Stalingrad – Erinnerung an heute

Von Thomas Kachel

Der Mamajew-Hügel bei Wolgograd ist, neben der Flamme des unbekannten Soldaten auf dem Roten Platz in Moskau, das wichtigste Mahnmal in Russland zur Erinnerung an die Opfer, die der zweite Weltkrieg in der ehemaligen Sowjetunion gefordert hat: 24 Millionen Menschen. In der Gedenkstätte sind die Namen der Verteidiger des Mamajew-Hügels eingraviert – die Opfer einer letzten Offensive der 6. Armee der deutschen Wehrmacht, die, in der Stadt eingeschlossen, noch im November 1942 die Wende in der Schlacht erzwingen sollte. Sie kapitulierten am 3. Februar 1943, vor genau 75 Jahren. In dieser Schlacht starben über 700.000 Menschen, 30.000 Sowjetsoldaten allein auf dem Mamajew-Hügel. Aber wenn man die Halle betritt, hört man die „Träumerei“ von Robert Schumann, eines der wohl bekanntesten Stücke der deutschen Klassik. Ich besuchte die Gedenkstätte im Alter von 12 Jahren bei einem Schulaustausch, als Teil dessen, was heute gern als „verordneter Antifaschismus“ verächtlich gemacht wird. Ich bin dankbar für die Erfahrung.

Woran erinnern wir? Zuerst natürlich an die entschiedene Wende im Geschehen des Zweiten Weltkriegs, die dieser Tag markiert. Es wird von westlichen Geschichtsschreibern noch immer nicht gerne erwähnt, dass es die Rote Armee war, die dem Kampfgeschehen des Zweiten Weltkriegs die entscheidende Wende gab und die die Vernichtung des Nazismus ermöglichte. Mit ihren Siegen an der Wolga bei Stalingrad, und später noch einmal im Kessel von Kursk brachte die Armee, und mit ihr die gesamte Bevölkerung der Sowjetunion, die Kraft auf, den Vernichtungsfeldzug gegen ihr Land zu stoppen, und den Nazismus erfolgreich zurückzudrängen.

Zum zweiten muss erinnert werden an den besonderen rassistischen Charakter des „Russlandfeldzuges“. Der „Generalplan Ost“ fasste 1942 die Völkermordpläne der Naziführung für die „Neuordnung des Ostens“ zusammen: Deportation der slawischen Landbevölkerung von Tschechien bis zur Wolga, Aushungerung der Städte und ihre Auslöschung als ‚Brutstätten des Bolschewismus‘ (die deutsche Heeresleitung begann mit der Blockade Leningrads, wo fast eine Million Menschen verhungerten), darauffolgende „Deutschbesiedelung“. Die Liquidierung hunderttausender sowjetischer Juden, aber auch von KPdSU-Mitgliedern, die Vernichtung hunderte Dörfer in Russland und Weißrussland unmittelbar nach der Eroberung zeigten die rassistische Energie, mit der diese Planungen umgesetzt werden sollten. Umso grotesker ist es, dass sich jetzt mit der AfD ausgerechnet die Erben derjenigen lauthals für Frieden und Zusammenarbeit mit Russland aussprechen, die 1933 Hitler mit dem Handschlag Hindenburgs zur Macht verhalfen: Der deutsch-nationale Chauvinismus wird sich früher oder später auch wieder gegen Osten richten, das liegt in seiner rassistischen Logik.

Und wir erinnern uns drittens an das eigentlich Selbstverständliche: Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg. Konkreter und aktueller: Nie wieder Krieg in Europa. In dieser Frage ist es völlig unerheblich, ob uns das russische Pathos im Gedenken gefällt, ob uns die russische Kulturpolitik postmodern genug ist oder nicht, ja selbst ob wir mögen, welchen Präsidenten die russische Bevölkerung wählt – all dies kann keine Bewandtnis haben bei der politischen Arbeit dafür, eine militärische Konfrontation im Osten Europas auch in Zukunft zu verhindern. Handlungsbedarf besteht da jede Menge. Der NATO-Raketenschirm mit seinen Raketenbasen in Polen und Rumänien wird in diesem Jahr scharf geschaltet – mit unkalkulierbaren Folgen für das atomare Gleichgewicht in Europa. Die Allianz will, dass jedes Mitgliedsland zwei Prozent seines Bruttoinlands-Produkts für weitere Aufrüstung ausgibt. Mit dem bisher aufwändigsten Logistik-Programm seit den achtziger Jahren will die EU die Straßen in Mittel- und Osteuropa „militär-transporttauglich“. Und auch die Vorwärtsstationierungen von NATO-Einheiten werden stur weiter fortgesetzt – gerade ist beispielsweise das sächsische Panzergrenadierbataillon 371 aus Marienberg in Litauen vor Ort. Russland antwortet seinerseits mit nicht minder aggressiven Manövern. Man richtet sich offenbar langfristig auf eine militärische Konfrontation ein.

Gerade der letzte Aspekt des Erinnerns wird im heutigen öffentlichen Diskurs verdrängt. Die Bundesregierung hielt es nicht für nötig, dem 75. Jahrestag der Schlacht in irgendeiner Art und Weise Aufmerksamkeit zu schenken, wie eine Kleine Anfrage von Sevim Dagdelen im Bundestag zeigte. Die Reaktion widerspiegelt den Zeitgeist. Wie anders als mit einer toxischen Mischung aus westlicher Arroganz und deutscher Geschichtsvergessenheit ist solch ein arroganter Blick auf das Geschehen von damals zu erklären? Ein Zeitgeist, der, nur ein Beispiel, die ZDF-Korrespondentin Gellinek den Anblick der Kiewer „Mutter Heimat“ mit den Worten kommentieren lässt: „Sie schaut nach Westen – in die falsche Richtung. Der Feind ist jetzt im Osten.“ Das setzt den Ukraine-Konflikt mit den Untaten von SS und faschistischer Wehrmacht gleich – also waren „wir“ doch damals gar nicht so schlimm?

Solche Reaktionen zeigen, warum es wichtig ist, zu gedenken, heute und immer wieder. Und warum es wichtig ist, für Frieden und Verständigung zwischen Ost und West in unserer Zeit auch weiter Gesicht zu zeigen: Auf Wiedersehen, Genossin und Genosse, bei den Ostermärschen. Oder beim neuesten deutsch-russischen Schulaustauschprojekt? Nur zur Erinnerung …