Geschichtsskandal in Leipzig

Erich Zeigner gehört in Portrait-Galerie der Oberbürgermeister!
Von Volker Külow

An verdienstvolle Oberbürgermeister zu erinnern ist der Gedenkkultur einer Stadt grundsätzlich zuträglich. In der am 2. Februar 2018 von Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) im Rathaus eröffneten Dauerpräsentation „von Portraitaufnahmen aller demokratisch gewählter Oberbürgermeister der Stadt Leipzig aus der Zeit von 1877 bis 1933 sowie von 1990 bis 2005“ fehlte aber neben den DDR-Oberbürgermeistern ausgerechnet auch Erich Zeigner. Der verdienstvolle Oberbürgermeister der Nachkriegszeit (1945-1949) und Verfolgte des Naziregimes war seit 1919 Mitglied der SPD und 1923 kurzzeitig sogar sächsischer Ministerpräsident. An der bis heute in der Leipziger Bevölkerung tief verwurzelten Akzeptanz und Beliebtheit Zeigers – der sich bis zu seinem frühen Tod für die Lösung der gravierenden Nachkriegsprobleme unermüdlich aufopferte – wird der erinnerungspolitische Skandal nichts ändern. Allein wegen seiner enormen Verdienste um den Wiederaufbau der Stadt nach dem von Nazideutschland entfesselten Zweiten Weltkrieg hätte er aber einen Ehrenplatz in der besagten Galerie verdient.

Mit der Auswahl und ihrer Begründung wurde im Leipziger Rathaus für die Stadtgeschichte nunmehr eine direkte Traditionslinie vom Wilhelminischen Obrigkeitsstaat nach 1871 über die Anfänge der NS-Diktatur zur vielbeschworenen demokratischen Neugestaltung nach 1990 gezogen. In einer Presserklärung kritisierte die Stadtratsfraktion der Linkspartei diese grobe Geschichtsklitterung und das defizitäre, letztendlich totalitarismus-theoretisch geprägte Demokratieverständnis, in dem die Nazidiktatur mit der DDR faktisch gleichgesetzt wird. Die Linksfraktion beließ es aber nicht bei einem verbalen Protest, sondern beantragte unverzüglich im Stadtrat die Aufnahme von Erich Zeigner in die Galerie. Darüber hinaus forderte sie, dass in der angekündigten Erläuterungstafel zur Dauerpräsentation die Oberbürgermeister in der Zeit der DDR – darunter mit Max Opitz und Walter Kresse zwei ausgewiesene antifaschistische Widerstandskämpfer – namentlich genannt und mit einer Kurzbiografie vorgestellt werden.

In ihrem Antrag kritisiert die Linksfraktion auch das autoritär fixierte Geschichtsverständnis der Rathausspitze und zeigt, wie die portraitierten Oberbürgermeister ab 1877 zu ihren Ämtern kamen. Im Deutschen Reich war man weit entfernt von einem demokratischen Wahlrecht; die Oberbürgermeister wurden nicht nur in Leipzig in einem gemeinsamen Wahlkollegium von Stadtverordneten und Rat gewählt. Durch den Ausschluss von Frauen, Sozialhilfe-Empfängern, Soldaten, Nicht-Zahlern von Gemeindesteuern sowie der Teilung der Wähler in von Gemeindesteuern abhängige Klassen (Mehrklassenwahlrecht) und weitere Einschränkungen durfte bei allen Wahlen – und damit auch bei den Kommunalwahlen – allerdings nur eine Minderheit der Bevölkerung das Wahlrecht ausüben.

Inzwischen weht dem SPD-Oberbürgermeister selbst aus seiner eigenen Partei der Wind kräftig ins Gesicht. Viele Leipzigerinnen und Leipziger meldeten sich in den letzten Wochen ohnehin kritisch zu Wort und auch der Erich Zeigner Haus e.V., der im ehemaligen Wohnhaus Zeigners im Stadtteil Plagwitz sitzt und ein unverzichtbarer Begegnungsort für gelebte Zivilcourage und Demokratie ist, hat seinen Protest artikuliert. Die Linksfraktion hatte am 16. Februar – dem Vorabend von Zeigners 132. Geburtstag – noch eine ganz spezielle Aktion ausgedacht: Um ihrem Antrag mehr Aufmerksamkeit und auch eine gewisse optische Überzeugungskraft zu verleihen, wurde die derzeitige Lücke in der Dauerausstellung provisorisch geschlossen und ein extra hergestelltes Portrait-Bild Erich Zeigners präsentiert. Bei dieser „Guerilla-Aktion“ (BILD Leipzig) stellte der Vorsitzende der Linksfraktion Sören Pellmann unmissverständlich klar: „Es ist keine polemische Übertreibung, wenn man feststellt, dass die Gemeindewahl von 1946, in deren Folge Zeigner zum Oberbürgermeister gewählt wurde, trotz Besatzungsrecht wesentlich demokratischer ablief als alle Wahlen in Leipzig vor 1918.“

Am folgenden Tag signalisierte Oberbürgermeister Jung gegenüber dem direkt gewählten Bundestagsabgeordneten der Linken informell seine Bereitschaft, das Zeigner-Portrait nunmehr aufzuhängen. Man darf gespannt sein, wann und auf welchem Wege diese Zusage umgesetzt wird. Zumindest beim Kulturausschuss ist bis heute noch keine entsprechende Information angekommen.