Ein seltener Einblick!

Von Jens-Paul Wollenberg

Am 2. Februar 2018 fand in dem im Leipziger Stadtbezirk Connewitz gelegenen „Werk 2“ eine bemerkenswerte musikalische Veranstaltung statt. Sie widmete sich dem Genre Liedermacher und Chanson. Das mehr als dreistündige Konzert unter dem Titel „Leipziger Liederszene der 80er Jahre“, das anlässlich des Erscheinens der DVD gleichen Namens vom Label-Chef des Musikverlages „Löwenzahn“, Ulrich Doberenz, und den Initiatoren des Projekts Dieter Kalka und Hubertus Schmidt organisiert wurde, war unerwartet gut besucht und ausverkauft. Das zeigt, dass das Interesse an der Liedermacherei immer noch groß ist.

Die Idee für ein DVD-Projekt hatten die beiden Liedermacher Kalka und Schmidt, deren Kompetenz der Sache dienlich schien. Sie bekamen den achtenswerten Hinweis, dass im sächsischen Staatsarchiv viel VHS-Material lagere. Es war ab der Mitte der 1980er Jahre vom damaligen Direktor des Leipziger Kulturkabinetts, Stefan Göök, aufgezeichnet worden. Zu DDR-Zeiten bestand freilich kaum die Möglichkeit, Videogeräte und Zubehör zu erwerben, schon angesichts des Kaufpreises. Ausnahmen bestätigten jedoch die Regel, und so gelang es, auf verschlungenen Wegen dem Bezirkskabinett für Kultur in Leipzig eine Videokamera nebst zugehöriger Ausstattung zu beschaffen. Die Aufnahmen dienten hauptsächlich den Protagonisten aus dem sogenannten Kleinkunstbereich zur Selbstkontrolle, in den Bereichen Chanson, Liedermacher, Kabarett, Off-Theater oder Ballett. So dokumentierte Stefan Göök unzählige Auftritte in den Clubs und Kleinkunstbühnen der Messe-Metropole und gewährt heute einen seltenen Einblick in die Liedermacherszene jener Jahre.

Dass den größtenteils widerborstig erscheinenden Liederleuten, die den staatlichen Kulturbehörden höchst suspekt erschienen, solche Podien geboten wurden, war mitunter dem Stadtkabinett für Kulturarbeit zu verdanken. Dessen Leiter war, wie erwähnt, Stefan Göök. Doch vor allem der Lyriker Odwin Quast, der geniale Organisator, verstand es geschickt, als Leiter des „Arbeitskreises Chanson“ passende Auftrittsorte zu finden, auf deren Bühnen er seine „Schützlinge“ singen lassen konnte, ohne dass es zu Unannehmlichkeiten in Folge staatlicher Willkür gekommen wäre. So kreierte Quast mehrere Veranstaltungsreihen, die er persönlich moderierte, wie das „Lieder-Café“ im Haus der Volkskunst (heute Sitz des legendären Theaters der jungen Welt), das „Chanson-Café“ im historischen Café Günther (heute Café Grundmann), das „Tele-Phon“ im Eiskeller (heute Conne Island) oder die „Chansonspirale“ im Haus Leipzig und an diversen anderen Spielstätten in der Stadt.

Als Leiter des „Talente-Studios“ förderte er Nachwuchskünstler aus der Region, die das teilweise als Sprungbrett für eine spätere professionelle Karriere nutzten. Ein umfangreiches Interview mit Quast ist auf der DVD enthalten – es zieht sich bruchstückhaft wie ein roter Faden durch die Dokumentation, die an die dreißig Protagonisten vorstellt. Dabei ist hervorzuheben, dass es damals Schätzungen zufolge mehr als hundert vorwiegend junge Liedermacher gab, alle aus Leipzig!

