Aufbruch von links

Sören Pellmann über einen beeindruckenden Abend mit Sahra Wagenknecht im Leipziger Felsenkeller

„Solange das Kapital herrscht, werden Rüstungen und Krieg nicht aufhören.“ Über solche Sätze jubelte das Publikum, als am 27. Mai 1913 Rosa Luxemburg im Leipziger Felsenkeller ihre berühmte Rede „Die weltpolitische Lage“ hielt. Der Saal war damals rappelvoll und der Text ihrer Rede wurde zwei Tage später in der Leipziger Volkszeitung (LVZ) vollständig abgedruckt. Manches war am 22. Februar 2018 beim Auftritt von Sahra Wagenknecht im Felsenkeller überraschend ähnlich, auch wenn statt der Rede in der LVZ ein längeres Interview mit ihr erscheint. Zumindest die Anziehungskraft der Vorsitzenden der linken Bundestagsfraktion ist kaum geringer als die der späteren Mitbegründerin der KPD 105 Jahre zuvor.

Mehr als 1.200 Gäste – darunter auffällig viele junge Menschen – verfolgen dicht gedrängt im vollbesetzten Traditionslokal die Veranstaltung der Bundestagsfraktion. Sahra Wagenknecht war nach Leipzig gekommen, weil der im Bundestagswahlkampf verabredete Auftritt seinerzeit aus Krankheitsgründen ausgefallen war. Nun kommt sie in die Messestadt, um hier vor allem für eine „soziale Offensive“ sowie ihre Idee von einer „linken Volksbewegung“ zu werben. „Eine soziale Wende und ein Aufbruch von links werden immer dringender“, lautet der viel beklatschte Schlüsselsatz eingangs. Dann kritisiert die bekannteste Politikerin der LINKEN das „neoliberale System“, dessen Fortsetzung mit der nächsten Großen Koalition droht und aus ihrer Sicht für das Erstarken der AfD maßgeblich verantwortlich ist.

Auch die Sozialdemokratie wird von der Rednerin nicht geschont. Logisch, dass sie die SPD-Mitglieder zum Nein bei der GroKo-Abstimmung aufruft. Und es fällt der Vorwurf, welchen sich die SPD seit der Agenda 2010 gefallen lassen muss: neoliberale Politik zu betreiben, auf Kosten all derer, die sich an den Tafeln des Landes drängeln, die mit Kleinstrenten ins Alter gehen und wegen ihrer befristeten Anstellungen kaum gewerkschaftlich organisieren werden können. „Warum wird eine Politik gemacht, die ganz klar nicht im Interesse der Mehrheit ist?“ Das ist die Frage, die Sahra Wagenknecht umtreibt. Boomende Leiharbeit, Kettenbefristungen, Lohngefälle und rund neun Millionen Menschen unter 10 Euro Stundenlohn bis hin zum drängenden Problem, warum eigentlich nichts gegen Ghettos mit vererbter Armut getan wird.

In ihrer rund 60minütigen Rede zeichnet sie anhand erschreckender Fakten ein düsteres Bild der sozialen Situation von großen Teilen der Bevölkerung in unserem Land. Als einen möglichen Ausweg skizziert Sahra Wagenknecht dann die vielbeschworene „Sammlung auf der linken Seite“, als deren Kern sie die DIE LINKE sieht. Sie versteht das Konstrukt vornehmlich als ein konsensfähiges Angebot an diejenigen linken Sozialdemokraten, die sich der verheerenden Agenda-Politik entgegensetzen wollen. Leider schaut nicht nur die Führungsspitze der SPD derzeit noch immer nicht nach links, sondern starrt mittlerweile lieber auf runde 17 Prozent Zuspruch im Bund und auf die vermeintlich einzige Machtoption für sich: ein weiteres Zusammengehen mit der CDU.

Am Ende der Rede tosender Applaus für Sahra Wagenknecht und anschließend eine interessante Talkrunde mit Fragen aus dem Publikum, die der Autor dieser Zeilen moderieren darf. Das Publikum verlässt nach knapp zwei Stunden begeistert den Felsenkeller. Auch das mediale Echo des Abends ist mehr als beachtlich. Die Leipziger Internet Zeitung kommentiert den Wagenknecht-Auftritt: „Ein Heimspiel in Leipzig wie es wohl derzeit keine der beiden Volksparteien in Besucherzahlen und Emotionen auf die Beine bekommt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.