Alain Badiou an der TU Dresden

Von Ralf Richter

Gleich am Eingang fällt es einem Gast im Vortragssaal auf, Minuten bevor das Gespräch mit dem französischen Philosophen beginnt: „Sein so viel diskutiertes neues Buch ,Versuch, die Jugend zu verderben‘ fehlt auf dem Büchertisch!“, bemerkt der ältere, aus den alten Bundesländern stammende Herr zu seiner Frau missmutig – und zieht es liebevoll aus seiner Umhängetasche. Er hat recht, aber das Ganze hat wohl einen sehr einfachen Grund: Der Kapitalismus macht auch vor der Präsentation der Bücher eines verdienten glühenden Kommunisten nicht halt.

Veranstalter dieses „Passagen-Gespräches“ ist auf Einladung des Dresdner Literaturforum e.V. der in Wien ansässige Passagen-Verlag, der an diesem Mittwoch das erste Mal nach Dresden kommt. Neben Alain Badiou sitzt später auf dem Podium außer dem Übersetzer der Philosoph und Verlagsgründer Peter Engelmann. Alle Bücher auf dem Tisch des Buchhändlers aus der alternativen Dresdner Neustadt sind von ihm und gewiss hat er den Händler gebeten, ausgerechnet seinen Bestseller, der beim konkurrierenden Suhrkamp-Verlag erschienen ist, nicht auf den Tisch zu legen.

Wenn man ein wenig bösartig wäre, könnte man aber sagen: Viel ist an diesem Abend an der Dresdner Jugend ohnehin nicht zu verderben – und das liegt nicht etwa daran, dass sie schon „hinreichend gut verdorben“ wäre, sondern eher daran, dass von der Jugend nicht viel zu sehen ist. Studenten sind im Veranstaltungssaal der Universitätsbibliothek des über 80jährigen Jugendfreundes Alain Badiou deutlich in der Minderheit. Sie besetzen eher schüchtern die hinteren Sitzreihen. Auch hierfür ist die Ursache leicht auszumachen: Zwar gibt die Philosophische Fakultät stolz bekannt, gemessen an der Zahl der Studierenden zu den größten Fakultäten der TU zu gehören, doch ist kein einziger Professor anwesend, niemand von der TU heißt den Gast mit den unbequemen Ansichten willkommen. Ein Kommunist als Gast der Philosophischen Fakultät? Das ist undenkbar bei der stark auf Theologie setzenden Einrichtung. Die anwesenden Studenten haben vielleicht zufällig die Informationen gelesen, aber gewiss hat sie kein Professor aufmerksam gemacht auf die lehrreiche Veranstaltung oder wäre gar mitgekommen, um den Gast willkommen zu heißen und selbst zu erleben. Wer am richtigen Ort das Falsche sagt, dem hört man einfach nicht zu. So ist das in Dresden!

Alain Badiou sagt dann in der Tat sehr viel Falsches – aus der Perspektive derer, die eine neoliberale Elite im konservativen Elbtal heranzüchten wollen und sollen. So äußert er: „Die Linke gibt es im Grunde nicht mehr – alle Probleme werden heute aus der Sicht der Privilegierten betrachtet.“ Darin herrsche Konsens über alle Parteigrenzen hinweg. Auch das Gerede von Europa sei genau besehen eine andere Art von Fremdenhass – Europa gegen den Rest der Welt, das könne es auch nicht sein. Alain Badiou fordert – nicht ohne dabei auf großes Erstaunen beim Publikum zu treffen –, in den Flüchtlingen und Migranten „nomadisierende Proletarier“ zu sehen. Wenn man diese Perspektive einnehme, fühle man sich besser, schiebt er nach und erinnert gleichzeitig daran, dass die meisten dieser Menschen in Indien und China anzutreffen sind. Doch auch in Europa werde deren Zahl unter den Einheimischen in den eigenen Ländern immer größer. Sie seien die Klasse, auf die er seine Hoffnung richtet und es sei wichtig, dass sich die Intellektuellen ihnen zuwenden und Bündnisse eingehen.

Das positive Schlusswort spricht am Ende Dresdens sozialster Unternehmer Jörg Polenz, der als Veranstalter des „Palaissommer“ seit Jahren kostenlose Kultur für alle in Dresden ermöglicht und im letzten Jahr bei seinem ersten Philosophiegespräch mit Richard David Precht und Christian Felber dreitausend überwiegend junge Menschen auf die Elbwiesen lockte. Er dankt als Pragmatiker Alain Badiou für seine Denkanstöße und regt die Anwesenden an, den Fokus auf Solidarische Ökonomie und Gemeinwohlökonomie auszurichten.