Ein fester Kern der Aktivisten hat sich bis in die Gegenwart erhalten und bespielt weiter die Kleinkunstbühnen, so zum Beispiel das „Duo Sonnenschein“, bestehend aus Jürgen B. Wolff, ehemals charismatischer Sänger der „Folkländer“, und Dieter Beckert von „Karls Enkel“, dessen hochkarätiges Repertoire auf tiefschwarzem Humor beruht. Das Duo kreierte den Begriff „Brachial-Romantik“. Ines Agnes Krautwurst und Stephan König, die sich des Chansons in klassischer, teilweise jazziger Form bedienen, Susanne Grütz und Hubertus Schmidt huldigen klassischen Chansons tiefgründiger Art mit robustem Piano-Arrangement. Clemens-Peter Wachenschwanz, der brillierende singende Kabarettist mit sonorer Bluesröhre; der Ex-Frontmann der legendären Folkgruppe „Wacholder“ Jörg „Ko“ Kokott; Dieter Kalka, sensibler Liedermacher mit teils rebellischem Charakter; José Perez, der aus Chile stammende Interpret mit herzzerreißender Stimme; das virtuose Klang-Quartett „Pojechaly“; und, nicht zu vergessen, der Dichter Andreas Reimann, der maßgeblich als kongenialer Texter für etliche Lied- und Chansoninterpreten galt und gilt, die seine zum Teil sehr spitzzüngige, satirische Lyrik schätzten – sie alle werden gewürdigt.

Musikalische Mentoren, die junge Talente förderten, kamen aus dem Jazzbereich oder der Unterhaltungsmusikbranche einstzunehmender Art. Einen wichtigen Beitrag im Arbeitskreis Chanson leistete der Schauspieler, Dichter, Übersetzer und Liedermacher Werner Bernreuther, der als Dozent für Liedinterpretation an der Leipziger Musikhochschule tätig war. Mit pädagogischem Feingefühl vermittelte er wichtige Ratschläge zu Bühnenpräsenz, Stimmbildung, Interpretation und Textdichtung, ohne mit angemessener Kritik zu sparen.

Der am 6. Dezember 1941 in Sonneberg geborene Bernreuther, der zwischen 1965 und 1969 ein Schauspielstudium an der Theaterhochschule Leipzig absolvierte, sammelte zwischen 1971 und 1979 Erfahrungen an verschiedenen Theatern der Republik. Die konnte er, auch als einer der wichtigsten Songpoeten seiner Zeit, als Mentor zahlreicher Junginterpreten weitergeben. Das verhalf etlichen davon zu DDR-weiter Bekanntheit, Stephan Krawczyk sei hier erwähnt, auch Dieter Kalka. Bernreuther selbst war Preisträger bei den Chansontagen in Frankfurt an der Oder und leitete von 1986 bis 1987 einen Liedermacherlehrgang beim Komitee für Unterhaltungskunst Leipzig. Nach der Wende zog er nach Berlin, wo er als Übersetzer arbeitete – unter anderem an Texten von Bulat Okudschawa und Wladimir Wyssozki.

Auch Bernreuther ist in diesem von Jürgen B. Wolff sehr aufwändig und liebevoll gestalteten Werk, das eine sechzigseitige Broschüre beinhaltet und gespickt ist mit zeitdokumentarischem Material, seltenen Fotos, Biografien, Zeitungsannoncen, Plakaten und Interviewschnipseln, zu sehen und zu hören. Eine CD mit zwanzig hochwertigen Studioaufnahmen ergänzt die DVD auf interessante Weise.

Den Machern dieses Projekts ist ein imposantes Projekt gelungen, das eine Liedermachergeneration vorstellt, die sich staatlich verordneten kulturpolitischen Leitzielen verweigerte und dennoch Förderung genießen konnte. In diesem Widerspruch bildete sich eine Nische kulturell eigenwilliger Freizügigkeit.

Die DVD-CD-Edition „Leipziger Liederszene der 80er Jahre“ erschien 2018 bei „Loewenzahn/RUM Records“.

www.loewenzahn-verlag.com