„Der Opportunismus wird immer unerträglicher“

Reiner Tennler aus Annaberg-Buchholz ist der Vorsitzende des Ausschusses für Grundschulen beim Landeselternrat. Kevin Reißig hat mit dem Familienvater über Lernen und Lehren gesprochen.

Herr Tennler, was ist das größte bildungspolitische Problem in Sachsen?

Der Lehrermangel. Der Begriff wird zwar inflationär gebraucht, aber es verbirgt sich nichts anderes dahinter, als dass seit über 20 Jahren Sparmaßnahmen durchgezogen wurden zulasten der perspektiven Bereitstellung von Lehrern. Das trifft derzeit vor allem den Grund- und Oberschulbereich. Was sich später an den Gymnasien abspielen wird, weiß man noch nicht.

Dort wird es auch zu Problemen kommen?

An der Abwanderung der Absolventen wird sich nicht viel ändern. Es ist einfach eine Frage des Alters. Ich war zum Tag der offenen Tür an einem Gymnasium, und der Schulleiter hat mir – ziemlich emotional – gesagt, dass er riesige Probleme auf sich zukommen sieht. Aktuell ist zum Beispiel ein Mathelehrer krankheitsbedingt ausgefallen, und er kann den definitiv nicht ersetzen.

Gemeinhin gelten die Gymnasien als die Schulart mit den wenigsten Problemen.

Das kann man nicht verallgemeinern, man muss den konkreten Fall sehen. Das Dilemma, in dem wir stecken, ist einfach, dass viele Eltern längst abgeschaltet haben. Sie finden sich mit der Situation ab und versuchen ihr Kind so gut wie möglich durchzuschleusen. Mich interessiert nicht, warum Unterricht ausfällt. Mich interessiert, dass registriert wird, dass er ausfällt. Es nützt mir nichts, wenn ein Lehrer durch die Gegend gejagt wird, der ständig nur Vertretung macht, und der Schüler am Ende gar keinen Bezug mehr zu dem Lehrer hat, alleingelassen wird und irgendwann bei der Prüfung große runde Augen kriegt, weil er von dem, was dort steht, noch nie was gehört hat.

Nun reden in der sächsischen Bildungspolitik alle über Lehrermangel. Wenn man ständig über Geld und Stellen diskutiert, kommt man nicht dazu, über die Bildungsqualität an sich zu sprechen.

Genau. Es traut sich ja auch niemand, wirklich mal Stellung zu beziehen. Das wäre am Ende sicher ein vernichtendes Urteil über etliche Schulen. Es gibt Schulen, an denen es noch funktioniert, weil sie den Lehrermangel noch nicht so stark spüren, aber irgendwann ereilt er sie dann doch.

Was haben Sie gedacht, als Sie erfuhren, dass Frank Haubitz nach nur 56 Tagen wieder entlassen wird?

Das ist für mich ein Aushängeschild von Politik, Macht, ich weiß gar nicht, ob es dafür schon einen Begriff gibt, wie in der CDU mit Personal umgegangen wird, das vielleicht noch ein kleines bisschen die Richtung halten will. Ich bin ganz vorsichtig, was diesen neuen Ministerpräsidenten betrifft. Ich habe ihn zwar kennengelernt bei einer Klausur des Landeselternrates, aber ich habe da kein gutes Gefühl. Ich glaube, bei der CDU wäre ein ganz anderer Schritt nötig gewesen, erstmal zu sagen: Wir entschuldigen uns in aller Form für unsere fehlentwickelte Bildungspolitik, an deren Ende wir nun stehen und erkennen müssen: Das und das und das funktioniert nicht, weil wir auf andere Dinge Wert gelegt haben. Bis heute wird das alles beiseitegeschoben von den Ministerien, die sich ja hinter der Politik verstecken. Das sind alles Beamte, seit zig Jahren die gleichen Leute. Vielleicht kann man es ganz kurz ausdrücken: 25 Jahre eine Partei – da sind wir wieder in der DDR angekommen. Wahrscheinlich ist der Mensch auch gar nicht dazu geeignet, konstruktiv über sein eigenes Wirken nachzudenken. Der Opportunismus wird immer unerträglicher.

Michael Kretschmer gibt sich dialogorientiert, lösungsbereit, als dynamischer Regierungschef. Nehmen Sie ihm das ab?

Ich muss da abwarten, ich würde das jetzt noch nicht einschätzen. Aber wie will man das Thema überhaupt angehen? In jedem Bundesland fehlen tausende Lehrer. Das Thema könnte man ja nur über den Bund angehen, und solange man sich sträubt, endlich dieses Kooperationsverbot abzuschaffen, wird das nichts. Das ist das erste, was fallen muss. Natürlich muss man bundesweit über Lehrermangel reden.

Dem neuen Kultusminister Christian Piwarz wird vorgeworfen, seine bildungspolitische Kompetenz beschränke sich darauf, schulpflichtige Kinder zu haben. Was erwarten Sie von ihm?

