Der Reisende – ein Hörbuch

Von Ralf Richter

Das Hörbuch „Der Reisende“ über die Bahnreise des Berliner Kaufmanns Otto Silbermann quer durch Deutschland unmittelbar nach dem Novemberpogrom wird auf der Rückseite des Covers als „Wiederentdeckung“ bezeichnet. Sein Autor Ulrich Alexander Boschwitz starb 1942. Man könnte glauben, seine Werke seien in den 50er Jahren vielleicht in Westdeutschland oder im Exil gedruckt worden, und erst jetzt hätte jemand die Bücher wieder hervor geholt. Die Geschichte des Autors und seiner Bücher aber ist anders.

Boschwitz wurde 1915 in Berlin als Sohn eines jüdischen Kaufmannes geboren. Seine Mutter entstammte einer Lübecker Senatorenfamilie. Im Oktober 1942 ertrank der Schriftsteller 27jährig auf hoher See – doch es war kein Unfall, und deutschen Lesern ist bis zu seinem Tode keines seiner Bücher bekannt. Als 20jähriger war Boschwitz schon 1935 emigriert und gelangte auf Umwegen nach England. Dort aber wurde er als „feindlicher Ausländer“ nach Kriegsausbruch nicht nur interniert sondern auch – ein wohl weitgehend unbekanntes Kapitel hierzulande – aus England deportiert. Ziel des Deportationsschiffes war Australien, wo Boschwitz auch ankam. Doch auf der Rückreise nach England wenig später wurde sein Schiff von einem deutschen U-Boot-Torpedo getroffen und sank.

Zu schreiben begonnen hatte der junge Mann im Ausland, weshalb sein erstes Werk – „Menschen neben dem Leben“ – 1937 in schwedischer Übersetzung in Schweden erschien und bis heute erstaunlicherweise in deutscher Originalsprache nicht zugänglich ist. Sein nächstes Werk, „Der Reisende“, erschien 1939 als „The man who took trains“ in England unter dem Pseudonym John Crane und 1940 in den USA. 1945 schließlich wurde das ebenfalls in Deutsch geschriebene Buch dann in Frankreich veröffentlicht – doch in keinem der beiden deutschen Staaten erschien es. Nein, „Der Reisende“ ist keine Wiederentdeckung in Deutschland, sondern Boschwitz wurde – aus welchem Grunde auch immer – bis zum Jahr 2018 als deutscher Autor nicht wahrgenommen.

Wie sich die Pogromnacht auf das Leben der Juden auswirkte, ist bekannt in seiner Abstraktion – aber hat man jemals gelesen, wie ein einzelner Betroffener damit konfrontiert wurde, wie er damit klar kommen musste, dass die SA (Gott sei Dank in seiner Abwesenheit!) seine Wohnung stürmte? Silbermann ist Geschäftsmann, seine Geschäfte gehen gut und er hat einen Partner. Privat ist er mit einer „Arierin“ verheiratet. Sie wird anwesend sein und ein weiterer Deutscher, der Silbermanns Haus als Schnäppchen haben will und, obwohl Parteimitglied, von der SA verprügelt wird. Silbermann geht nach der „Kristallnacht“ natürlich nicht nach Hause – er entscheidet sich, mit dem Zug durch Deutschland zu fahren. Ziellos erst einmal. Sein „nicht-jüdisches Aussehen“ scheint ihn zu schützen. Er kommt mit den verschiedensten Fahrgästen in Gespräch. Eine der berührendsten Szenen ereignet sich auf der Fahrt von Berlin nach Hamburg, als er einem nach außen erkennbaren Nazi gegenüber sitzt. Dieser aber ahnt nichts von der Bredouille, in der Silbermann sich befindet, er sucht nur einen Schachpartner auf der langen Tour – und findet prompt in Silbermann seinen Meister. Der Parteimann, ein Ingenieur, verliert eine Partie nach der anderen und erweist sich als fairer, keineswegs unsympathischer Verlierer, der sich schließlich mit größter Hochachtung von seinem Bezwinger verabschiedet.

Natürlich versucht Silbermann zu fliehen, Belgien erscheint ihm ein Ziel auf einer Flucht nach Frankreich, wo sein Sohn schon lebt. Sachsen dürfte interessieren, dass Silbermann auch in Dresden Station macht und hier als Tourist unterwegs ist. Den Louisenhof hat Boschwitz auf jeden Fall gekannt, wenn nicht gar besucht. Eine ergreifende Szene reiht sich an die nächste, man erlebt die Dispute in den Abteilen sogar zwischen Nazis. Das Ganze ist so eindringlich geschildert, eine solche spannende Zeitaufnahme eines Bahnreisenden auf der Flucht in der Nazizeit, wie man sie bis jetzt nicht lesen konnte.

Man kann „Der Reisende“ als Buch oder als Hörbuch erwerben, doch gesprochen von Torben Kessler entfaltet es eine ganz besondere Aura. Selten lauscht man einer szenischen Lesung derart ergriffen wie dieser Geschichte aus dem Leben eines unschuldig Verfolgten. Es offenbaren sich Charaktere: Der gute Freund wird zum Widerling. Aber bevor er ganz abgleitet, kommt dann noch einmal die alte Frontkameradschaft aus dem Ersten Weltkrieg hoch … Auch Silbermann ist nicht nur „der Gute“ und etwaigen Abenteuern trotz gefühlter Verfolgung nicht abgeneigt. Der Audio-Verlag bietet siebeneinhalb Stunden atemberaubendes Hörerlebnis auf sechs CDs für 20 Euro – kleiner Tipp zum Schluss: Auf der Homepage des Verlages kann man zweieinhalb Minuten „vorhören“, kostenlos: www.gleft.de/2dE