Die Wurzeln des Rassismus

von Max Wegener

Die Geschichte des Rassismus in Ostdeutschland beginnt vermeintlich erst in der Wendezeit. Damals erlangten die Pogrome von Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen eine überregionale, traurige Berühmtheit. Auch die rassistisch motivierten Morde an Einzelpersonen wie Amadeu Antonio Kiowa, Jorge Gomondai, Nuno Lourenço und nicht zuletzt Oury Jalloh sind in diesem Zusammenhang zu betrachten. Jedoch ist die bloße Aufnahme eines Ist-Zustandes, gemessen an einem mehr oder wenig beliebig gesetzten Ausgangspunkt, nicht besonders zielführend für die Aufarbeitung des Rassismus der (ost-)deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Gehen wir weiter zurück in die DDR, so lässt eine Beschäftigung mit der Situation der circa 90.000 Vertragsarbeiter_innen, ihren strukturell und direkt diskriminierenden Alltagserfahrungen 1 und schließlich auch mit den von der Staatsführung vertuschten rassistischen Morden 2 den Schluss zu, dass bereits hier eine von der offiziellen Staatsräson abweichende rassistische Stimmung wahrzunehmen war. Die scheinbar plötzliche, brutale und breit getragene Entladung in der Wendezeit erscheint somit nicht mehr als zusammenhanglos und unvermittelt, sondern muss als Kontinuität verstanden werden. Dabei beabsichtige ich hier keine generelle Diffamierung meiner Eltern- und Großelterngeneration. Ich bin allerdings der Meinung, dass wir knapp 30 Jahre nach der Wende offen auch über die Schattenseiten dieses deutschen Staates reden müssen, zu einem Zeitpunkt, in dem sich die in der DDR sozialisierten rechten Hetzer_innen die Rückkehr in eine vermeintlich bessere Zeit herbeifantasieren.

Mein Vorschlag endet jedoch nicht an dieser Stelle. Vielmehr müssen wir die Grundlagen des mehrheitsfähigen Rassismus noch weiter in der Vergangenheit suchen. Ich rede dabei nicht unbedingt von der NS-Zeit, hierzu wurden umfassende Bücher geschrieben, die ganze Bibliotheken füllen. Ich setze noch eher an, denn auch die faschistische Ideologie ist ohne bestimmte Grundlagen nur schwer vorstellbar. Naheliegender ist eine Einbettung in die damalige koloniale Weltordnung. Demnach ist der NS zwar nicht nur wegen des Kolonialismus entstanden, hat daraus aber fundamentale Vorstellungen und Strategien übernommen. Zu nennen sind hier die ersten Konzentrationslager Deutschlands in Deutsch-Südwestafrika, die seit 1904 während des Hererokrieges eingerichtet wurde, aber auch die in mindestens drei großen Kolonialkriegen 3 erprobte Militärstrategie der verbrannten Erde, die zu vielen zehntausenden afrikanischen Opfern führte. Rechtfertigbar wurde diese Skrupellosigkeit nicht zuletzt mittels der im 19. Jahrhundert entstandenen kolonialen Wissenschaften wie der Geografie und den Regionalwissenschaften, mit deren Hilfe die koloniale Beherrschung als Ausdruck einer zivilisatorischen Mission verkauft werden konnte.

Von unserer heutigen Lebenswirklichkeit mag dies unvorstellbar weit entfernt sein, schließlich spielt das koloniale Erbe Deutschlands im offiziellen Geschichtsdiskurs keine spürbare Rolle. Während die Aufarbeitung der NS-Diktatur zum Dreh- und Angelpunkt unserer heutigen Demokratie erhoben wurde, findet eine gesellschaftliche Aufarbeitung der Verbrechen des deutschen Imperiums und der in dieser Zeit entstandenen kolonial geprägten Erklärungsmuster maximal im akademischen Raum statt. Dabei sind die Spuren von damals noch heute in den Straßen unserer Städte sichtbar – und zur gleichen Zeit kaum wahrnehmbar. Gründe hierfür sind in den erinnerungspolitischen Prioritäten beider deutscher Staaten zu suchen. Während in der BRD mit Konrad Adenauer ein vormaliger Vizepräsident der Deutschen Kolonialgesellschaft Kanzler wurde und das koloniale Erbe erst durch die 68er infrage gestellt und in der Folge dessen Spuren verwischt wurden, machte sich die Staatsführung im Osten dies bereits seit den 1950er Jahren zur Aufgabe. Straßen wurden umbenannt, Denkmäler gestürzt. Nichts sollte mehr an dieses Kapitel erinnern.

Obwohl die DDR sich nach außen als antikolonialer, antirassistischer und antifaschistischer Staat verstand, waren diese Ansprüche stets ideologisch begründet, nicht zuletzt mit der Maxime der internationalen Völkersolidarität und der Unterstützung der sozialistischen „Bruderstaaten“. Diese Ansprüche fanden aber oft keine reale Entsprechung innerhalb der Gesellschaft, für die diese zu gelten hatten. Schließlich wurde der (Neo-)Kolonialismus offiziell als kapitalistische Strategie entlarvt, aber die kolonial geprägten Deutungsmuster im Umgang mit dem „Anderen“, dem Nicht-Europäischen, blieben unaufgearbeitet und im Dunkeln, ebenso wie die rassistischen Übergriffe seitens der DDR-Bürger_innen.

Heute findet eine solche Aufarbeitung punktuell statt, in postkolonialen lokalgeschichtlichen Initiativen beispielsweise in Dresden und Leipzig, aber auch wie jüngst im Fall Oury Jallohs durch zivilgesellschaftliche Bündnisse. Für die Opfer rassistischer Gewalt jedoch kommt dies erheblich zu spät.

1. Hierzu Waibel, Harry: Der gescheiterte Antifaschismus der SED. Rassismus in der DDR. 2014.

2. www.bit.ly/2DEpwaI

3. Hererokrieg, Wahehe-Aufstand und Maji-Maji-Krieg