Preisstifter Reimanns Vermächtnis: Fördert junge kritische Köpfe

Von Manfred Neuhaus

Bei den sächsischen Luxemburgianern gehört es zum Konsens, junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu fördern. Dass aus einer schönen Idee identitätsstiftende Realität wurde, ist dem Vermächtnis eines außergewöhnlichen Mannes zu verdanken ? Günter Reimann. 1904 als Hans Steinicke geboren, wird der Angermünder Kaufmannssohn in Berlin Augenzeuge der Novemberrevolution, Rosa Luxemburg fasziniert ihn bis an sein Lebensende. Er studiert Wirtschaftswissenschaften, wird Mitglied der KPD und als „Günter Reimann“ Redakteur der „Roten Fahne“. Im Sommer 1933 flieht er über Prag, Wien, Paris und Amsterdam nach London, bricht mit der KPD und lebt seit 1938 in den Vereinigten Staaten, wo er am 2005 im Alter von 100 Jahren verstarb.

Reimann hatte den Nazis die Stirn geboten und nach dem Reichstagsbrand in der Illegalität die Zeitschrift „Gegen den Terror“ redigiert, bis ihm die Gestapo auf den Fersen war, Flucht und Emigration die einzigen Überlebenschancen boten. Nach dem Zweiten Weltkrieg half er vielen Deutschen mit Lebensmitteln, Medikamenten und Kleidung aus existentieller Not.

Reimann hatte einen kritischen Blick auf solche tragischen Momente der Geschichte der Linken, wie den Narzissmus der kleinen Differenzen: Je minimaler die ideologischen Differenzen, desto heftiger die Auseinandersetzungen und politischen Feindschaften. Eine ähnliche Erfahrung reflektierte Wassili Grossman, ein Jahr jünger als Reimann, in seinem Epos „Leben und Schicksal“: „Manchmal ist doch der Hass zwischen Menschen, die der gleichen Partei angehören und deren Ansichten sich nur um Nuancen voneinander unterscheiden, größer als der Hass auf die Feinde dieser Partei.“

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen verdankt Reimann Solidarität und Freundschaft, kühne Ideen und die Möglichkeit, gemäß seinen Intentionen junge kritische Köpfe mit dem an seinem 90. Geburtstag gestifteten Preis zu fördern. Mit 47 Bewerberinnen und Bewerbern übertraf der sechzehnte Preiswettbewerb alle Vorgänger. Jonas Brückner, Anna Jachmann-Ciaglia, Jakob Graf, Alexis Kunze und Katharina Meyer, deren Untersuchungen in die engere Auswahl gelangten, wurden mit Belobigungsurkunden geehrt. Den Wissenschaftspreis verliehen Stiftungsvorstand Peter Porsch sowie die Jury-Mitglieder Karla Rost und Klaus Bastian am 17. Februar an Fiona Schmidt und Isabella Greif. Konstanze Caysa, Preisträgerin des Jahres 2006 und nun Mitglied der personell erneuerten Preisjury (Wissenschaftlicher Beirat), hatte zuvor die Jury-Entscheidung für die Masterarbeit der Berliner Autorinnen begründet.

Bevor die Sektgläser in der Leipziger Harkortstraße erklangen, fand Isabella Greif für die Quintessenz ihrer Untersuchungsergebnisse, eine pointierte Kritik an verharmlosenden Strategien im staatsanwaltschaftlichen Umgang mit rassistischer und rechter Gewalt, die gebannte Aufmerksamkeit und den dankbaren Beifall aller Gäste des traditionellen Neujahrsempfangs.

Die prämierte Studie liegt bereits in gedruckter Form vor und kann unter www.brandenburg.rosalux.de oder www.welttrends.de geordert werden: Fiona Schmidt / Isabella Greif: Staatsanwaltschaftlicher Umgang mit rechter und rassistischer Gewalt. Eine Untersuchung struktureller Defizite und Kontinuitäten am Beispiel der Ermittlungen zum NSU-Komplex und dem Oktoberfestattentat. WeltTrends Potsdamer Wissenschaftsverlag. 303 S., 19,90 EUR, ISBN 978-3-945878-78-1