Das Erbe der „Mutter der Nation“

Ralf Richter mit einem Nachruf auf Winnie Mandela

Am zweiten April starb die Grande Dame des ANC. Bis zuletzt hat sie jugendlich gewirkt und sich auch stets politisch geäußert – anders als ihr Ex-Mann, der schon lange ein Schatten seiner selbst war, bevor er 2013 als 95-Jähriger starb. Sicher ist: Es hätte ohne eine Winnie Mandela keinen Nelson Mandela als Staatspräsidenten Südafrikas gegeben. Diese Frau war in den entscheidenden Jahren nach der Inhaftierung Nelson Mandelas 1962 das Gesicht des Widerstandes und repräsentierte unbeirrbar in schwerster Zeit trotz Verhaftungen, Verbannungen, Folterungen und Verfolgungen den ANC.

Geboren wurde Nomzamo Winifred Zanyiwe Madikizela am 26. September 1936. Nomzamo, ihr Xhosa-Name, heißt übersetzt: Die, die es versucht. Sie wurde in der Provinz Ostkap geboren, als viertes Kind ihrer Eltern Columbus und Gertrude. Sie wuchs in einem Lehrerhaushalt auf: Ihr Vater war Geschichtslehrer, während ihre Mutter Hauswirtschaft unterrichtete. Das Mädchen war Klassenbeste und studierte Sozialarbeit, später machte sie den Bachelor im Fach Internationale Beziehungen. Sie war 22 Jahre alt, als sie den damals noch verheirateten Anti-Apartheidaktivisten und Rechtsanwalt Nelson Mandela kennenlernte. Diese Beziehung veränderte ihr Leben in dramatischer Weise.

In Südafrika herrschte Apartheid bereits seit 1913 mit der Einführung des Native Land Acts – er bestimmte, dass die schwarze Bevölkerung auf 7,3 Prozent des gesamten Landes in Homelands leben musste. Es war interessanterweise die Labour Party, die 1910 erstmalig den Begriff Rassentrennung eingeführt hatte. Damals waren Spannungen entstanden, als Nicht-Weiße Land in Gebieten von armen Weißen kaufen wollten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam die National Party 1948 an die Macht und regierte das Land bis zu den ersten freien Wahlen 1994. Sie verschärfte die Gesetze. Außerehelicher Geschlechtsverkehr zwischen den Bevölkerungsgruppen stand bereits seit 1927 unter Strafe, 1949 kam das „Gesetz gegen Gemischtehen“ hinzu. 1950 wurde per Gesetz die Einteilung der Bevölkerung vollzogen in Weiße, Farbige und „Einheimische“. Dem folgte das Gesetz über getrennte Einrichtungen – von Schulbussen über Restaurants und Toiletten bis hin zu Blutkonserven.

Die am stärksten in allen Bereichen benachteiligte Gruppe war die Mehrheitsbevölkerung der Schwarzen. Dagegen regte sich frühzeitig Widerstand. Zwischen 1890 und 1920 hatten sich verschiedene afrikanische Widerstandsgruppen zusammengefunden. 1912 wurde der SANNC (Südafrikanischer Eingeborenen Nationalkongress) gegründet. Die Umbenennung in ANC erfolgte 1923. Von Anfang an setzte sich der ANC für Gleichberechtigung ein und war offen für alle Bevölkerungsgruppen: Schwarze, Farbige, Weiße und Inder. Während der Streikbewegung 1948 wurde zur Unterstützung von Bergarbeitergewerkschaften das Bündnis von ANC und der Kommunistischen Partei Südafrikas geschlossen.

Die Kämpfe verliefen zuerst friedlich. Mahatma Gandhi hatte mit dem gewaltlosen Widerstand in der von Indern stark bevölkerten Provinz Kwazulu-Natal im Raum Durban begonnen. Er betrat 1892 erstmals südafrikanischen Boden. Als 1906 ein Gesetz der Briten bestimmte, dass alle Inder sich über ihre Fingerabdrücke registrieren sollen, kam es zu gewaltfreien Massenprotesten – die Gefängnisse quollen über und das Gesetz wurde 1914 aufgehoben. Der Widerstand des ANC orientierte sich zunächst an dem von Gandhi eingeführten Modell des gewaltfreien Widerstandes – bis die Übergriffe durch die Polizei immer gewalttätiger wurden.

Bei einer Demonstration gegen die Passgesetze am 21. März 1961 eröffnete die Polizei aus Maschinenpistolen das Feuer auf die Demonstranten. Von den Kugeln getötet wurden 51 Männer, acht Frauen und zehn Kinder – die meisten wurden von hinten erschossen. Außerdem wurde der ANC verboten. Diese Ereignisse brachten den Wendepunkt. Es kam zur Gründung von Umkhonto we Sizwe, deutsch: Speer der Nation. Speer der Nation will mit Waffengewalt dem weißen Repressionsapparat Paroli bieten. Der ANC im Untergrund aber war skeptisch, so dass in der Anfangsphase Umkhonto we Sizwe (MK) nicht als bewaffneter Flügel des ANC betrachtet werden kann. Erstmals in Erscheinung trat der MK am 16. Dezember 1961, einem Feiertag, mit Anschlägen in Johannesburg und Port Elizabeth. 18 Monate später wird die gesamte MK-Führung festgenommen. Ihr Führer: Nelson Mandela.

