„Ich kann nicht aus Hass schreiben“

Der Leipziger Schriftsteller Norbert Marohn war zu Gast bei Jour fixe. Von Wulf Skaun

Jour fixe einmal anders: Für die 29. Auflage wagten Manfred Neuhaus und Michael Zock ein Experiment. Und so kam der unkonventionelle Gesprächskreis in der Leipziger Dependance der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen Mitte Dezember als gestaltetes Interview daher. Mikrofon-Profi Michael Zock befragte den einheimischen Schriftsteller Norbert Marohn (Jahrgang 1952). Das Unterfangen gelang. Nach 90 Minuten hatte das interessierte Auditorium, auch dank eigener Nachfragen, einen facettenreichen Autor und Beispiele seines ebenso facettenreichen Werks kennengelernt. Dieser Bericht kann der unorthodoxen erkundenden Dramaturgie Michael Zocks und den ebenso nonkonformistischen Ad-hoc-Reaktionen seines Gesprächspartners nicht im Detail nachspüren. Aber so viel: Des Interviewers Absicht, in einer Art Werkstattgespräch dem eigenwilligen Prosaschreiber und Versemacher hinter die Stirn zu schauen, erfüllte sich.

Denn Zocks Plan ging auf, Fühlen und Denken, Themenwahl und Aussageintentionen des vielseitigen Wortproduzenten in seinen verschiedenen Lebensabschnitten anhand ausgewählter eigener Schriften zu „entblättern“. So hätte „Zum Beispiel Kullerbude“ über die Metamorphose des VEB Wälzlagerwerk Leipzig zum Konzern, zum Konkurs, zur GmbH so nicht geschrieben werden können, wäre Norbert Marohn nicht als Betriebszeitungsredakteur nah dran gewesen und hätte er nicht die „Lust verspürt“, öffentlich kundzutun, wie kapitalistisches „Plattmachen“ geht, aber auch durch ostdeutsche Solidarität verhindert werden kann. Je weiter Zock und sein Gast Rede und Gegenrede hielten, desto mehr wuchs das Verständnis im Auditorium für die arg zerklüftete berufliche Vita Marohns. Für seine Auf- und Abbrüche, wie bei den Studien der Internationalen Beziehungen und der Schauspielregie. Für die verschiedenen Lohnarbeiten, wie der eines Hotelrezeptionisten. Für einen kritisch Bewegten auf Identitätssuche. Hier brach einer nicht undiszipliniert vor unbequemen Herausforderungen ab, sondern, als Konsequenz unerfüllter Ideale, aus erkannten Irrtümern aus und immer weiter zu sich selbst auf. Sich treu bleiben zu können, begab sich Marohn endlich, nach diesmal absolviertem Leipziger Literaturinstitut, auf den beschwerlichen Weg eines freien Schriftstellers. Nicht ohne vor neuerlichen Moralitäts-Barrieren zu scheuen: „Ich kann nicht aus Hass schreiben“, verriet er im Jour-fixe-Gespräch. Er müsse wenigstens ein wenig Sympathie gegenüber jenen Menschen hegen, die er literarisch würdigen wolle. Mit einem aristokratisch abgehobenen Salonlöwen Rathenau sei das nicht zu machen gewesen, mit einem massenverbundenen SA-Führer Röhm schon. Zumal er über jenen temporären Hitler-Intimus die erste Biografie überhaupt im deutschsprachigen Raum schreiben und darin ein differenziertes Bild von dessen janusköpfiger Persönlichkeit zeichnen konnte. „Den wollte ich mit seinem Mitgefühl für die irregeführte ,Unterschicht‘ nicht den Rechten überlassen.“

Gebrochene, widersprüchliche, zwiespältige Charaktere, eher (nach den herrschenden Normen) Verlierer denn Sieger der Geschichte sind überhaupt Marohns bevorzugte Sujets. Über Max Hoelz, den „Roten Robin Hood“, hat er so ebenfalls ein einfühlsames Gedächtnisbuch publiziert. Auch seine Essaybände stellen Charaktere der Zeitgeschichte in den Mittelpunkt, die auf einsamem Posten stehen oder zwischen die Fronten geraten sind. Dass sein Herz links schlägt, verraten sowohl einschlägige Metaphern als auch offene Parteinahme. Die Einladung in die Rosa-Luxemburg-Stiftung bedeute ihm doppelte Freude: „Rosa hatte ja auch ein literarisches Leben.“ Als der Schriftsteller und sein Interviewer zum krönenden Abschluss ihres informativen wie unterhaltsamen Dialogs wechselseitig Texte aus seinem Essayband „Die Angst vorm Andern“ lesen, entlarvt Marohn auch die heimtückische Ermordung der unsterblichen Kommunistin durch die Noske-Soldateska. Zock hat einen Beitrag gewählt, der dem sowjetischen Dissidenten Andrej Sacharow als mutigem Verfechter der Menschenrechte gilt. Beide Lesestellen ? typische Marohn-Themen.

Sie provozieren noch Fragen des Publikums, wie die nach literarischen Vorbildern. Die habe er nicht wirklich. Er verehre Knut Hamsun und Anna Seghers. Aber Literaten vom Schlage Thomas Manns seien nicht seine Welt. „Bei ihm höre ich die Porzellantassen der Pringsheims klappern.“ Könne er denn sein Faible für die Biografie Gescheiterter erklären? Durchaus, er sei auf seinem Weg ins Leben selbst „grandios gescheitert“, ehe er seine Bestimmung als Autor gefunden habe. Erfolgshymnen seien nichts für ihn. „Auch über die Sorgen der Millionäre kann und will ich nicht fabulieren. Ich schreibe über die einfachen, oder wie es Werner Bräunig sagte, über die gewöhnlichen Leute.“

Warmherziger Beifall. Dank und Anerkennung für einen Gesinnungsfreund.