Menschen aus anderen Ländern verstehen …

In memoriam Erhard Hexelschneider (1934 – 2018)
Von Manfred Neuhaus

Der in Greifswald und Leningrad ausgebildete Slawist hatte nach einem Intermezzo als Fachübersetzer in den Leuna-Werken mehr als drei Jahrzehnte an der Leipziger Karl-Marx-Universität gelehrt, geforscht und seit 1980 das Herder-Institut geleitet. Unter seinem Direktorat gewann die berühmte Vorstudieneinrichtung für ausländische Studierende an wissenschaftlichem Profil und internationaler Reputation. Menschen aus anderen Ländern zu verstehen, mit ihnen und in Eintracht zu leben, war für Erhard Hexelschneider das erste Gebot. Als das Herder-Institut im Dezember 1989 mit rechtsextremistischer Randale konfrontiert und eine äthiopische Studentin bedroht wurde, forderte er eine Gegenoffensive aktiver Ausländerfreundlichkeit.

Hexelschneiders akademische Karriere wurde durch einen dubiosen Verwaltungsakt abrupt beendet. Die in den Annalen der Leipziger Universität präzedenzlosen Kündigungen erfuhren viele Wissenschaftler nicht nur als Abbruch der akademischen Laufbahn, sondern oft gleichermaßen als jähes Ende ihres Forscherlebens. Im Unterschied zu Kollegen, die in Resignation verstummten, fand unser Freund den Mut, die Willenskraft und die schöpferische Energie für einen neuen Anfang, und so kann heute ein opulentes wissenschaftliches Œuvre bewundert werden: Summa summarum 714 Veröffentlichungen, von denen fast die Hälfte nach dem Epochenwandel entstanden ist. Im Fokus stehen die deutsch-slawischen Kulturbeziehungen, für Hexelschneider stets ein gegenseitiges Geben und Nehmen – Lew Kopelew hat dafür den Topos der „West-östlichen Spiegelungen“ geprägt. Ihnen hat unser Leipziger Slawist sein Opus magnum, eine enzyklopädische Darstellung der „Kulturellen Begegnungen zwischen Sachsen und Russland 1790–1849“ gewidmet.

Er mochte Ironie und hatte viel Sinn für Zwischentöne. Ungeahnten Lektüregenuss bereiten seine im Titel an Dostojewski gemahnenden Impressionen russischer Künstler über Dresden: „Ein Schatz in der Tabaksdose“.

Auf der Suche nach Spuren von Marina und Anastassija Zwetajewa fand Erhard Hexelschneider im Archiv der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden den in Briefen geronnenen Gedankenaustausch zwischen Iwan Zwetajew, Vater der berühmten Autorinnen und Gründer des heutigen Moskauer Puschkin-Museums, und Georg Treu, Direktor der Skulpturensammlung im Dresdner Albertinum. Hexelschneiders Prachtband „In Moskau ein kleines Albertinum bauen“ bezeugt, dass das Albertinum für das heutige Puschkin-Museum in Moskau tatsächlich Pate stand.

In den letzten Lebensjahrzehnten war die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen die intellektuelle Heimstatt von Erhard Hexelschneider. Seine Essays über Rosa Luxemburgs Beziehung zu Leipzig, Kunst und Literatur gehören zum wissenschaftlichen Tafelsilber der Linken. Nun sind Stimme und Feder für immer verstummt.