Odetta

Jens-Paul Wollenberg über eine große Sängerin, die große Sängerinnen und Sänger geprägt hat

Sie gilt immer noch als die Folkikone Nordamerikas, obwohl sie sich stets gegen solche Titel sträubte. Sie verstand sich vielmehr als politisch engagierte Protagonistin, die sich genreübergreifend in keine Schublade stecken ließ. In den Fünfzigern begann ihre musikalische Karriere mit einem Repertoire, das hauptsächlich aus Spirituals, Bluesballaden und Folksongs bestand und das Musikergrößen wie Joan Baez, Bob Dylan, Tracy Chapman oder Janis Joplin enorm beeinflusste, bevor diese Weltruhm ernteten.

Die Rede ist von Odetta Holmes, einer der ersten afroamerikanischen Sängerinnen, denen es vergönnt war, die großen Konzerthallen zu füllen. Als ihre großen Vorbilder nannte sie den Folkbluessänger Leadbelly, die Jazzsängerin Mahalia Jackson oder den Barden Woodie Guthrie. Entdeckt wurde sie in den fünfziger Jahren von keinem geringeren als Pete Seeger.

Bevor sie sich in dieser Zeit dem Folk zuwandte, sang sie – nachdem sie ein Musikstudium absolviert hatte, um ursprünglich Opernsängerin zu werden – in einem Chor, der hauptsächlich Gospelsongs und Spirituals im Repertoire hatte. Geboren worden war sie 1930 in Birmingham im Bundesstaat Alabama. Als sie sechs Jahre alt wurde, zog ihre Familie nach Los Angeles, wo ihr Gesangstalent schon bald von einem Musiklehrer entdeckt und gefördert wurde. Ihre ersten Auftritte absolvierte sie im Chor des Musicals „Finian’s Rainbow“, das 1949 in San Francisco uraufgeführt wurde. In den unzähligen Clubs und Kaffeehäusern dieser Metropole wurde sie unweigerlich mit der aufblühenden Folkszene konfrontiert, die sie sofort in den Bann zog. Sie beschloss, Folksängerin zu werden.

1953 erntete sie nach mehreren Konzerten in San Francisco und New York Beifallsstürme und erhielt große Aufmerksamkeit in den Medien. Ihrem faszinierenden, herzzerreißenden Gesang und ihrer Bühnenpräsenz konnte sich niemand entziehen, und weitere Angebote von Konzertagenten ließen nicht lange auf sich warten. 1956 erschien ihre LP „Ballads and Blues“ bei Vanguard, sie löste große Resonanz in der Folkszene aus. Selbst Bob Dylan gab später zu, dass diese Scheibe ihn sehr beeindruckt habe. Deshalb wohl brilliert ihre Vitalität unüberhörbar auf seinem Debütalbum „Bob Dylan“. Dylan nahm diese Scheibe am 20. und 22. November 1961 in New York auf, sie gelangte allerdings erst am 19. März 1962 in die Läden. Sie enthält Folkstandards von verschiedenen Autoren wie dem West-Coast-Sänger Jesse Fuller, Blind Limon Jefferson, Rick van Schmidt, aber auch selbst verfasstes Material. Auch der Song „House of the Rising Sun“ ist vertreten; er wurde später von Eric Burdon and The Animals gecovert und so zum Welthit (Übrigens gab es in der DDR die Single in deutscher Sprache von Manfred Krug: „Es steht ein Haus in New Orleans“, AMIGA).

Doch zurück zu Odetta. Auch ihre folgenden Platten überzeugten mit hohem Niveau, so tauchten nunmehr ebenbürtig Elemente der Soulmusik und des Jazz auf, die ihre Lieder abwechslungsreicher klingen ließen.

Ihre 1963 auf den Markt gekommene LP „Odetta Sings Folk Songs“ ist bis heute das meistverkaufte Album ihrer Schaffensperiode. Zeitgleich engagierte sie sich auch sehr aktiv in der Bürgerrechtsbewegung, zu deren wichtigsten Vertreterinnen sie alsbald zählte. Sie sang gemeinsam mit Dr. Martin Luther King auf Großkundgebungen, war am March On Selma in Alabama beteiligt, auch am Marsch für Arbeit und Freiheit am 28. August 1963 nach Washington D.C., wo sie „Oh Freedom“ anstimmte. Die meisten Lieder in ihrem breiten Repertoire, das sie sich mit großer Sorgfalt erarbeitete, waren schon sehr alt waren und beriefen sich oft auf die bitteren Erfahrungen der Sklaverei. Damit berührte sie dank ihrer Vortragskunst ihre Zuhörer so tief, dass diese die Gefühlswelt der Gepeinigten nachempfinden konnten, auch wenn sie nie selbst mit Unterdrückung und Menschenverachtung konfrontiert worden waren. So überzeugte sie beispielsweise mit einem Sklavenlied, in dem sie mit voluminöser Stimme den Hammerschlag in Granitgestein atemtechnisch geschickt imitierte.

Odettas Popularität stand nichts mehr im Wege, sie tourte durch ganz Nordamerika. Etliche hochkarätige Sänger, beispielsweise der schon damals sehr bedeutende Johnny Cash, buchten sie als Stargast für ihre Veranstaltungen. So kamen auch Angebote für Auftritte in Nashville, Tennessee. Die Stadt gilt als Hauptmetropole der Country Music beziehungsweise des Bluegrass, woraus sich später der sogenannte Nashville-Sound entwickelte. Auf diesem Fundament bauten sich stilbildend Folk- und Country-Rock auf, die wiederum Sänger und Bands wie Bob Dylan, Peter, Paul & Mary, die Byrds und natürlich auch Odetta stark beeinflussten.

Bei ihrer Teilnahme am Newport Folk Festival vor vierzehntausend Zuschauern erntete sie enormen Beifall. Die Leute waren gebannt von der ungewöhnlichen, großen Ausdruckskraft ihrer Stimme. Auch namhafte Literaten wurden auf sie aufmerksam. So erscheint ihre Person in Stephen Kings neunteiligem Romanzyklus „Der dunkle Turm“, in dem er, angelehnt an ihre Biografie, mit surreal wirkenden Bildern Odetta und zwei weitere Protagonistinnen zu einer Figur namens Susanna Dean vereinte. Der ziemlich irrwitzige, aber auch von Protest gegen Unterdrückung und Rassismus geprägte Inhalt dieser Anthologie sollte ursprünglich auch verfilmt werden, was jedoch wohl aus rechtlichen Gründen nicht geschah.

Dass Odetta höchstpersönlich in mehreren Film- und Fernsehproduktionen mitwirkte, ist zwar ebenfalls erwähnenswert, aber ihr Wirken als Musikerin und Bürgerrechtlerin blieb unbestritten vorrangig. Aufsehen erregte sie auch während einer Deutschlandtournee 1968. Sie trat auf der legendären Liedermacherhochburg Waldeck im Hunsrück auf, wo sie mit Guy Caravan und Phil Ochs euphorisch gefeiert wurde.

Odetta Holmes blieb sich und ihrer kämpferischen Willenskraft bis zu ihrem Tode treu, veröffentlichte zahlreiche Alben, von denen etliche für den Grammy nominiert wurden. 1999 erhielt sie für ihr Lebenswerk die „National Medal of the Art“. Noch in ihren beiden letzten Lebensjahren absolvierte sie, bereits an den Rollstuhl gebunden, mehr als fünfzig Konzerte. Am 2. Dezember 2008 starb sie im Alter von 78 Jahren in New York.