Krieg und Frieden

Jour fixe erkundete die wechselvolle Umbruchszeit 1918 bis 1923. Von Wulf Skaun

Krieg und Frieden. Landnahme und Vertragspoker. Aufstieg und Untergang. Im Ringen um die territoriale Neuordnung in Mittel- und Osteuropa am langen Ende des Ersten Weltkriegs 1918 bricht das alte Europa zusammen. Drei Vielvölkerreiche verschwinden von der Landkarte. Neue Staaten betreten im Gefolge militärischer und revolutionär-sozialer Kämpfe, im Geiste von Nationalismus und ethnischem Chauvinismus für kürzere oder längere Frist die Bühne des Kontinents. Epochenbruch mit Umverteilung von Macht, Territorium und Einflusssphären.

Eine vergessene „Zwischenkriegszeit“ hat der Politiktheoretiker Herfried Münkler in einem FAZ-Beitrag im Juli 2017 diese von Widersprüchen zerrissene, rasant-kurzatmige Geschichtsperiode genannt, deren Folgen noch heute zu spüren sind. Sie deshalb genau zu erfassen und zu analysieren, um ein tieferes Verständnis für die aktuellen geopolitischen Veränderungen in Europa nach dem erneuten Epochenbruch zu gewinnen, war die Intention der Gastgeber Manfred Neuhaus und Klaus Kinner für den 31. unkonventionellen Gesprächskreis Jour fixe im Februar.

Im prallvollen Leipziger Haus der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen lässt es Harald Koth förmlich krachen: Mit einer gewaltigen Ladung an Daten und Fakten und anhand historischer Landkarten zeichnet der einheimische Historiker die bewegten Jahre von Brest-Litowsk 1918 bis Lausanne 1923 beinahe protokollarisch genau nach. Seine dichte, hier aus Platzgründen nur summarisch zu reflektierende Dokumentation macht staunen, was sich in Tagen, Wochen und Monaten zwischen Völkern und ihren Potentaten abspielte, wie sich auf- und untergehende Mächte heftige Schlachten auf Kriegsfeld und Verhandlungsparkett lieferten, wie Zweckbündnisse und freiwillige Rückzugsgefechte um des Überlebens willen bizarre Geschichtskapitel schrieben. Am Ende seines chronologischen Vortrags hat Koth ein exorbitant dynamisches Jahrfünft beschrieben, dessen sieben Kriege und sieben Friedensverträge zwischen Brest-Litowsk und Lausanne ein geo- und machtpolitisch gewandeltes Europa hervorgebracht hatten.

Eine faktengestützte Argumentation der behaupteten Folgen für die Gegenwart bleibt leider aus. Mit dem Verzicht auf diskursorientierte Fragen oder Thesen und dem ausgebliebenen Versuch, die vorgetragenen Tatsachen historischen Geschehens beziehungsreich mit aktuellen Quasi-Entwicklungen und ihren Implikationen für linkes Denken zu verbinden, fehlt auch eine Grundidee für eine erkenntnisgewinnende kollektive Debatte. Eine Idee im Sinne jener Erkenntnis Richard von Weizsäckers, dass sich Geschichte nicht wiederhole, sehr wohl aber ihre Lehren. Münklers These von der „Zwischenkriegszeit“ hätte diese Diskursidee sein können: Dass sie eine „Ordnung ohne Hüter“ gewesen sei, in der Politik der Stärke auch territoriale Begierden gewaltsam befriedigen konnte, weil Nichtbetroffene tatenlos wegschauten. Genau so präsentiere sich abermals die gegenwärtige Situation Europas. Aus ihr die richtigen Lehren zu ziehen, erfordere, die Konstellationen der „Zwischenkriegszeit“ modelltheoretisch mit den heutigen Zuständen zu vergleichen. Jene vergangene Zeit sei jedoch zu wenig geläufig, „um von Politikern und ihrer Entourage“ ins Kalkül gezogen zu werden, so Münkler.

Die Jour-fixe-Runde macht da keine Ausnahme. Eine lebhafte Diskussion entzündet sich aber doch. So zu den Ursachen territorialer Auseinandersetzungen, die neben ökonomischen und machtpolitischen Ansprüchen auch ethnisch-kulturell bestimmt seien (Monika Runge, Peter Porsch). Beleuchtet wird die Funktion von Mythos und Pathos, derer sich die Herrschenden zur Begründung territorialer Rechtmäßigkeit bedienen (Gerhard Hoffmann). Auch die außenpolitische Doktrin des US-amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson von 1918 über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen, Wilsons in diesem Sinne übermittelte Grußadresse an den Sowjetkongress und die Ablehnung seiner Prinzipien durch imperialen Zeitgeist kommen zur Sprache (Roland Wötzel, Günter Hempel). Die Debatte kulminiert schließlich im Ringen um eine Positionsbestimmung zum Krim-Konflikt, die das Abendthema per se provoziert hat. Wie sich die offizielle Linke uneins zeigt, ob Russlands „Heimholung“ der Halbinsel als völkerrechtswidriger Akt ohne Wenn und Aber gegenüber der Ukraine zu bewerten sei, gelangt auch die Gesprächsrunde zu keiner klaren Aussage. Roland Wötzels juristische Argumentation gibt immerhin zu bedenken, das komplizierte, nicht bis ins Letzte ausformulierte Völkerrecht böte Deutungsspielraum, Annexionsvorwürfe gegenüber Moskau, wie sie auch in linken Kreisen erhoben würden, nicht voreilig zu sanktionieren. Das solle aber keineswegs als Persilschein für Putins Machtpolitik missverstanden werden. Monika Runge, die den Abend souverän moderiert hat, nimmt diesen Gedanken in ihr Schlusswort auf: Wenn, wie im Falle der Krim geschehen, die Nachkriegsordnung in Frage gestellt oder einseitig verändert werde, wachse die Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung: „Ein Krieg im Nuklearzeitalter aber gefährdet die Welt, in der wir leben.“