Er müsste in der eigenen Partei die Entwicklung der Bildungspolitik zunächst einmal aufarbeiten. Er könnte sich zwei, drei geeignete Leute suchen, dazu könnte zum Beispiel auch mal ein Elternvertreter gehören, da stelle ich mich gern zur Verfügung. Klar ist aber: Wir brauchen eine bundesweite Strategie. Niemand kann hier in Sachsen am Thema Lehrermangel tatsächlich etwas verändern, und mit Verbeamtung gleich gar nicht. Es gibt viel zu viele Ausschlüsse, außerdem bin ich ein absoluter Gegner von Klientelpolitik.

Die Koalition streitet über dieses Thema – der Ausgang ist also gar nicht so wichtig?

Nein. Man muss sich einfach mal damit beschäftigen, welche Gruppierungen dort rausfallen – Seiteneinsteiger, Teilzeitbeschäftigte, auch Lehrer, die an Schularten unterrichten, für die sie keine Ausbildung haben. Da bleibt eine kleine Gruppe übrig, und die, die von der Uni kommen. Aber ist das gerecht gegenüber denen, die seit 20, 30 Jahren im Job sind?

Die Unbeweglichkeit der Kultusbürokratie ist sicher mitschuldig am Problem. Es wird nur zweimal im Jahr eingestellt, nicht alle Stellen werden schulscharf ausgeschrieben. Die Einstellungspolitik müsste „kundenfreundlicher“ werden. Oder?

Ja. Das ewige Verfolgen alter Pfade entsteht ja aus dieser ewigen Machtposition. Natürlich richten sich die Leute, die dort arbeiten, auf diese Form der Macht ein, und keiner kommt auf die Idee, zu sagen: Leute, können wir das mal ein bisschen anders machen? Wir sind zwar ein demokratisches Land, vom großen Rahmen her, aber im Detail geht es immer nur um Abhängigkeiten, wie das eben unter Menschen ist.

Das Schulsystem steckt in der Krise. Sollte man da wirklich große Umwälzungen angehen, wie das längere gemeinsame Lernen?

Natürlich ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt, weil der Punkt erreicht ist, an dem man nicht mehr vorwärts kommt. Aber ich erwarte das nicht von den Leuten in der Regierung, die sind zu weit weg von Entscheidungen, die die Zukunft bedeuten können.

Der Verein „Gemeinsam länger lernen in Sachsen“ geht nun ans Werk und in Richtung Volksantrag. Wie finden Sie das? Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten ein?

Ich bin voll dafür, keine Frage. Das wäre ja schon mal ein Startpunkt, um zu sagen: Wir setzen einen neuen Rahmen. Den Verein gibt es seit vielen Jahren – schon daran sieht man, wie restriktiv unsere Herrschenden agieren. Es findet kein wirkliches Gespräch statt, wo ein Miteinander erkennbar wäre, das erkennen wir auch als Elternvertreter. Man wird als Feigenblatt benutzt, aber es gibt kein ergebnisoffenes Gespräch. Ich sehe die ganze Konstruktion Landeselternrat kritisch, die ist auch politisch herbeigeführt worden. Es gibt keine freie Elternvertretung in Sachsen. Das ist eine im Gesetz festgeschriebene Struktur, die nicht dazu beiträgt, dass freie Gedanken sich etablieren können.

Wie steht der Landeselternrat zur Initiative?

Die meisten, die sich damit beschäftigen, können sich der Sache gar nicht verschließen. Denn es geht um den sozialen Frieden, der auf wackligen Füßen steht. Auf jedem Marktplatz muss sich jemand finden, der sich eine Woche lang hinstellt und Unterschriften sammelt. Anders wird es nicht gehen, man muss auf die Menschen zugehen und ihnen klar machen, dass es wichtig ist, dass die Kinder viel länger zusammenbleiben. Schon damit sie soziale Verbindungen knüpfen können, die dann vielleicht sogar ein Leben lang halten. Und damit sie genug Zeit haben, herauszufinden, was in ihnen steckt. Wir verschenken momentan viel Potential.

Was entgegnen Sie der Behauptung, längeres gemeinsames Lernen sei die Rückkehr zur DDR-Einheitsschule und drücke leistungsstärkere Schüler runter?

Das ist totaler Schwachsinn. Was stellt sich denn die CDU unter „leistungsstärkste Schüler“ vor, was wollen sie mit diesem Menschen erreichen? Ich glaube, gute Manager und gute Chefs brauchen eine ausgeprägte soziale Ader, und sie werden immer darauf achten, dass ihre Belegschaft ein Wohlstandsniveau erreicht, bei dem einerseits das Interesse für die Firma nicht verloren geht und andererseits immer geschaut wird: wie geht es dem anderen? Nur das schafft ein Klima im Unternehmen, womit alle irgendwie klarkommen können. Die Vision kann doch nur sein, Ökologie, Ökonomie und das soziale Miteinander zu vereinbaren. Sonst weiß die Generation, die heute in die Schulen kommt, am Ende nicht mehr: In welche Gesellschaft wachse ich eigentlich rein?