Die Lugauer Grubenkatastrophe und die Arbeiterbewegung

Heino Neuber über Unglück auf der „Neuen Fundgrube“ in Lugau 1867, das eine gesellschaftspolitische Wirkung entfaltet hat

Am 31. März 1971 wurde der letzte Hunt mit Kohle aus der Steinkohlenlagerstätte Lugau-Oelsnitz gefördert. Damit hatte eine 127 Jahre währende Bergbautätigkeit, die nach der Entdeckung der Lagerstätte 1831 mit der ersten Kohleförderung am 7. Januar 1844 begann, ihr Ende gefunden. 142 Millionen Tonnen Steinkohle wurden in all den Jahren nach übertage gebracht. Dies war die entscheidende Grundlage für die rasante Entwicklung der Industrie in Westsachsen, Thüringen bis hin nach Nordbayern. Und es war ein harter, unaufhörlicher Kampf der in diesem Bergbau Tätigen mit den Naturgewalten und mit den menschlichen Unzulänglichkeiten.

Bergbau birgt Gefahren. Viel zu oft trat auch tatsächlich ein Schaden in einem Kohlenbergwerk ein und viele Tote sind in den Steinkohlenbergwerken der Welt zu beklagen. Das Unglück auf der „Neuen Fundgrube“ in Lugau mit 101 Toten im Jahr 1867, ausgelöst durch den Einbruch der einzigen Schachtröhre, stellte nicht nur das opferreichste Grubenunglück im neu entstehenden Lugau-Oelsnitzer Revier dar, sondern zählt zu den schwersten im deutschen Steinkohlenbergbau.

Das Grubenunglück auf der „Neuen Fundgrube“ in Lugau, aber auch der publizistisch reflektierte Zusammenbruch des Otto-Schachtes in Niederwürschnitz 1868 fielen in eine Epoche größter gesellschaftspolitischer Spannungen in Deutschland. Im Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft wandelten sich Lebensstrukturen grundsätzlich. In den schnell wachsenden sächsischen Steinkohlenrevieren richtete sich diese soziale Frage mit der entstehenden Industriearbeiterschaft besonders auf deren gesellschaftliche Verortung aus.

Die Thematik bot sich daher an, innerhalb der Bemühungen der Arbeiterschaft um die Verbesserung ihrer sozialen, rechtlichen, politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse aufgegriffen zu werden. Auf dem Vereinstag der Deutschen Arbeitervereine am 6. und 7. Oktober 1867 in Gera behandelte der führende Sozialdemokrat August Bebel ausführlich die Lugauer Grubenkatastrophe. Die Fragen des Arbeiterschutzes sind hier erstmals auf einem deutschen Arbeiterkongress verhandelt worden. Allerdings wird zugleich erkennbar, dass es um mehr ging.

Der Kampf um die Rechte der Arbeiter, der sich nach Gründung von Bergarbeiterkomitees im Zwickau-Oelsnitzer Revier 1865/66 zunächst auf eine Reform der Knappschaften fokussierte, erweiterte sich ausdrücklich auf die Gesetzgebung in Bergbau- und Entschädigungsangelegenheiten. Das 1868 verabschiedete „Allgemeine Berggesetz für das Königreich Sachsen“ stand ebenso im Mittelpunkt der Diskussionen wie das von August Bebel geforderte Haftpflichtgesetz. Das dann nach Gründung des Deutschen Kaiserreiches unmittelbar 1871 verabschiedete Reichs-Haftpflichtgesetz entsprach den Ansprüchen nicht völlig, bildete aber die Grundlage einer durchaus notwendigen Veränderung auf arbeitsrechtlichem Gebiet.

In gleicher Weise wandten sich Lugauer Bergarbeiter 1868 an den „… Generalrath der Internationalen Arbeiter-Association in London … zu Händen des Herrn Carl Marx.“ Sie traten als erste deutsche Arbeiter unmittelbar mit Marx in Kontakt. Friedrich Engels verfasste einen „Bericht über die Knappschaftsvereine der Bergarbeiter in den Kohlenwerken Sachsens“, der in England und Deutschland erschien. Dem Beitritt dieser Bergleute zur I. Internationale folgte ein noch wesentlicherer Schritt: Am 17. Januar 1869 begründeten sie mit der „Gewerksgenossenschaft deutscher Berg- und Hüttenarbeiter in Lugau und Umgegend“ die erste deutsche Bergarbeitergewerkschaft. Der daraus 1870 entstandenen „Internationalen Genossenschaft der Berg-, Hütten- und Salinenarbeiter“ gehörten rund 15.000 Bergarbeiter aus Sachsen, dem Aachener Revier und Ruhrgebiet an. Der endlich 1876 entstandene „Verband Sächsischer Berg- und Hüttenarbeiter“ wurde zu einem Vorreiter der Gewerkschaftsbewegung in Deutschland.

Damit besitzt eine der schwersten Grubenkatastrophen Deutschlands nicht nur eine bergbauliche, sondern vielmehr eine gesellschaftspolitische Dimension, die in ihrer Entwicklung bis heute nachwirkt und den bestimmenden Anteil des sächsischen Steinkohlenbergbaus am Werden des modernen Industriezeitalters festschreibt.

Am 1. Juli 2017 wurde der 150 Jahrestag dieses Unglückes begangen. Vertreter der Landespolitik, der Landrat des Erzgebirgskreises, Frank Vogel, die Bürgermeister der Region und viele Vertreter aus Politik und Gesellschaft fanden sich an diesem Tag in Lugau ein. Eine Bergparade mit der Knappschaft des Lugau-Oelsnitzer Steinkohlenreviers e. V. an der Spitze, die anschließende Gedenkfeier sowie der Berggottesdienst mit dem Landesbischof Dr. C. Renzing in der Kreuzkirche waren sehr berührend.

Unter dem Titel „…denn man sah nichts als Elend…“ erschien in diesen Tagen ein Buch. Es zeichnet, ausgehend von einer Momentaufnahme der Geschehnisse des Sommers 1867, eine Entwicklung zwischen Einzelschicksal und Massenbewegung nach, die einen wesentlichen Schritt bei der Wandlung der Arbeits- und Lebensverhältnisse auf dem Weg zur modernen Industriegesellschaft darstellten. Es ist erhältlich in der Stadtverwaltung Lugau bei Bürgermeister Thomas Weikert (DIE LINKE).

Brief: Russisches Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte (RGASPI) – Seite 152 (F.1 op.1, d. 2349. – Seite 5)