Sexismus in der DDR?

Uta Schlegel über Verhältnisse und Verhalten

Sexismus meint zunächst Formen meist der bewussten, aber auch der unbewussten Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer biologischen Geschlechtszugehörigkeit. In der gesellschaftlichen Debatte zu diesem Problem drohen mindestens zwei Irrtümer: Ganz überwiegend – so auch die weltweite Bewegung – beschränken sich die Diskussionen zum einen ausschließlich auf männliche Übergriffe gegenüber Frauen; dies scheint (aber nur weitgehend) berechtigt zu sein angesichts der traditionellen und heute noch ganz mehrheitlich patriarchalen Strukturen von Gesellschaften, also Gesellschaften mit männlicher Vorherrschaft und entsprechenden Machtverhältnissen. Zum anderen werden die Debatten ganz mehrheitlich und unzulässig auf Sexualität reduziert. Wenn Frauen beispielsweise in einem Land nicht Auto fahren dürfen, so ist das klar ein Fall von Sexismus, aber nicht von Sexualität.

Heute sind Übergriffe auf Frauen in allen Gesellschaften zu beobachten; ihre Häufigkeit und ihre Brutalität sind allerdings offenbar sehr unterschiedlich je nach Gesetzen, kulturellen Traditionen, vorherrschenden Religionen: je verwurzelter und ausgeprägter das Patriarchat, desto häufiger, drastischer und ungestrafter sind die Übergriffe auf Mädchen und Frauen – bis hin zu Genitalverstümmelung und Vergewaltigung.

Bekanntlich kommt die Sexismus-Debatte aus den USA und bewegt sich vor allem in der mehr oder weniger prominenten Showbranche. Insofern verwundert kürzlich eine Fernsehsendung des MDR innerhalb der Reihe „Zeitreise“ zu „Sexismus in der DDR“ (s. www.mdr.de/zeitreise/sexismus-in-der-ddr-102.html) mit erstaunlichen Aussagen. So seien sexuelle Übergriffe auf Frauen in der DDR „gang und gäbe“ gewesen, und eine Untersuchung (152 Fragebögen) habe ergeben, dass 22 Prozent der Befragten vergewaltigt und 72 Prozent sexuell belästigt worden seien. Diese Befunde sind u. E. nur dadurch erklärbar, dass sie im Klientel der 1987 gegründeten „Frauenteestube“ in Weimar erhoben worden sind, einem Treffpunkt für betroffene Frauen, sowie auf Vortragsreisen der beiden Initiatorinnen zum Thema, damit also unter einer speziellen Gruppe. Dennoch sind diese Aussagen unter dem verallgemeinernden Titel „Sexismus in der DDR“ gemacht worden. Dazu haben mich nach der Fernsehsendung rund 100 Anrufe und Emails von DDR-Frauen und auch ein paar -Männern erreicht mit Fragen nach meiner Meinung dazu und mit grundsätzlich kritischen bis empörten Bemerkungen. Insofern muss gefragt werden, ob diese Aussagen tatsächlich den typischen DDR-Alltag wiedergeben.

Leider kann man da kaum auf gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse zurückgreifen, weil Sexismus eines der Tabuthemen in Politik, Forschung, Medien und überhaupt im öffentlichen Diskurs der DDR war. Aber was das Ausmaß von Sexismus in der DDR betrifft (und nur dieses soll hier in Frage gestellt werden, denn selbstverständlich gab es auch in der DDR Sexismus und sexuelle Gewalt), so ist primär nach deren strukturellen Bedingungen zu fragen. Als ganz wesentlich dafür können – und das ist für verschiedene, für Sexismus mögliche Lebensbereiche wie Erwerbsarbeit und Partnerbeziehungen / Ehe wissenschaftlich gut belegt – zunehmend flachere, egalitärere Geschlechterverhältnisse angesehen werden. Woran sind diese festzumachen?

