Über das Märchen vom „Chancenland“

In Sachen Bildung: GroKo verpasst den großen Wurf
Von Sören Pellmann

Lernenden wird häufig erzählt: „Wiederholt es noch einmal, dann prägt es sich besser ein!“ Gleiches hat sich wohl die Große Koalition mit ihrer Skizze vom „Chancenland Deutschland“ gedacht. Aber eins vorab: Je öfter die GroKo Bildung als Faktor zur Überwindung von sozialer Ungerechtigkeit betrachtet, umso öfter verkennt sie auch, wie das deutsche Bildungssystem institutionelle Ungerechtigkeit produziert.

Wer die Digitalisierung von Bildung und die Aufhebung des Kooperationsverbots als Allheilmittel betrachtet, hat längst den Blick für die Wirklichkeiten verloren. Zwar hat die GroKo erfreulicherweise erkannt, dass das Kooperationsverbot dringend überdacht werden muss. Allerdings ist dies nicht nur im Hinblick auf die Finanzierung kommunaler Schulbauten sinnvoll und nötig. Darüber hinaus gibt es jede Menge anderer Baustellen in der deutschen Bildungslandschaft.

Welch groteske Auswüchse der Bildungsföderalismus beispielsweise mittlerweile angenommen hat, müssen vor allem Schülerinnen und Schüler „ausbaden“, die umzugsbedingt von einem Bundesland in ein anderes wechseln. Dann kann es durchaus geschehen, dass Fächer plötzlich nicht mehr existieren, dem Lernenden mitunter mehrere Jahre Fremdsprachunterricht fehlen oder sich die Abiturzeit um ein ganzes Jahr verkürzt um nur einige Beispiele zu nennen. Dies alles macht deutlich, dass es nicht damit getan ist, lediglich ein Kooperationsverbot zu kippen. Vielmehr muss ein bundeseinheitliches Bildungssystem letztlich das Ziel sein, um solche Hemmnisse zu überwinden.

Auch bei einem weiteren bildungspolitischen Thema verpasst die neue Regierungskoalition den großen Wurf. So kündigt sie zwar eine Mindestausbildungsvergütung an, versäumt es dann jedoch, sich genauer festzulegen. Dabei hätte die Orientierung am bestehenden Mindestlohn der kleinste gemeinsame Nenner zwischen den Koalitionären sein müssen. So zumindest wäre gesichert, dass die Chance auf Ausbildung nicht zur Ausbeutung verkommt. Ähnlich verhält es sich beim avisierten Ausbau des BAFöG. Eine Reform hin zu einer rückzahlungsfreien, elternunabhängigen Förderung von 1050 Euro im Monat wird nicht annähernd erreicht. Dieses Einkommen ist aber mittlerweile an zahlreichen Hochschulstandorten notwendig, um dortigen Wohnraum finanzieren zu können. Vor allem für Studentinnen und Studenten aus sozial benachteiligten Familien wäre es fatal, wenn die Anpassung des BAFöG nicht in ausreichendem Maße vorgenommen würde. Bedeutet dies doch einen enormen finanziellen Mehraufwand und kann im schlimmsten Fall gar zum Abbruch eines kostenintensiven Studiums führen.

Das zweifelhafte Ablenkungsmanöver der propagierten Digitalisierung von Bildung passt hier auch ins Bild. Es ist natürlich gut, dass die längst verschlafene Zukunft endlich auch in der Schule einziehen soll. Allerdings wird dies zur problematischen Situation führen, dass Schulen eine digitale Tafel ohne ausreichend schnelle Internetverbindung besitzen werden. Gleichzeitig stellt die Wartung der neuen Geräte die Schulträger und Schulen vor kaum stemmbare Herausforderungen. Aber spätestens wenn die Koalition nur einen unverbindlichen Wunsch äußert, dass die Lehrinnen und Lehrer entsprechend fortgebildet werden sollen, wird klar, dass die Vorbereitung auf die moderne Arbeitswelt den sozial schwächeren Schülerinnen und Schülern wohl vorenthalten bleibt.