Mit Marx den Aufstieg von Trump und Co. verstehen

Dr. Volker Külow empfiehlt einen aktuellen Sammelband über „Die neuen Bonapartisten“

Die 1852 erstmals veröffentlichte Schrift „Der 18. Brumaire des Louis Bonaparte“ nimmt in Marx’ Schaffen eine Schlüsselstellung ein. Aus heutiger Perspektive liefert der Autor nicht nur eine brillante Darstellung und Interpretation der Ereignisse in Frankreich seit der Februarrevolution 1848, die schließlich zum Staatstreich durch den Neffen Napoleons am 2. Dezember 1851 führten. Die Bedeutung der „genialen Arbeit“ (Friedrich Engels 1885) für die politische Theorie des Marxismus besteht darin, dass Marx auf der einen Seite die Determinierung der politischen Entscheidungen durch die objektiven Bedingungen – die antagonistischen Produktions- und Klassenverhältnisse – immer wieder hervorhebt, auf der anderen Seite aber eine Betrachtung aufgibt, die von einer Entsprechung der verschiedenen Ebenen – Ökonomie, Klassenverhältnisse, Politik im Sinne einer strengen Determinierung ausgeht.

Das weltweite Erstarken rechter und nationalistischer Kräfte und Parteien lässt im vorliegenden Sammelband die beiden Herausgeber sowie 13 weitere Autorinnen und Autoren (darunter Frank Deppe, Horst Kahrs, Ingar Solty, Rudolf Walther und Gerd Wiegel) anhand der jüngsten Entwicklungen in zahlreichen Ländern (u.a. BRD, Italien, Österreich, Polen, Russland und USA) danach fragen, inwieweit Marx’ Bonapartismustheorie für die Erklärung der Gegenwart taugt. „Fragmentierung der Klassen, Pattsituation in den gesellschaftlichen Kräfteverhältnissen, Verzicht des Bürgertums auf politische Herrschaft (und zur Not auch auf demokratische Errungenschaften) zugunsten ökonomischer Macht, Verselbständigung der Exekutive, vermittelte Herrschaft des Pöbels“, werden hier die zentralen Strichworte von Marx’ „vorbildlicher Analyse der plebiszitären Diktatur“ (Herbert Marcuse) aufgelistet.

Das Herangehen ist nicht unumstritten, wie zuletzt Dieter Boris unter der Überschrift „Grobe Allerweltsformel“ in der jungen Welt vom 19. März 2018 ziemlich heftig monierte. Ungeachtet dieser Kritik überzeugt der Ansatz grundsätzlich, denn fast alle Beiträge entgehen der Gefahr, Marx’ Herangehen als Schablone zu missbrauchen. Insbesondere das instruktive Nachwort von Frank Deppe bringt den theoretischen Gebrauchswert vom „18. Brumaire“ für die Betrachtung der Gegenwart auf den Begriff: „Die Tendenz zum autoritären Kapitalismus im frühen 21. Jahrhundert bringt vielfältige Erscheinungen der Entdemokratisierung hervor, die auch als ‚Bonapartismus’ bezeichnet werden können. Aufgrund der gewaltigen Unterschiede zwischen dem Entwicklungsniveau der kapitalistischen Produktionsweise um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Frankreich und dem globalen Finanzmarktkapitalismus der Gegenwart sollte jedoch mit der quasi metahistorischen Verallgemeinerung Marxscher Erkenntnisse über den Zusammenhang von Demokratie und Kapitalismus sowie über die Hegemoniefähigkeit der Bourgeoisie im politischen Feld einer demokratischen Verfassung sehr vorsichtig umgegangen werden.“

Natürlich enthebt die Bonpartismustheorie die heutige Linke nicht, „den eigenen Kopf wirklich anzustrengen“ (Dieter Boris). Was man von Marx aber allemal lernen kann, ist ein Politikverständnis, das weniger auf parlamentarische Konstellationen und Mitregieren schielt, sondern sowohl auf einer genauen, Widersprüche und Veränderungen mitdenkenden Analyse der realen Klassenkräfte und -verhältnisse als auch der Einbeziehung von Sitten, Gebräuchen und Denkstrukturen verschiedener Milieus und Volksklassen basiert: „Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden.“

Martin Beck/Ingo Stützle (Hrsg.): Die neuen Bonapartisten. Mit Marx den Aufstieg von Trump & Co. verstehen. Karl Dietz Verlag Berlin 2018, 270 Seiten, 18 Euro