1. Das Fehlen eines evidenten Sexismus in der Öffentlichkeit
Eine Omnipräsenz frauendiskriminierender Bilder und Sprache (wie z. B. Pornografie, in der Werbung) gab es im Alltag der DDR nicht. Zudem war eine Vielzahl von Fördermaßnahmen an Frauen gerichtet, darunter auch solche, die im Kern familienpolitische Ziele hatten, z. B. Haushaltstag, anfangs das Babyjahr, reduzierte gesetzliche wöchentliche Arbeitszeit für Frauen mit zwei schulpflichtigen Kindern, Kinderbetreuungseinrichtungen.

2. Die eingeschränkte Wahrnehmung eigener Benachteiligung bei Frauen
Vorgenanntes führte leider zu einer mangelnden Sensibilisierung der meisten Frauen gegenüber tatsächlich noch bestehenden Benachteiligungen von Frauen, z. B. bei ihrer Unterpräsentation in Leitungsfunktionen. Auch erklärten Frauen solche Wahrnehmungen eher mit individuellen als mit strukturellen Defiziten.

3. Die Ehe als unökonomische Instanz
Zum einen war die sog. Hausfrauenehe in der DDR ausgemustert und damit die direkte finanzielle Abhängigkeit der Frau vom alleinverdienenden Ehemann; auch steuerrechtliche Regelungen (Ehegattensplitting) gab es nicht. Zum anderen waren Scheidungen weniger kompliziert und teuer und führten weder zu Ehegattenunterhalt noch zu gegenseitigen Rentenansprüchen. Geschiedene Frauen mit Kind(ern) gerieten nicht an den Rand der Gesellschaft. Insofern leiteten die Frauen ihr Selbstverständnis und -bewusstsein von sich selbst und von ihren eigenen beruflichen Leistungen, nicht mehr vom beruflichen oder gesellschaftlichen Status der Ehemänner ab.

4. Der Arbeitsplatz mit Einbeziehung der Familien und staatlicher Sozialpolitik
In Schul-, Berufs- und auch akademischer Bildung (teilweise auch mit breiterem weiblichen Berufsspektrum) hatten sich traditionelle Geschlechtsunterschiede deutlich nivelliert, und die Frauen standen mehrheitlich über die Lebensspanne in kontinuierlicher Berufsarbeit (meist Vollerwerbsarbeit). Typisch für die DDR-Frauen waren nunmehr eine sehr langjährige Zugehörigkeit zum Betrieb (sowie der berufliche Aufstieg in ihm), dessen Transferleistungen sozialpolitischer Regelungen (wie staatliches Kindergeld, Haushalttag) sowie Kontakte zu den PartnerInnen / Kindern der Betriebsangehörigen (wie Betriebskindergärten, Kinderferienlager, Vergabe von Urlaubsplätzen und gemeinsame Urlaube, Sportfeste). Auch dies förderte ein vertrauensvolles Miteinander zwischen den Geschlechtern und ihren PartnerInnen am Arbeitsplatz. Gegen möglichen Sexismus oder sexuelle Übergriffe standen jedoch nicht nur das Arbeitsklima, sondern – angesichts fehlender Sorge um den Arbeitsplatzverlust – auch Interventionsgremien wie die Frauenkommissionen und Gewerkschaftsgruppen.

5. Gleichberechtigung mit den Männern, nicht gegen sie
Typisch für die allermeisten DDR-Frauen war die Vorstellung, Gleichberechtigung mit den Männern (vor allem in Beruf und Familie) zu erreichen, nicht gegen sie. Das mag auch ihre Distanz (teilweise bis heute) zum westdeutschen Feminismus erklären, den sie als männerfeindlich wahrgenommen haben. Und die ausgeprägte Männerfeindlichkeit der gegenwärtigen Sexismus-Debatte scheint auch heute noch die ostdeutschen Frauen eher zu befremden.

