Was unsere Fleischeslust mit Tierseuchen zu tun hat

Von Kathrin Kagelmann

Hysterie bestimmt die gesellschaftlichen Debatten in der Gegenwart – warum sollte das Parlament davon verschont bleiben! Im Agrarbereich sind es momentan Tierseuchen, auf welche die Regierung mit Aktionismus antworten zu müssen meint. Erst im Frühsommer 2017 haben wir die Vogelgrippe überstanden und wir streiten noch immer um Ursachen und wirksame Instrumente der Bekämpfung. In der Landtagsanhörung zur Vogelgrippe wurde deutlich, dass die Festlegung von Bekämpfungs- und Schutzmaßnahmen, ohne die Übertragungswege genau zu kennen, häufig mehr Schaden anrichtet, als man zu verhindern suchte. Tausende private Geflügelzüchter wandten sich mit mehreren Petitionen hilfesuchend an den Landtag, um den großflächigen Vernichtungsfeldzug gegen gesunde Tierbestände und den Zwang zur tierschutzwidrigen Stallhaltung aufzubrechen. Der Druck wurde so groß, dass inzwischen auch die Staatsregierung zurückruderte und jetzt darauf drängt, die entsprechende Verordnung des Bundes zu entschärfen.

Während die neue Vogelgrippesaison bereits vor der Tür steht, rollt nun eine andere Seuche auf uns zu: Die Schweinepest, diesmal die gefährlichere Afrikanische Variante. Man könnte meinen, die Dichte von gefährlichen Tierseuchen nehme zu. Aber das ist ein Trugschluss. Wie die Vogelgrippe sind auch die klassische europäische und auch die afrikanische Schweinepest seit langem in Mitteleuropa nachweisbar. Tiere erkranken, lokale Bestände können auch mal zusammenbrechen, eine Gesamtpopulation von Wildschweinen – oder im Falle der Vogelgrippe eben von Wildvögeln – wird dadurch nach allen bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht gefährdet. Im Falle der Schweinepest besteht auch keine Gefahr für den Menschen, im Fall der Vogelgrippe bestand diese Gefahr zumindest theoretisch durch eine mögliche Mutation des Erregers. Dass die Jägerschaft die Schwarzwildausbreitung kaum mehr beherrscht, ist u.a. ein Ergebnis von heutiger Agrarwirtschaft mit ihrem großflächigen Mais- und Rapsanbau. Insofern ist der Ruf nach der Intensivierung der Jagd als erster politische Reflex zwar verständlich und für die Seuchenprophylaxe auch nicht falsch. Aber die Bedeutung der Jagd für die Population von Wildtieren ist überschaubar, weil die Wildtierdichte stärker durch das Nahrungsangebot und klimatische Bedingungen gesteuert wird. Große Mais- und Rapsschläge kombiniert mit milden Wintern sind also die wirklichen Wachstumsfaktoren, der Jäger schießt dieser Entwicklung nur immer hinterher.

Es ist nicht die Dichte von Seuchen, die zunimmt und gefährlich ist, sondern die Dichte von Tieren in großen industriellen Anlagen in Verbindung mit der Zunahme globaler Handelsströme. Damit wächst die wirtschaftliche Bedrohung für Tierhalter, die von Tierseuchen ausgehen, weil das Risiko der Weiterverbreitung exponentiell gestiegen ist. Das erklärt die hysterischen politischen Reaktionen, die von einflussreichen agrarischen Lobbygruppen regelmäßig getrieben werden – auch weil die Tötung und Vernichtung ganzer Bestände im anerkannten Tierseuchenfall überwiegend aus öffentlichen Mitteln (Tierseuchenkasse) bestritten werden und damit wesentlich preiswerter sind als umfangreiche betriebliche Schutz- oder veterinärmedizinische Maßnahmen.

Was es braucht, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, sind unbedingter politischer Umsteuerungswille und zwei Einsichten: Erstens die, dass wir zu viel Fleisch und tierische Produkte essen und damit Megaställe und Tierleid quasi rechtfertigen. Die zweite Einsicht besteht darin, dass wir von Europa aus nicht das Welternährungsproblem mit Exporten lösen müssen. Diese beiden Einsichten würden weniger industrielle Tierhaltungsanlagen nach sich ziehen und weniger Energiepflanzenanbau auf den Feldern, die Futter für diese Riesenanlagen (aber im Nebeneffekt eben auch für Wildtiere) produzieren.

Zudem bringt der „Export“ unserer ungesunden Fleischeslust in bevölkerungsreiche Entwicklungsländer den Planeten tatsächlich an seine Ressourcengrenzen, denn der Flächenverbrauch für Nutztiere ist hoch. Ganz zu schweigen vom großflächigen Einsatz von Düngern, Pestiziden und dem Wasserverbrauch. Der Ernährungsstil in den Industriestaaten produziert damit zusätzlich Hunger weltweit. Inzwischen gibt es dazu sogar Modellrechnungen. Deren Ergebnisse sind trotz Prognoseunsicherheiten ähnlich: Würden knapp zwei Milliarden Menschen der Weltregionen mit überdurchschnittlichem Konsum tierischer Proteine (USA, Kanada, EU) – gemessen an Empfehlungen der Welternährungsorganisation (FAO) von 50 g Protein/täglich – ihre Aufnahme der Empfehlung nur annähern, könnten Acker- und Weideland sowie Emissionen eingespart werden und die derzeitigen Flächen könnten selbst bei gleichbleibender Produktivität deutlich mehr Menschen ernähren. Das erscheint dringlich angesichts der Bedürfnisse einer wachsenden Weltbevölkerung. Aber was so logisch klingt, ist nichts weniger als eine Revolution in der industriellen Agrarwirtschaft. Angesichts des Beharrungsvermögens eingespielter wirtschaftlicher Systeme und der Abhängigkeit der Bauernschaft von Konzernstrukturen in Verarbeitung und Handel sollten aufgeklärte Verbraucherinnen und Verbraucher ihren Druck deutlich erhöhen.