skurrilen Texte mit karikaturesken Zeichnungen in Einklang zu bringen. Er schrieb neben vielen Balladen, Songs und Gaunerliedern hauptsächlich sogenannte Halunkenpostillen, die für Schobert und Black förmlich zugeschnitten waren. Graßhoff wurde am 9. Dezember 1913 im idyllischen Vorharzstädtchen Quedlinburg geboren, lebte einige Jahre lang in Celle und zog in den 50ern nach Schweden, wo er auf Bellmann-Gedichte stieß, die er ins Deutsche übersetzte. Jahre später ging er nach Kanada, wo er am 9. Februar 1997 starb.

Doch zurück zu Herrn Lechleiter, den wir nun stets Black nennen werden. Er kam 1942 im damals ostpreußischen Stallupönen in der Nähe des heutigen Kaliningrad auf die Welt. Ende der 1950er Jahre erlernte er den Beruf des Drehers, und ganz nebenbei kam es zur Gründung der Folkgruppe Pontocs, die immer noch aktiv sein soll. 1965 spielte diese Formation zum ersten „Festival Chanson-Folklore-International“, das von Peter Rohland, dem ersten deutschsprachigen Chansonnier der Nachkriegsjahre, ins Leben gerufen wurde. Dessen Musikpartner war ebenjener Schobert. Der wiederum tourte eine Zeitlang mit Reinhard Mey. Es schlug, wie bereits erwähnt, die Geburtsstunde des Duos „Schobert und Black“, das sich strikt an seinen Leitspruch „Zusammen singen verbindet mehr als gemeinsamer Dienst bei der Bundeswehr“ hielt und folglich professionell weitermachte.

Schon ein Jahr später wurde das Duo während des dritten Burg-Waldeck-Festivals euphorisch vom Publikum gefeiert. 1967 erschien ihre erste Langspielplatte „Schobert und Black, die singenden Bärte, mit Lästersongs und moralischen Liedern von Fritz Graßhoff und Schobert“. Letzterer war inzwischen ebenfalls als Autor aktiv, mit dem Lyriker Wolfgang Eickelberg entstanden neue Texte, die teilweise nichts an Aktualität verloren haben.

Dass der Black maßgeblich an der Erarbeitung der Textinhalte beteiligt war, obwohl er auf keiner Platte als Autor erwähnt wurde, lag gewiss daran, dass er kein GEMA-Mitglied war.

Mit geistreichem Wortwitz, spitzer und oft politisch-satirischer Ironie sowie passendem Geschick in der musikalischen Umsetzung der Lieder gelang dem Duo ein sehr eigenwillig-originelles Format, das seinesgleichen suchte. Eventuell bewegte sich das damals ebenfalls populäre Ensemble „Insterburg und Co.“ auf künstlerisch ähnlicher Schiene, doch in diesem Fall überwogen bei weitem charakteristische Stilelemente der sogenannten „Blödeleiszene“, dessen ungekrönter König bekanntlich Otto Waalkes hieß.

Schobert und Black hingegen entwickelten ihren dreisten Humor oftmals aus sehr präziser Beobachtung der alltäglich erscheinenden sozialen beziehungsweise gesellschaftspolitischen Absurditäten. Dass diverse Reaktionen betroffener Institutionen nicht ausblieben, macht deutlich, wie impulsiv ihre sarkastisch bissigen Chansons voll ins Schwarze trafen.

1975 erhielt das Duo den Deutschen Kleinkunstpreis im Fach Chanson, absolvierten mehrere Fernsehauftritte in Westdeutschland, spielte insgesamt vier Mal auf der Burg Waldeck sowie in den Beneluxländern auf und tourte mit Ulrich Roski durchs Land. Sie produzierten unzählige Platten, die sich sehr gut verkauften. Immerhin entdeckte das Label „TELDEC-Telefunken“ das Duo für sich und sorgte selbstverständlich für zahlreiche Auftrittsmöglichkeiten.

So füllten sie, und das über hundert Mal im Jahr, nicht nur die Kleinkunstbühnen, sondern auch die großen Konzertsäle wie die Berliner Philharmonie oder die Grugahalle im Ruhrpott.