Resümierend: Mittlerweile ist ein Gleichstellungsvorsprung der ostdeutschen Frauen zum Zeitpunkt der deutschen Vereinigung unstrittig (z. B. hinsichtlich Bildungsstand, Ausmaß der Erwerbsarbeit und deren synchroner Vereinbarung mit Familie / Kindern, selbstbestimmten Schwangerschaftsabbruchs, finanzieller Unabhängigkeit). Er schloss eine tendenzielle Nivellierung hierarchischer Geschlechterbeziehungen im Alltag der Erwerbsarbeit und Partnerschaften ein.

So wichtig und richtig es ist, mit der Sexismus-Debatte Kritik zu üben an den noch vorherrschenden patriarchalen Gesellschaften in der Welt und insbesondere an sexueller Gewalt gegen Frauen – so destruktiv, kontraproduktiv und gefährlich wird es, wenn sie als ungeeignetes Phänomen geschichtsklitternd zur Denunzierung der DDR instrumentalisiert wird. Darüber hinaus ist es schlicht falsch, Sexismus (vgl. Rassismus) auf sexuelle Übergriffe und dabei auf Männer als Täter zu reduzieren, sowie ein verkrampftes bis gestörtes Verhältnis zwischen Frauen und Männern zu generieren.

Dr. Uta Schlegel, Jahrgang 1943, war Abteilungsleiterin am Zentralinstitut für Jugendforschung in Leipzig, mitverantwortlich für die erste „Frauenstudie“ 1975 und promovierte 1982 zu Geschlechtsunterschieden und Gleichstellungsprozessen im Jugendalter. Nach 1990 beschäftigt sie sich in der Forschung mit Veränderungen weiblicher Normalbiografien und Lebenszusammenhänge in den neuen Bundesländern (KSPW) und Frauenförderprogrammen an Hochschulen (Martin-Luther-Universität).

per Email an U. Schlegel, Absenderin Jahrgang 1964, Mutter Jahrgang 1935, beide Leipzig Du kennst ja meine „Distanz“ zur DDR und die meiner Eltern. Aber: … fürchterlich mit diesen Behauptungen, was „sexuelle Übergriffe“ in der DDR betrifft. Das basiert doch bestimmt auf dieser unsäglichen Sexismus-Debatte, die momentan am Laufen ist, und was ich mittlerweile wirklich zum Kotzen finde. Nach gefühlten zig Jahren kommen Tausende von Frauen aus ihren Löchern gekrochen und behaupten, sie seien anno dunnemals mal unsittlich angefasst oder belästigt worden. Warum so spät und nicht schon damals? Glaube kaum, dass so ziemlich alle Angst vor Konsequenzen hatten. Und von wem haben die eigentlich die Zahlen her, von wegen 22 % der DDR-Frauen seien vergewaltigt und 72 % sexuell belästigt worden? Habe mich mit Mutti darüber unterhalten. Wir konnten beide nur darüber lachen. Ich hab jahrelang in einer Klinik gearbeitet, die zum großen Teil männlich besetzt war. Kann mich über gar nix beschweren, weder über Personal noch Patienten. Und Mutti meinte auch, dass es natürlich auf Weihnachts- oder Betriebsfeiern mitunter ein bisschen locker zuging. Ist ja überall so. Aber auch sie (die jahrelang mit meist männlichen Kollegen zusammen gearbeitet hat), weiß darüber nix zu berichten. Eine Kollegin von ihr hat sich zwar durch alle Betten geschlafen, aber das war „beiderseitiges Einvernehmen“. Boah, ich könnte mich aufregen! Als Mann weiß man ja jetzt gar nicht mehr, wie man eine Frau nett anreden oder auch flirten darf. Ich stand vor Jahren mal an einer Bushaltestelle in Erlangen. Da kam ein älterer Mann vorbei und sagte: „Wissen Sie eigentlich, dass Sie einen schönen Mund haben?“ und ging weiter. Ist das jetzt auch schon sexuelle Anmache? Oder wenn Bauarbeiter pfeifen, wenn Du vorbeigehst?