Mehr als 50 Jahre Tete-a-tete mit Rosa Luxemburg.

Annelies Laschitza und ihr Leben auf den Spuren der großen Sozialistin
Von Holger Czitrich-Stahl

Denkt man an Annelies Laschitza, so gilt der nachfolgende Gedanke umgehend Rosa Luxemburg. Wohl niemand kann der gebürtigen Leipzigerin in Sachen Luxemburg-Forschung das Wasser reichen. Und „Sich treu bleiben und heiter sein“, diese Maxime passt genau. Als ich sie vor einigen Jahren gemeinsam mit dem Londoner Luxemburg-Autor Richard Abraham zu einem Gespräch bei Kaffee und Kuchen besuchte, empfing uns eine herzenswarme und heitere Annelies Laschitza. An diesen langen Nachmittag im Herbst 2013 erinnere ich mich immer gern zurück.

Frisch erschienen ist aus ihrer Feder nun als Heft 14 der Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen „Sich treu bleiben und heiter sein …Erfahrungen und Entdeckungen durch Rosa Luxemburg in mehr als 50 Jahren“. Es ist keine Autobiographie, aber die „Geschichte hinter der Geschichte“.

In ihrem Kapitel „Zauberring der Erinnerung“ weiht uns Annelies Laschitza in den Moment ein, der ihre lebenslange Beschäftigung mit Rosa Luxemburg bewirkte. Als fünfzehnjährige Auszubildende beim Rat der Stadt Leipzig wurde am März, Rosas Geburtstag, aus einem ihrer vielen Briefe an Sophie „Sonitschka“ Liebknecht vorgelesen, es war FDJ-Gruppenversammlung. Die warmen und herzlichen Worte Rosas klangen fesselnd und so gar nicht nach einer im Gefängnis einsitzenden Revolutionärin. „Solche Zeiten bezauberten mich“, schreibt Annelies Laschitza, „waren unbewusst ein heimlicher Wink in die Zukunft“.

Nach Jahren des Studiums in Leipzig und der wissenschaftlichen Berufstätigkeit in Berlin, wo sie auch 1966 promovierte, lernte Annelies Laschitza Sophie Liebknecht, ihre Kinder und Enkel in Moskau kennen. Schon seit Ende 1959 gab es Pläne zur Erarbeitung einer Rosa-Luxemburg-Ausgabe. Doch galt immer noch das Dogma, dass Karl Liebknecht der Vorreiter der deutschen Linken war, wohingegen bei Rosa etliche, nach Lenin und Stalin, „falsche Auffassungen“ zu finden seien. So manches Hindernis galt es zu überwinden, selbst in den Archiven. Die lebenslange Arbeit an einer lebensnahen, authentischen Rekonstruktion des Lebens, Denkens und Wirkens Rosa Luxemburg vollzog sich zu Beginn auch als Streit mit ideologisch verbohrten und dogmatischen Positionen, die aus dem Stalinismus herrührten. So schien die angedachte achtbändige Ausgabe zunächst illusorisch, fünf Bände waren schließlich genehmigt. Sie erschienen zwischen 1970 und 1974, Band 1 kurz vor Rosa 100. Geburtsdatum.

Mit Günter Radzun hatte Annelies Laschitza einen kongenialen Mitstreiter gefunden. Mit ihm wurde sie im September 1973 von Lelio Basso, dem großen italienischen Linkssozialisten, zur ersten internationalen Konferenz über Rosa Luxemburg nach Reggio Emilia eingeladen. Die internationale Entspannungspolitik dieser Ära machte selbst „Eiserne Vorhänge“ durchlässig. Der Putsch gegen die Volksfront-Regierung von Salvador Allende in Chile und die spontanen Solidaritätsaktionen mit dem seiner Freiheit beraubten chilenischen Volk schweißten die Konferenz zusammen, für das Duo Laschitza / Radzun war klar, es musste alles getan werden, um Rosas umstrittenes Fragment „Zur russischen Revolution“ auch in der DDR erscheinen zu lassen. Wie wir wissen, gelang die Publikation im 4. Band von 1974.

Von grenzüberschreitender Bedeutung dürfte sicherlich Annelies Laschitzas Beratertätigkeit für Margarethe von Trottas Rosa-Luxemburg-Film, der 1986 uraufgeführt wurde, gewesen sein. In diesem Film werden sowohl die Gefühlstiefe als auch die unglaubliche sprachliche Emotionalität Rosa Luxemburgs in einer Weise greifbar, wie es nur Spitzenfilmen gegeben ist. Zur wirklichkeitsgetreuen Annäherung an die „echte“ Rosa gehören auch die sechs Bände der „Gesammelten Briefe“, die von 1982 bis 1993 erschienen. Sie und die immer noch zu erschließenden Quellen, die 2014 zu Band 6 und 2017 zum Doppelband 7/1 und 7/2 führten und gemeinsam mit Eckhard Müller herausgegeben wurden, sind eine Respekts- und Liebeserklärung an eine große, streitbare und gefühlsstarke Sozialistin. Sie sind aber auch der Ausweis der Lebensleistung einer großen Historikerin, die ? übrigens durchaus wie Rosa – immer ihre Unabhängigkeit verteidigt hat.

Erwähnenswert sind zum Schluss noch die beiden beeindruckenden Vorworte zu Band 6 und Band 7 der Gesammelten Werke. Wer sich über diese beiden Bände profund informieren möchte, findet somit einen idealen Einstieg.

Annelies Laschitza: Sich treu bleiben und heiter sein … Erfahrungen und Entdeckungen durch Rosa Luxemburg in mehr als 50 Jahren. Rosa-Luxemburg-Forschungsberichte, herausgegeben von Klaus Kinner und Manfred Neuhaus, Heft 14. Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen e.V., 232 S., br., 4 EUR; Bezug über die Stiftung, Harkortstraße 10, 04107 Leipzig, info@rosalux-sachsen.de.