Tatsächliche Interessen verschleiern

Ralf Richter rezensiert „Der Dreißigjährige Krieg“ von Herfried Münkler

Das Buch trägt den Untertitel „Europäische Katastrophe, Deutsches Trauma 1618 – 1648“. Inzwischen hat das fast tausendseitige Werk des Politikwissenschaftsprofessors Lob und Kritik bekommen. So viele Seiten sind für ein Buch viel – für das Thema aber sind sie es nicht. In diesem Jahr ist der Kriegsbeginn 400 Jahre her. Die meisten von uns wissen, dass er mit einem denkwürdigen Ereignis begann: dem Prager Fenstersturz. Weniger geläufig ist die Tatsache, dass es bereits der zweite war: Nach der Verbrennung von Jan Hus hatten Hussiten schon einmal das Rathaus gestürmt – 1419 warfen sie den Bürgermeister und weitere Würdenträger aus dem Fenster, womit die Hussitenkriege begannen. Für Sachsen konnten die Geschehnisse in Prag nie gleichgültig sein, einerseits wegen der geographischen andererseits wegen der ideologischen Nähe.

In Prag stand eine politische Frage im Vordergrund: Dürfen die Stände selbst entscheiden, wen sie als König haben wollen und sich damit gegen den Kaiser stellen? Auf ein Handgemenge im Prager Rathaus folgt letztlich ein Krieg, bei dem scheinbar die Religion entscheidend wird. Die „Rebellen“ von damals waren Protestanten. Gegen sie lässt der römisch-katholische Kaiser mobil machen. So sehr im Dreißigjährigen Krieg die religiösen Aspekte in den Vordergrund gestellt wurden, so unwesentlich waren sie tatsächlich – Münkler stellt das besonders eindrücklich beim Eintritt der Schweden und ihrer Landung auf Usedom dar; Gustav Adolf sah sich als Retter der Protestanten, wobei es kaum eine Rolle spielte, dass die, denen er helfen wollte, gar nicht um seine Hilfe gebettelt hatten.

Ob religiöse oder moralische Gründe ins Feld geführt wurden und werden – gemein ist ihnen stets, dass sie keinen anderen Zweck haben als die tatsächlichen Interessen zu verschleiern. Auch hier ist der Schwedenkönig ein ausgezeichnetes Beispiel: Laut Münkler habe Gustav Adolf am 19. Mai 1630 vor den Reichsräten in Stockholm erklärt, dass ihn keinesfalls Ruhmsucht auf den Kriegsschauplatz treibe, sondern ausschließlich die Sorge darum, dass „die unterdrückten Religionsgenossen vom päpstlichen Joche befreit“ werden. Die reine Hochherzigkeit also führte schon damals zur Intervention. Das war die Rede, die der schlichten schwedischen Volksseele zugedacht war. Klartext konnte man mit Seinesgleichen reden, in Gustav Adolfs Fall war das der schwedische Adel. Hier brauchte er kein Blatt vor den Mund zu nehmen und sprach offen davon, dass Wallenstein Anspruch auf den Ostseeraum erhebe. Kurz gesagt sei Schweden in seiner Rolle als Großmacht in Frage gestellt und das könne man sich nicht bieten lassen. Die beabsichtigte Intervention sei eine Verteidigung der Interessen, um den Status Quo aufrecht zu erhalten.

Man kann an diesem Beispiel eine Parallele zum Kriegseintritt Russlands in den Syrienkrieg ziehen, freilich mit dem nicht zu unterschätzenden Unterschied, dass der dortige Staatschef, als er mit dem Rücken zur Wand stand und bereits fast achtzig Prozent des Staatsterritoriums verloren hatte, seinen Verbündeten Russland tatsächlich nach militärischer Unterstützung fragte. Ganz anders dagegen die Angriffe der westlichen Staaten auf Afghanistan, Libyen und Irak. Hier wurde von Anfang an ein „Regimechange“ beabsichtigt – in Afghanistan war der Kriegsgrund, dass die herrschende Taliban-Regierung ihren Gast Osama bin Laden nicht ausliefern an die USA wollte. Das genügte für vorerst 16 Jahre Mord und Totschlag nicht zuletzt mit deutscher Beteiligung. Münkler sinngemäß im O-Ton: Am Anfang war schon im Dreißigjährigen Krieg der Krieg ein politisches Instrument, das sich im Laufe der Zeit verselbständigte und außer Kontrolle geriet.

Problematisch ist die Haltung Münklers zum Thema Krieg, da er immerhin zu den renommiertesten Politikwissenschaftlern unseres Landes gehört. Er lehnt den Krieg generell nicht ab, sondern betrachtet ihn nur als eines der Mittel zur Durchsetzung von Macht – vielleicht nicht das, wonach zuerst gegriffen werden sollte, aber es dürfe auf jeden Fall nicht aus dem Instrumentarium westlicher Machtpolitik verschwinden. So sah Münkler den Irakkrieg als Notwendigkeit für die USA an, unabhängig davon, dass der Kriegsgrund auf einer einzigen Lüge basierte, wie schon der Vietnamkrieg. Münkler betrachtet die dreißig Kriegsjahre als „vorzüglichen Übungsplatz für strategisches Denken“. Er prangert an, zweifellos nicht zu Unrecht, dass es in unserer Gesellschaft ein gravierendes „Defizit an strategischem Denken“ gibt. Da kommt ihm die Beschäftigung mit dem Dreißigjährigem Krieg gerade recht: „Aber strategisches Denken lässt sich nicht dekretieren sondern will geübt sein.“

Für den Konservativen Münkler, der in diesem Jahr emeritiert wird, ist der Krieg – so scheint es – in erster Linie ein Spiel, bei dem man durch einige Ungeschicklichkeiten und echtes Pech verlieren, aber genauso gewinnen kann. Kategorien wie Moral und Recht wirft er notfalls lässig über Bord. Wer eine linke Perspektive auf den Dreißigjährigen Krieg sucht, der in weiten Teilen Deutschlands die Hälfte bis zwei Drittel der Bevölkerung ausrottete und damit der schlimmste aller bisherigen Kriege für die hiesige Zivilbevölkerung war, ist bei Herfried Münkler an der falschen Adresse. Kennen sollte man das Buch dennoch. Es enthält nicht nur interessante Gedankenspiele, sondern auch wunderbare Zitate bis hin zu Schmähgedichten und Graphiken. Es erschien 2017 bei Rowohlt Berlin und kostet 39,95 als Hardcover und als E-Book 29,99 Euro. Am 19. März liest Münkler im Militärhistorischen Museum Dresden aus seinem Buch. Beginn ist 18 Uhr, der Eintritt ist frei.