Warum tunesische Jugendliche in Boote steigen

Von Ralf Richter

Es geschehen manchmal Dinge in Dresden auf engstem Raum, die man nicht für möglich halten sollte. Die Dresdner Neustadt ist ein alternatives Viertel, da passen die Rosa-Luxemburg-Stiftung und das Büro der Vorsitzenden der Linkspartei Katja Kipping hervorragend hin. Vor einigen Jahren hat sich keine 50 Meter entfernt eine „Kosmotique“ angesiedelt: Junge engagierte Menschen, die sich in einem gemeinnützigen Kosmotique e.V. zusammengeschlossen haben, stellen dort linken und linksalternativen Gruppen Räumlichkeiten für Veranstaltungen zur Verfügung. So nutzte im Februar der Sächsische Flüchtlingsrat den großen Veranstaltungsraum, um in einem halbstündigen Film mit anschließender Diskussion Erhellendes über die Fluchtgründe für Tunesier darzustellen. In der Vorankündigung hieß es: „Die Dokumentation Kannouta fragt junge Tunesier und ihre Angehörigen nach ihrer Lebensrealität und den Gründen für die lebensgefährliche Reise.“ Erstaunliches aber wurde dann am Ende deutlich: Die Film wurde vom Nordafrikabüro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Tunis unterstützt und gefördert. Doch in der Dresdner Rosa-Luxemburg-Stiftung wusste man es entweder nicht oder vergaß darauf hinzuweisen, dass in der Nachbarschaft ein „rls-Film“ läuft – im Ergebnis besuchten nur wenige Personen aus dem Umfeld des Flüchtlingsrates die Veranstaltung. Kaum 15 Personen sahen den Film, vorerst. Er könnte nicht nur den hunderten Mitgliedern der Dresdner Linken reichhaltigen Denkstoff zum Thema Migration vermitteln.

Warum? Weil er tatsächlich in seltener Offenheit die jungen Männer vor die Kamera holt, die man sonst in Filmberichten auf den Schlauchbooten sieht. Der Film braucht unbedingt mehr Zuschauer – und zwar zumindest überall dort, wo die Rosa-Luxemburg-Stiftung in Deutschland eine Heimstatt hat. In Gesprächen erfuhren die Filmmacher und Regisseure Zied ben Taleb und Margarete Twenhoeven – ersterer ist selbst Tunesier und hat die Aufnahmen in „seinem Viertel“ von Tunis gedreht, welches er gut kennt – was die jungen Tunesier, die sich mit „Fluchtgedanken“ tragen, so umtreibt. Es ist nicht so, dass sie alle Hunger leiden oder gar politisch verfolgt würden – sämtliche Interviewte geben sich vollkommen unpolitisch. Es ist die Langeweile, die fehlende Aussicht auf einen guten Job – Bedingungen also, scheinbar, wie in der sächsischen Provinz. Die Aussichtslosigkeit entlädt sich in steigendem Alkohol- und Drogenkonsum. Aus diesem Leben scheint es für junge Menschen zwei Auswege zu geben: Entweder man geht mit einem bärtigen Mann ins Nachbarland Libyen – und bekommt dort pro Monat einige tausend Euro als IS-Kämpfer („Für das Geld bringt man auch den eigenen Vater um“, sagt einer der Tunesier), oder man geht nach Europa wo es alles gibt, was man zu Hause vermisst: Den Respekt, den Job, eine eigene Wohnung, ein europäisches Mädchen. („Es ist alles besser in Frankreich – man muss nur France 2 schauen. In Tunesien kannst Du gar nichts machen.“) Die jungen Männer verletzen sich selbst, viele spielen mit Selbstmordgedanken, ihr Leben ist ihnen nichts wert. Wenn sie die 3.000 Euro für die Überfahrt von den Eltern bekommen haben – oder sich das Geld auf andere Weise beschaffen – gehen sie oft halb betrunken oder unter Drogen und bewaffnet an Bord. Eigentlich haben sie da mit dem Leben schon abgeschlossen und sind fest davon überzeugt, dass alles besser ist als in Tunesien zu leben – auch auf dem Wasser zu sterben. Aber natürlich setzen sie auf das „gute Leben in Europa“.

