Charlys Blick

Von Klaus Müller aus Chemnitz

Fast die ganze Welt kennt Karl Marx. Aber keiner, ausgenommen seine Verwandten und Freunde, hat ihn jemals lächelnd oder gar lachend gesehen. Und höchstens Karikaturisten haben sich getraut, ihn auf diese menschenfreundliche Art darzustellen.

Als ich 1979 nach Karl-Marx-Stadt kam, um hier bei der DDR-Nachrichtenagentur ADN zu arbeiten, fiel mir das gewaltige Monument im Stadtzentrum natürlich sofort auf, wie jedem, der hier vorbeigeht. Und ich hatte es immer im Blick, zumal sich meine Arbeitsstelle schräg gegenüber, im obersten Geschoß der damaligen Hauptpost befand. Ich habe das Denkmal auch ausführlich beschrieben, das in dieser gewaltigen Größe bisher keine andere Stadt besitzt. Mit dem Sockel erreicht es immerhin eine Höhe von 11,60 Metern. Was mir jedoch missfiel, war der strenge, ja fast böse Marxsche Blick. Ich dachte, was hatte der Schöpfer des Monuments, Lew Kerbel, gegen den Philosophen oder gar gegen die DDR? Zu Freunden äußerte ich: „Wieso kann denn keiner den Mitbegründer des wissenschaftlichen Sozialismus richtig freundlich darstellen? Diese Gesellschaftsordnung ist doch eine wunderbare Sache.“

Gegen Ende der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde dann klar, dass sich der Philosoph über den missglückten Sozialismusversuch im Lande ärgerte, wo er doch für die arbeitenden Menschen nur das Beste gewollt hat. Wie weitsichtig manchmal große Bildhauer sind.

Na, und als dann im Herbst 1989 alle möglichen selbsternannten Revolutionäre unter seinen Augen riefen „Marx ist tot, Jesus lebt“, da konnte er ja schlecht gute Miene zu bösem Spiel machen, zumal er wusste, was folgt. Seither bin ich eigentlich versöhnt und ganz zufrieden mit Charlys Blick.