Sie lehrte ihre Schüler, die Fußnote zu ehren

Publikation der RLS Sachsen erinnert an die Historikerin Jutta Seidel

Was wüssten wir über Wilhelm Bracke, außer dass er Adressat von Marxens Kritik am Gothaer Programm gewesen ist? Wohl nicht viel mehr, hätte ihn nicht Jutta Seidel als einen der ersten Arbeitervertreter im Deutschen Reichstag neben August Bebel ins Zentrum ihrer Forschungsarbeit gestellt. Wer Jutta Seidel denkt, denkt auch Bracke. Ihre mehrfach aufgelegte biographische Studie über ihn erschien sogar auf Chinesisch. Doch war das noch lange nicht die ganze Frau. Wie viele Spuren die vor Jahresfrist verstorbene Leipziger Historikerin (1931?2017) im wissenschaftlichen, gesellschaftspolitischen und privaten Leben hinterlassen hat, bezeugt die von Manfred Neuhaus und Peter Porsch herausgegebene Schrift der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen „Zum Angedenken an Prof. Dr. Jutta Seidel“. 15 Kollegen, Freunde und Wegbegleiter haben darin ihre Erinnerungen an sie als Trauerredner auf der Gedenkveranstaltung am 1. April 2017 oder als Autoren dokumentiert. So ist das biographische Panorama einer außergewöhnlichen Hochschullehrerin, Forscherin und politischen Weggefährtin, einer verlässlichen Partnerin und solidarisch-sorgenden Mitstreiterin, nicht zuletzt einer geselligen, großzügig-spendablen Gastgeberin entstanden.

Manfred Neuhaus, einer ihrer engen Vertrauten, würdigt das Forschungswerk seiner verehrten Lehrerin mit warmherzig-erhellenden Worten. Wer wissenschaftliche Klasse und Innovation mit dem Namen Seidel verbunden und dabei nur auf Helmut bezogen hatte, wird eines Besseren belehrt. Zwar sei sie mit ihrem Ehemann, dem berühmten Philosophen, zu Recht als wissenschaftliche Symbiose wahrgenommen worden, doch sei auch Jutta ein unabhängig-originärer Kopf gewesen. Als erste ordentliche Professorin der historischen Wissenschaften an der Leipziger Universität habe sie ein eigenes Forschungsprogramm über die internationale Arbeiterbewegung realisiert, dessen Opportunität sich gerade glänzend erweise. Ihre Schüler habe sie durch Forderung gefördert. Mochten deren Ideen mitunter noch so hochfliegend gewesen sein, für ihre wissenschaftliche Begründung verordnete die Mentorin allemal Kärrnerarbeit. Das bedeutete zuvörderst: gründlichstes Studium der Originalquellen und demütig-kritisch-exakter Umgang mit Fußnoten. Die Seidelsche Maxime für die Darstellung des jeweiligen Forschungsertrags forderte dann auf den Begriff gebrachte, dem Gegenstand angemessene, verständliche Sprache statt luftig-beliebigen Geschwurbels fern seriösen Argumentierens.

Jutta Seidels Wissenschaftsethos und ihre historiographischen Verdienste würdigen in der Gedenkschrift auch Ursula Herrmann, Ursula Wittich, Annelies Laschitza, Harald Koth, Gerd Callesen. Kurt Schneider, Klaus Kinner, Konstanze Caysa/Volker Caysa (†), Harry Stein und Volker Külow heben die traditionsbewusst linke Dimension ihres historischen Denkens besonders heraus. Günter Benser erinnert an gemeinsame ABF-Tage, Horst Richter an miteinander absolvierte Studienjahre in Moskau und das Engagement der einstigen Studienkollegin in der Deutsch-Sowjetischen-Freundschaftsgesellschaft. Die private Jutta als Mutter, Ehegattin, Gastgeberin und Freundin stellt Siegfried Kätzel in berührenden Worten vor. Wer, wie der Autor dieser Zeilen, die Professorin seit den 1970ern aus akademischer Partei- und in den letzten Jahren aus überzeugter Stiftungsarbeit kannte, kann Peter Porschs Nachruf auf „eines unserer profiliertesten Mitglieder“ und seiner pointierten Betonung ihrer ungebrochenen Parteilichkeit nur zustimmen: Sie schwieg nicht, wenn es zu reden galt.

Das liebevoll von Daniel Neuhaus gestaltete Bändchen präsentiert auch eine Reihe aussagekräftiger, erstmals veröffentlichter Fotos. Sie veranschaulichen den Weg Jutta Seidels von der 15-jährigen KPD-Genossin bis in die Gegenwart. So sind „Otlitschno“-Zeugnisse eines bravourösen Universitätsstudiums, Umschläge erfolgreicher Publikationen aus ihrer Feder, die Ruheständlerin mit ihren Schülern und ihrem ersten Urenkel zu sehen. Summa summarum: Wer die große Persönlichkeit kennenlernen will, schöpft in der Gedenkschrift aus der reinen Quelle.
W. S.

„Du hattest so gar nichts von einer ,großen Wissenschaftlerin‘ an Dir und bist es doch gewesen.“ Zum Angedenken an Prof. Dr. Jutta Seidel. Leipzig: Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen 2017. 92 S. mit Abb. ISBN 978-3-947176-03-8