Brennpunkt Seidenstraße

Jour fixe diskutiert aktuellen Mythos und orienthistorische Realitäten. Von Wulf Skaun

Xi Jinping hat einen Traum. Als nunmehriger Präsident von eigenen Gnaden hat Pekings mächtigster Mann noch bessere Karten, seine Vision von der „großen Wiederauferstehung der chinesischen Nation“ wahrzumachen. Ein Weg dorthin heißt „Neue Seidenstraße“. Als „Jahrhundertprojekt“ geplant, möchte Xi entlang der Routen vorneuzeitlicher „Seidenstraßen“ zu Lande und zu Wasser zwischen Zentralasien, Afrika und Europa neue, moderne Handelskorridore aufbauen. Bei dem 2013 eingeleiteten Vorhaben geht es hauptsächlich um Infrastrukturbauten wie Häfen, Straßen und Bahnstrecken. Wird diese Strategie, für die Xi intensiv um Partner wirbt, zum zentralen Bezugspunkt einer „neuen Geschichte der Welt“, wie sie der in Oxford lehrende Historiker Peter Frankopan in seinem Buch „The Silk Roads“ geradezu heraufbeschwört? Bricht das chinesische Zeitalter an?

Diesem aktuellen Mythos spürt der ausgewiesene Mediävist und Arabist Gerhard Hoffmann nach. In der März-Runde des 32. unkonventionellen Gesprächskreises Jour fixe an der Leipziger RLS Sachsen verbindet er die neue spekulative Interpretation mit historischen Bezügen auf die alten Seidenstraßen bis zur Neuzeit. „Hoffmanns Erzählungen“ bieten dem wieder zuhauf versammelten Publikum eine Mischung von Exotik und Sachlichkeit. Namen orientalischer Perlen an der jahrhundertealten Seidenstraße wie Buchara und Samarkand wecken bunte Emotionen gleich den Märchen aus 1001 Nacht. Beschreibungen der Routen auf den vielfach vernetzten, geostrategisch immer höchst bedeutsamen Seidenstraßen, der auf ihnen tätigen Händler und der von ihnen transportierten Güter, aber auch Kulturen, Religionen, Techniken und Erfindungen vermitteln erstaunliche Einblicke in eine ferne Welt, eingeordnet in erklärende Zusammenhänge zeitgenössischer Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Gerhard Hoffmanns facettenreiche Zeitreise bis in die Anfänge der Karawanenwege lange vor unserer Zeitrechnung und zurück ins Heute entlockt Altrektor Horst Hennig höchste Lobestöne, eine „welthistorische Lehrfahrt“ erlebt zu haben, derweil das Auditorium spontan applaudiert. Da hat der Referent schon diskurstüchtige Problemfragen aufgeworfen, die den Bogen von alten zu neuen Seidenstraßen schlagen. An einer entzündet sich die Debatte besonders: Führt die Seidenstraße als „Herz der Welt“, wie es Frankopan prophezeit, auch zur Schwächung des „Eurozentrismus“, zu Europas Ablösung als phasenweise hoch entwicklungsdynamische Kraft der neuen Weltgeschichte?

Monika Runge sieht in der Veränderung der globalen wirtschaftlichen und politischen Kräfteverhältnisse zugunsten Chinas mehr Chancen als Nachteile für die Europäische Union, wenn diese in eigenem Interesse die Angebote des asiatischen Riesen zur Kooperation nutze. Besonders angeraten, da sich die amerikanische Führungsfunktion in der Welt, durch Trumps Abschottungspolitik noch beschleunigt, zurückbilde. Arnd Krause mag einer bipolaren Sicht Orientalismus versus Eurozentrismus nicht folgen. Die Neue Seidenstraße werde unvergleichlich größere Dimensionen als ihre historische Vorgängerin haben und sei ohne Einbeziehung Afrikas nicht denkbar. Aus dem Blick dürften auch der Nahe Osten und der eurasische Raum mit Russland nicht geraten. Europas Rolle im Seidenstraßen-Projekt bliebe also noch unklar. Adelheid Latchinian gibt zu bedenken, ob der Eurozentrismus unbesehen zu verteidigen sei. Die nationalen Egoismen in der EU gefährdeten das schöne Projekt Europa, ohne dass es fremde Mächte brauchte. Klaus Kinner fügt an, auch das politische System Europas sei, demokratietheoretisch betrachtet, nicht das Maß der Dinge.

Als in die Debatte geworfen wird, dass Gefahr von Chinas möglicher Absicht drohe, seine wachsende wirtschaftliche Stärke machtpolitisch zu instrumentalisieren, um Europa zu dominieren, stoßen widersprüchliche Argumente aufeinander. Mit dem Rückzug der USA als Schutzpatron sei Europa ins Fadenkreuz des Großreiches geraten, dessen Übermacht es auf Dauer nicht standhalten werde. So viel kritische Distanz verwundert Horst Hennig. Er verfolge die Entwicklung Chinas und die Neue Seidenstraße als spannendes Experiment. Mit diversen Fakten und Zahlen, insbesondere aus Direktvergleichen mit den USA, begründet Roland Wötzel, warum China in der heutigen Welt „entwicklungsdynamisch“ einsame Spitze sei. Diese Position habe Xi bewogen, nicht nur auf globalen Märkten mitzuspielen, sondern selbst solche aufzubauen. Die neue Seidenstraße diene diesem Konzept. Auch er sehe eher kooperative Beziehungen mit Europa, da sich die Wirtschaftsprofile Chinas und der EU ergänzten.

Nach 14 Wortmeldungen bläst Moderator Manfred Neuhaus zum Finale. Gerhard Hoffmann wertet zum Schluss Chinas Seidenstraßen-Initiative als ergebnisorientierte Strategie zweiseitiger Abkommen mit möglichst vielen Partnern, die multilaterale Abstimmungshürden mit ihren unvermeidlichen Zeitverzögerungen umgehe. Derzeit stoße sie in der EU und in den USA auf Gegner wie Befürworter. Brennpunkt Seidenstraße: Mythos oder Realität? Das gigantische Projekt bleibt spannend.