Für die Auswahl ihrer immer neu zu gestaltenden Bühnenprogramme bevorzugten sie das literarische Textformat sogenannter Limericks, eine fünfstrophige Verdichtung, welche nach der irischen Hafenstadt gleichen Namens benannt wurde. Dort war es Brauch, dass Seeleute in den Hafenkneipen skurril groteske Verse vortrugen, teils gesprochen, teils gesungen. Dabei war zu beachten, dass die erste und zweite Strophe einen Reim ergeben mussten, die dritte und vierte einen anderen und die fünfte, pointiert, sich wieder auf die ersten beiden bezog, nach dem Schema 1/1/2/2/1. Die meist sehr schwarzhumorigen Kurzgedichte wurden oft aus dem Stegreif improvisiert und die letzte, also fünfte Zeile, erzielte einen überraschenden und doch geistreichen, sprichwörtlich spitzfindigen Knalleffekt.

Im letzten „Limerick IX“ auf ihren 1974 erschienenen Album „Parsifal GmbH und Co. KG“ heißt es in der zweiten Strophe: „Ein Spieler aus Oberhausen / Der kickte am liebsten Linksaußen / Die Partei nahm’s ihm krumm / Doch dann wurd’s ihm zu dumm / Mit diesen rechten Banausen.“

1979 schließlich kam ihre letzte Scheibe „Schobert und Black + Inga … denn ich bin ein Untertan – Lieder der Vormärzrevolution“ auf den Markt, die, wie der Titel schon verspricht, Songs um die Zeit der 1848er Revolution beinhaltet. Dabei bevorzugte das Duo freilich jene satirischen Lieder, die ihnen angebracht erschienen.

1985 kam es zum Bruch der Zusammenarbeit. Es wird vermutet, dass der Black sich aufgrund von Schoberts Alkoholexzessen von seinem Duopartner trennte. Letzterer verstarb 1992 und Black selbst hing vorerst seine musikalische Laufbahn an den Nagel, zog nach Recklinghausen und war in einem Verlag tätig, ohne jedoch seine Leidenschaft für die Liedermacherszene zu vernachlässigen.

So besuchte er stets die Veranstaltungen auf der Burg Waldeck, sang oft in Freundeskreisen seine Lieder oder erarbeitete gemeinsam mit einem Radiojournalisten und Liedermacherspezialisten Pit Klein ein Fritz Graßhoff-Projekt „Hört mal her, ihr Zeitgenossen“, das 2003 bei Conträr Musik auf CD erschien. Seit 2006 ist der Black schließlich wieder auf den Bühnen unterwegs. 2008 kam sein Album „Meschugge“ auf den Markt. Der Musikjournalist, Schriftsteller und Kenner der Liedermacher-Szene Kai Engelke schreibt im Folker über die CD „Meschugge“: „Er enttäuscht nicht die alten Schobert und Black-Fans, lässt sich aber auch nicht die Chance entgehen, etwas ganz Eigenes, Neues zu produzieren … und was ganz erstaunlich ist: Blacks Stimme hat in all den Jahren nichts von ihrer Strahlkraft und Klarheit verloren. Eine CD, die in ihrer Gesamtqualität wohltuend die meisten Veröffentlichungen des Genres überragt.“

Erwähnt werden sollte auch Blacks Mitwirkung am Album „Mitternachtsgesänge – Die verlorenen Lieder des Jooschen Engelke 1918-1962“, das vom Sohn Kai Engelke 2010 für Conträr produziert wurde und seinem Vater ein musikalisches Denkmal setzt. An diesem Album sind neben Black noch weitere Aktivisten beteiligt, wie der Ruhrpott-Sänger Frank Beier, Günter Gall aus Osnabrück, Karl Irmscher, Dieter Kalka aus Leipzig oder „Die Grenzänger“, um nur einige zu nennen. Black selbst ist mit vier bis dato noch unveröffentlichten Songs zu hören. Der Folkveteran Hein Kröher schreibt im Plattentext über Jooschen Engelke: „Mit diesen Poetereien hat er eine Generation verhext, und das Zauberische seiner Gedichte bleibt von Dauer.“

Black produzierte 2011 die CD „Weiter sagen“, ebenfalls bei Conträr, 2014 im Eigenverlag das Album „Der Black singt“. Und wer Schobert und Black noch nicht kennen sollte und doch hören möchte, dem sei die CD „Lebend (Best of Life)“, 2000 bei duo-phon erschienen, bestens empfohlen.