Vor 85 Jahren: Der „Tag von Potsdam“

Von Winfried Steffen

Am 30. Januar 1933 hatte Reichspräsident von Hindenburg Adolf Hitler, den Führer der stärksten Partei im Reichstag, zum Reichskanzler ernannt und mit der Regierungsbildung beauftragt. Diese war seit 1919, der Gründung der Weimarer Republik, die einundzwanzigste.

Hitlers Machtergreifung war legal erfolgt. Wenn diese in Berlin und vielen deutschen Städten mit mächtigen Aufmärschen von NS-Sturmabteilungen begleitet war, so galt es für Hitler, die Macht zu sichern und auszubauen. Einen besonderen propagandistischen Platz auf diesem Weg nahm der 21. März 1933 ein, der als „Tag von Potsdam” bezeichnet wurde. An diesem Jahrestag der ersten Reichstagseröffnung durch Bismarck 1871 sollte der am 5. März gewählte Reichstag eröffnet werden, und zwar in der Potsdamer Garnisonskirche. Am Vormittag begaben sich die Abgeordneten in die Kirche ihrer Konfession, die evangelischen Abgeordneten in die Nikolai-Kirche und die Katholiken in die katholische Stadtkirche. Nach beiden Gottesdiensten schritten die Abgeordneten in zwei Zügen durch die geschmückten Straßen Potsdams zur Garnisonskirche. An der Spitze des evangelischen Zuges gingen die Reichsminister Göring und Frick, der Zug der Katholiken wurde angeführt vom Reichsführer der SS Himmler und vom gerade ernannten Reichspropagandaminister Goebbels. Hitler und Goebbels nahmen nicht am Gottesdienst teil, sondern legten währenddessen an den Gräbern nationalsozialistischer Opfer Kränze nieder. Die sozialdemokratischen Abgeordneten nahmen an der Veranstaltung nicht teil. Die 81 KPD-Mandate waren wider Recht und Gesetz annulliert worden.

In der Garnisonskirche wurden von Hindenburg und Hitler Reden gehalten. Inhalt der Zeremonie war die Demonstration des Bundes von preußisch-deutschem Militarismus und Hitlerfaschismus. Generalsuperintendent Otto Dibelius segnete das Bündnis zwischen Hindenburg und Hitler, besiegelt durch eine Handreichung des Generalfeldmarschalls an Hitler. Vor der Kirche paradierten Reichswehr, SA, Hitlerjugend, der Stahlhelm und die preußische Schutzpolizei.

Auf der ersten Arbeitssitzung des Reichstages in der Berliner Kroll-Oper kam es zwei Tage später, am 23. März 1933, zu der verhängnisvollen Verabschiedung des „Gesetzes zur Behebung von Not für Volk und Reich”, dem berüchtigten Ermächtigungsgesetz, durch den Reichstag, mit dem der Weimarer Republik, dem ersten bürgerlich-demokratischen Staat in der deutschen Geschichte, endgültig der Todesstoß versetzt wurde. Zur Organisierung einer Zweidrittelmehrheit durch die Nazis hatte auch die Annullierung der 81 KPD-Reichstagsmandate gehört.