Das Leninsche Erbe auf das Bleibende prüfen

Von Prof. Dr. Kurt Schneider

Stefan Bollinger, Autor von „Oktoberrevolution. Aufstand gegen den Krieg“, hat nahezu zeitgleich in der Reihe „Basiswissen“, verlegt vom PapyRossa Verlag, den Titel „Lenin. Theoretiker, Stratege, marxistischer Realpolitiker“ veröffentlicht. Er beginnt mit der Situationsbeschreibung: „Seine Denkmäler in der ehemaligen Sowjetunion, in der alten DDR, in Osteuropa sind fast alle geschleift. Hundert Jahre nach der Oktoberrevolution wird er gerne als deren unglückseliger Führer missachtet.“ Selbst den Führern in Moskau heute passten Lenin und seine Revolution nicht in ihr Geschichtsbild. „Sie wollen an das starke Russländische Imperium anknüpfen“, schreibt Bollinger, „so dass der gestürzte Zar wie der Wiederhersteller der Großmacht Sowjetunion, Stalin, weit besser davonkommen als der radikale Zerstörer Lenin.“ Eine geradeso des sozialen Anspruchs beraubte Sicht auf Lenin (und Trotzki) entfalten heute, wie beispielhaft belegt wird, Neokonservative in den USA.

Die Zeiten, da Linke ihren theoretischen, strategischen, politischen Kopf unbefangen lobten, sind lange vorbei. Zahlreiche Linke, gerade der postkommunistischen Parteien, tun sich heute schwer mit Lenin, was Bollinger grotesk findet, „denn alle Reform- und Erneuerungsbewegungen hatten sich bis in die Zeiten der ‚Wende’ 1989/91 mit ihren antistalinistischen Reformversuchen in Osteuropa, die kläglich von der Konterrevolution vereinnahmt wurden, Lenins als Galionsfigur versichert“, darunter auch M. S. Gorbatschow, der sich noch 1987 als treuer Kommunist und Leninist gab. Ebenso hatten auch die Reformer, die sich eher nach sozialdemokratischen Entwicklungswegen sehnten, „mit dem politischen, macht- und sozialismusorientierten kämpferischen Lenin kaum noch etwas gemein. Er diente nur noch als Feigenblatt für einen Weg generell weg vom Sozialismus.“ Das alles in Betracht ziehend, schlussfolgert Bollinger, wird heutige Beschäftigung mit Lenin mit dem „Zwiespalt zwischen historischen Leistungen, Fehlentwicklungen, Irrtümern, zwischen Bewahrenswertem und unter sozialistischen und demokratischen Gesichtspunkten zu Verwerfendem zurechtkommen müssen“.

Folgerichtig wird auf die Kernfrage, die Leninsche Staatsauffassung, eingegangen, die mit dem Rückgriff auf das „Kommunistische Manifest“ bereits den Kern seines Verständnisses einer sozialistischen Gesellschaft zum Ausdruck brachte. Lenin wandte sich hierbei nicht nur gegen das Staatsverständnis der Herrschenden, „sondern gleichzeitig gegen die Leerstellen in der marxistischen Diskussion seiner Zeit“. Das betraf vor allem die umstrittene „Diktatur des Proletariats“, von Marx und Engels inhaltlich noch nicht systematisch ausgearbeitet, die von Lenin zur Zentralkategorie seines Macht- und Revolutionsverständnisses wurde. Die hierzu von Bollinger vorgebrachten analytischen Überlegungen regen an, sich einmal mehr mit der diesbezüglichen Gedankenwelt Lenins zu beschäftigen. Zum vierten Jahrestag der Oktoberrevolution hatte er in Anbetracht der Schwierigkeiten einer auf sich allein gestellten Revolution mit dem Blick auf die von der internationalen Arbeiterklasse zu gestaltende Zukunft erklärt: „Dieser erste Sieg ist noch nicht der endgültige Sieg und unsere Oktoberrevolution hat ihn nur unter beispiellosen Mühsalen und Schwierigkeiten, unter unerhörten Qualen, begleitet von größten Misserfolgen und Fehlern unserseits davongetragen … Wir fürchten uns nicht, unsere Fehler zuzugeben, und wir werden sie nüchtern beurteilen, damit wir lernen, sie zu korrigieren.“ Dieser Sicht fügte er hinzu: „Wir haben dieses Werk begonnen. Wann, in welcher Frist, die Proletarier welcher Nation dieses Werk zu Ende führen werden, das ist unwesentlich. Wesentlich ist, dass das Eis gebrochen, dass die Bahn frei gemacht, dass der Weg gewiesen ist.“

Unter seinen Nachfolgern ging diese erstmalige historische Chance verloren. Damit steht heute die internationale Linke vor der Aufgabe, das ihr hinterlassende reichhaltige Erbe Lenins unter den veränderten weltweiten Bedingungen auf das nach wie vor substantiell Bleibende zu prüfen. Zu den marxistischen Historikern, die sich sachkundig darum bemühen, gehört Stefan Bollinger.

Stefan Bollinger: Lenin. Theoretiker – Stratege – marxistischer Realpolitiker. PapyRossa Verlag 2017. 147 Seiten, 9,90 Euro. ISBN 978-3-89438-656-6