Klar wird in dem Film und im Gespräch mit den Filmmachern: Es geht bei den meisten Ankömmlingen aus Nordafrika um Flucht aus einer zweifellos tristen Realität, die aber nirgendwo anders als in den Ländern Nordafrikas selbst gelöst werden muss. Es geht darum, dass junge Männer – es sind wirklich fast ausschließlich junge Männer, die auf die Boote gehen – nicht wissen, wie sie sich in ihrer Heimatstadt sinnvoll beschäftigen können. Es fehlt ihnen an Orientierung. Frauen gehen kaum auf die Boote – obwohl sie in exakt der gleichen Lage sind, nur wissen sie offenbar eher ihrem Leben einen Sinn jenseits von Alkohol und Drogen zu geben als die jungen Männer. Sie arbeiten, schlagen sich durch. Die jungen Männer glauben an das Wunderland Europa und merken hier, dass die Welt nicht so ist wie sie es sich vorgestellt haben – und setzen oft wieder auf Alkohol und Drogen …

Nicht unproblematisch ist die Sicht des Flüchtlingsrates. Nicht nur, dass der Moderator Mark Gärtner einer eigenen Agenda zu folgen scheint – es wird auch deutlich, dass der Flüchtlingsrat sehr auf die „Seerettung“ fixiert ist. So verschließt man seine Augen vor dem Offensichtlichen: Dass es sich bei den Bootsmigranten auf Tunesien keinesfalls um Flucht, sondern um eine ganz klassische Migration handelt. Man will auch nicht wahr haben, dass die wirklichen Probleme nicht auf See, sondern an Land gelöst werden müssen. Auf dem Boden Tunesiens wie ganz Nordafrikas hätten Helfer-Organisationen aus Europa ein reichhaltiges Betätigungsfeld, um jungen tunesischen bzw. nordafrikanischen Männern Wege zu zeigen, wie man sinnvoll den Tag gestalten kann – aber damit produziert man natürlich keine so schönen Bilder und spektakulären Berichte wie bei einer Seenotrettung. Wenn aus dem Publikum heraus versucht wird, die Probleme der tunesischen Gesellschaft anzusprechen, spürt man das fehlende Interesse. Der Fokus deutscher selbsterklärter Flüchtlingshelfer ist offenbar starr auf die „Sicherung von Fluchtrouten“ ausgerichtet, anstatt die Migrationsgründe zu bekämpfen. Es interessiert die Flüchtlingshelfer auch wenig, dass die europäischen Mittelmeerländer, wohin die von ihnen geretteten Flüchtlinge kommen, sich nun allein gelassen fühlen. tattdessen beschimpft man die Behörden der Länder für die unmenschliche Unterbringung in Camps und die Konfiszierung von Helfer-Schiffen. Tatsächlich werden in Italien mit dem Thema Migration inzwischen ebenso, wenn nicht noch stärker, Wahlen beeinflusst als in Deutschland, Österreich, Frankreich und den Visegrad-Staaten. Somit werden die Aktionen der „deutschen Helfer“ beileibe nicht nur vom italienischen Innenministerium äußerst kritisch gesehen, sondern auch von großen Teilen der Bevölkerung in den europäischen Mittelmeerländern. Das Durchschnittsalter der Tunesier liegt mit etwa 30 Jahren etwa 15 Jahre unter dem der deutschen Bevölkerung, und das tatsächliche Problem besteht in einem weit stärkeren Bevölkerungsanteil von Personen unter 30 Jahren, die auf den Arbeitsmarkt drängen. Hinzu kommen ein schwacher Tourismus und die Tatsache, dass die zahlungskräftigen Libyer einst Jahr für Jahr weit mehr Geld nach Tunesien brachten – insbesondere in die abgehängten Regionen im Landesinneren – als die europäischen Touristen. Das Problem kann und muss also nicht zuletzt regional mit einer neuen Friedenspolitik gelöst werden. Die Diskussion zum Thema Migration steht noch ganz am Anfang.

Trailer zum Film: www.vimeo.com/169951435