Von diesem Moment an war Winnie das Gesicht des Widerstandes. Obwohl Nelson Mandela festgenommen war, operierte der MK weiter. Kader wurden insbesondere in Afrika, aber auch in den sozialistischen Ländern ausgebildet. Allein im mecklenburgischen Teterow bildete die DDR bis Ende der 80er eintausend MK-Kämpfer aus. Sie kamen nicht nur in Südafrika zum Einsatz, sondern auch im Befreiungskampf in Namibia – besonders viele Trainingslager befanden sich in Angola und Mosambique. Der MK verübte eine Reihe von Anschlägen, wobei am Anfang galt, dass keine Personen zu Schaden kommen sollten. Das änderte sich später, als Armeeeinrichtungen direkt attackiert wurden. Unter allen Umständen aber sollte es vermieden werden, Zivilisten zu treffen, was letztlich nicht immer gelang.

Der MK kann als Kaderschmiede des ANC angesehen werden: Der letzte Präsident Jacob Zuma war seit 1962 MK-Mitglied und seit 1982 Chef des ANC-Nachrichtendienstes, der später ermordete Generalsekretär der SACP Chris Hani war von 1987 bis 1992 Stabschef des MK. Während ANC und MK offiziell im Westen als Terrororganisationen galten, wurden sie von den Unterstützern des Anti-Apartheidkampfes sowie vielen afrikanischen und sozialistischen Ländern ganz offiziell als legitime Befreiungsbewegung unterstützt.

Nach dem Ende des Kampfes und der Machtübernahme bei den ersten freien Wahlen durch den ANC geriet Winnie in den Schatten ihres Mannes. Sie, die noch bis zu seiner Freilassung alle Fäden im ANC in der Hand hielt, gelangte auf Abstellgleis. Zwar führte sie die ANC Frauenliga, aber Richtungsentscheidungen lagen nicht bei ihr. Der ANC, der einst die Verstaatlichung der Großindustrien und Minen anstrebte sowie die Enteignung der weißen Großfarmer, handelte mit Nelson Mandela an der Spitze aus, dass es nach den Wahlen keine Aufarbeitung der Geschichte geben solle. Es blieben nicht nur die Verbrechen von Sharpeville und andere Massaker und Morde ungesühnt, auch die Besitzverhältnisse wurden nicht angetastet. Das Land verblieb im Besitz der weißen Farmer. Lediglich in der ANC Spitze gab es nun Großverdiener wie den derzeitigen Präsidenten Südafrikas, Cyril Ramaphosa. Die weiße Wirtschaft kauft sich die ANC-Führung ein und stellte radikale Kräfte kalt, die an der Wende festhielten. Chris Hani, Generalsekretär des SACP, wurde 1993 vom einem polnischen Rechtsradikalen erschossen. Doch auch der NIS, der Geheimdienst des weißen Regimes, hatte noch eine Rechnung mit Winnie offen. Auf sie wird ein Offizier der Abteilung Strategische Kommunikation angesetzt. Der Plan, Winnie Mandelda innerhalb des ANC kalt zu stellen und zu verleumden, ging auf.

Es kam zur Scheidung von Nelson Mandela, Winnie Mandela wurde mehrfach angeklagt. In den letzten Jahren gab es Kontakte zwischen ihr und der neuen linken Kraft in Südafrika, den Economic Freedom Fighters (EFF) unter ihrem Chef Julius Malema, der sich seinerseits an Hugo Chavez orientiert – entsprechende rote Uniformen und Barette tragen seine Kampfgefährten. Julius Malema war Chef der ANC-Jugendliga, bevor er sich vom ANC abspaltete. Er vertritt der Meinung, dass Winnie Mandela Nelson hätte nachfolgen müssen und dass unter ihrer Führung heute nicht das fruchtbarste Land weiterhin im Besitz weißer Farmer geblieben wäre. Die EFF scheinen nachholen zu wollen, was Winnie Mandela und Chris Hani nicht geschafft haben.

Der Machtkampf beginnt erst. Beim Massaker von Marikana 2012 schoss die Polizei wie in Apartheidzeiten auf Grubenarbeiter. Zu den Mitverantwortlichen zählt der EFF den neuen Präsidenten Cyril Ramaphosa. Am 20. Februar fragte die Zeitung „The Southafrican“: „Marikana – Was war Cyril Ramaphosas Rolle?“ Sicher ist, dass der Unternehmer an der Mine beteiligt ist. Der EFF sieht sich als ideologischer Erbe der Ideen von Winnie Mandela und hat vor, den ANC zu beerben – indem er umsetzt, was der ANC einst wollte, aber unter Nelson Mandela nicht angepackt hat.