„Die Farbe Rot“ ? nur eine verfehlte Metapher?

Streitbare Debatte bei Jour fixe über Gerd Koenens Geschichte des Weltkommunismus. Von Wulf Skaun

Gerd Koenens „Farbe Rot“ ist zweifellos eine brillante Erzählung über ein vielgesichtiges gesellschaftliches Phänomen: die kommunistische Weltbewegung. Das dickleibige Buch des Historikers und Publizisten ist zugleich eine opulente Bildungsreise durch Jahrtausende menschheitlicher Kulturgeschichte. Für den Autor eine unabdingbare Konsequenz ganzheitlicher Geschichtsschreibung, um das Momentum der roten, also der kommunistischen Ideengeschichte und der realsozialistischen Praxis in ihrem Werden, Wachsen und Vergehen in das vielfarbige Kontinuum der Zeitläufte einordnen zu können. Als Koenens Mammutwerk von 1.133 Seiten im Vorjahr erschien, brauste ein Sturm der Begeisterung durch das Feuilleton. Ein Meisterwerk in Stil und origineller Reflexion! Doch gab es auch kritisch-distanzierte Stimmen, die dem fulminanten Fabulierer ankreideten, mit unterhaltsam-sprachlichem Schmelz mehr bunt-poetische Kompilation denn genuin-historisierende Tiefenanalyse betrieben zu haben.

Was Wunder, dass sich diese Lesarten auch beim 33. Jour fixe des unkonventionellen Gesprächskreises Mitte April am Leipziger Sitz der sächsischen Rosa-Luxemburg-Stiftung in unterschiedlicher Pointierung äußern. Den kritisch-reservierten Grundton schlägt Wolfgang Geier in seinen einleitenden Bemerkungen zu Autor und Werk an. Der Kulturhistoriker hält bereits Koenens Rot im Buchtitel als „Metapher für Weltgeschichte des Kommunismus über mehrere tausend Jahre“ für verfehlt, weil Rot als politisch-ideologische Markierung erst in der Revolution von 1789 inauguriert worden sei. Überhaupt nehme es Koenen nicht immer so genau mit historischen Tatsachen. Einerseits schreibe er über viele Phänomene „vehement hinweg“. Andererseits entgingen ihm wesentliche Deutungslinien kommunistischer Entwicklungsetappen, da er auf komparatistische Betrachtungen, „das unentbehrliche kleine Einmaleins“ des Historikers, verzichte. Als Beispiele für das seines Erachtens methodische Manko führt der Kritiker Koenens unterlassenen Vergleich von Theorie und Praxis revolutionären Terrors bei Robespierre und Lenin und die fehlende Konfrontation von Stalinismus und Hitlerfaschismus an. Demgegenüber habe der Erzähler den „Stammbaum des Kommunismus“ in üppigen Bildern bis in „absurde, archaische“ Vorzeiten verfolgt (Gilgamesch-Epos) und eine „Komparserie“ von Personen der Weltgeschichte aufgeboten (darunter Platon, Campanella), denen nun wahrlich keinerlei kommunistische Attribute zukämen. Schließlich bilanziert der Leipziger Emeritus für Kulturgeschichte und -soziologie, der brillante Großliterat Koenen habe der Kultur- und Ideengeschichte überbordend gefrönt; die Realgeschichte sei aber weitgehend auf der Strecke geblieben.

Hartmut Kästner eröffnet die Diskussion mit einem Lob für des Referenten „bewundernswerte“ Analyse und Bewertung des „gewaltigen Buches“. Er selbst vermisse bei Koenen, dass er seinen Gegenstand „Kommunismus“ definiere und seine Geschichte und Zukunft ernsthaft diskutiere. Worauf Wolfgang Geier erklärt: „Als Historiker halte ich die 1000 Seiten für einen groß geratenen Essay, nicht für ein wissenschaftliches Werk.“ Diesem Urteil stimmt Monika Runge weitgehend zu. Ihr scheine, der Autor habe aus der „Vogelperspektive“ geschrieben, das aber journalistisch brillant und mit vielen durchaus wissenswerten Details. Doch habe er auf 1000 Jahre Geschichte ohne wissenschaftliche, vor allem ohne Analogie-Methodik geblickt. Dies habe sicher gar nicht in seiner Absicht gelegen, mutmaßt Arnd Krause. Auch er sähe in dem Werk eher einen Großessay als eine historisch-kritische Untersuchung. Währenddessen empfiehlt Bernd Juhran, Alfred Kosings Werk „Aufstieg und Untergang des realen Sozialismus“ in die Debatte einzubeziehen. Der Philosoph, der in den 1960er Jahren in Leipzig lehrte, liefere Antworten, die Koenen schuldig geblieben sei.

Klaus Kinner hatte als Moderator des Abends das wiederum große Auditorium mit seinen Lektüreeindrücken begrüßt: Koenens Buch sei ein grandioser Versuch, die Geschichte des Kommunismus in ihrer Gesamtheit nachzuzeichnen. Angesichts der die Debatte prägenden Kritik setzt er nun einen Kontrapunkt, auch die produktiven Fragestellungen Koenens zu würdigen, für den Kommunismus keineswegs abgeschlossene Geschichte sei. Manfred Neuhaus unterstreicht diesen Gedanken. Für ihn liege ein großartiges Buch vor, aus dem, über alle Schwächen hinweg, die Linke viel lernen könne. Mit ihrer Wortmeldung, dass es auch junge Menschen dank seiner literarischen Zugkraft erreiche, setzt eine Altersgenossin den Schlusspunkt unter eine unvollendete Diskussion.