Was ein Parfüm erzählt

Jour fixe 30 erkundet Karl Schlögels „Das sowjetische Jahrhundert“. Von Wulf Skaun

„,Das Rote Moskau? in der Flasche“. So ist eine kurze Geschichte in meinem Buch „Lauter Leben“ überschrieben. Die 92-jährige Elsa Wolf aus Wurzen hat sie mir 2012 erzählt. Ein dankbarer Rotarmist hatte der Geschäftsfrau 1945 ein kleines Parfümfläschchen geschenkt. Wie ein Juwel rettete sie die edle Kostbarkeit über die Zeiten. „Krassnaja Moskwa“ schimmerte vom vergilbten Etikett. „Duftet doch diskret, nicht?“, ließ sie mich schnüffeln.

Dass ich mit dem sowjetrussischen Parfüm den Wohlgeruch einer ganzen Epoche in der Nase hatte, erfahre ich erst aus Karl Schlögels monumentalem Geschichtsbuch „Das sowjetische Jahrhundert“. Auf einzigartige Weise hat der Osteuropa-Historiker darin das bolschewistisch-sozialistische Imperium anhand dessen lebensartlicher Eigenheiten und Mythen, einschließlich des „Krassnaja-Moskwa-Duftes“, für die Nachwelt konserviert. Seit seinem Erscheinen im Herbst 2017 überbietet sich das Feuilleton in Lobeshymnen. Ein Grund mehr, dass Nummer 30 des Gesprächskreises Jour fixe am Leipziger Standort der RLS Sachsen im Januar mit Schlögels Opus magnum in sein viertes Jahr startet. Den Lorbeerkränzen der Literaturkritik fügt Klaus Kinner in seiner Eröffnung weitere hinzu. So würdigt er des Historikers Neuvermessung der sowjetischen Welt als synchrones Meisterwerk von empathischer Reportage und vernunftbasierter Reflexion. Wie niemand zuvor habe Schlögel die „Enge des Alltags, die Weite der Weltmachtambitionen und die bittere Kluft zwischen beiden“ in einer kaleidoskopischen Gesamtschau verwoben. Seine Sujets reichten von den Megabauten des Kommunismus, den Massengräbern des Stalinschen Terrors und den Paraden der Macht über die Rituale des täglichen Lebens, die Beengtheit der Gemeinschaftswohnungen bis hin zu Orten des privaten Glücks und der kleinen Freiheit: dem Kulturpark, der Datscha, den Ferien an der Roten Riviera. In diesen und vielen weiteren Realitäten fern der „Haupt- und Staatsaktionen“ habe das Sowjetsystem seine Spuren hinterlassen. Schlögels Auge für charakteristische „Splitter des Imperiums“ und seine kongeniale Handschrift, diese wirkmächtig an den Leser heranzutragen, veranschaulicht dann Ursula Wohlfeld. Sie liest hörwirksame Kostproben des Originaltextes. Mit welcher analytischen Distanz und zugleich innerer Anteilnahme der Historiker zum Beispiel den Tschernobyl-Super-GAU schildert oder das beklemmende Eingepferchtsein von Generationen in den sogenannten Kommunalkas ? das atmet Kischsches Reportagenformat.

So gerät denn auch die Diskussion zu einer Hommage an den Forscher und Autor. Selten hat sich ein übervolles Haus so lebhaft engagiert. 21 Wortbeiträge dokumentieren, dass Schlögels „Archäologie einer untergegangenen Welt“ Herz und Verstand seiner Leser ergreift. Willi Beitz, der Senior der Runde, findet berührende Worte, als er dem in Westdeutschland sozialisierten Historiker dankbar bescheinigt, ein wahrhaftiges, also ganzheitliches Bild von der Sowjetgesellschaft, den „Leiden wie den Leistungen von Generationen“, gezeichnet zu haben. Hartmut Kästner beeindruckt Schlögels Sympathie, die auch noch dort zu spüren sei, wo eine „elegische Stimmung“ walte und Verurteilungswürdiges ausgeleuchtet werde. Einer Summa-cum-laude-Laudatio gleicht Manfred Neuhaus’ Lektürebefund. Schlögels Intention, typische Orte und Gegenstände zu analysieren, um die sowjetische Lebensform zu verstehen, das Geheimnis zu lüften, warum die UdSSR so lange gehalten habe und dafür die Methode der unmittelbaren, eigenen Anschauung zu wählen, sei ein grandioser Vorgang. „Er ist auch hilfreich, eigene Bemühungen, die Wirklichkeit zu beschreiben, kritisch zu hinterfragen.“ Monika Runge und Peter Porsch knüpfen ihre Statements an persönliche Erfahrungen mit Land und Leuten. Aus diesem Blickwinkel bewerten sie Schlögels „Lebensbeschreibung des sowjetischen Alltags“ als großartige unikate Stimme in der Flut der Auseinandersetzungsliteratur mit Russischer Revolution, Stalinismus und Sowjetkommunismus.

Wo, wie bei Jour fixe, viele gelehrte Köpfe im Gespräch sind, bleiben auch werkkritische Töne nicht aus. Günther Hempel vermisst eine dezidierte Sicht Schlögels auf die Orthodoxie und ihren gesellschaftlichen Einfluss in Zeiten des Roten Sterns. Doch hatte der Autor Vollständigkeit selbst ausgeschlossen. Seinem „Jahrhundertbuch“ tut das keinen Abbruch. Der Thorndike-Großfilm „Das Russische Wunder“ erzählte einst, wie ein Bastschuhland in den kosmischen Raum vorstieß. Schlögels Wälzer über das Geschichtswunder Sowjetunion erzählt, wie dessen zivilisatorischer Kosmos ein Zeitalter der Extreme prägte. Symbolisiert auch durch ein Parfüm.